Schneechaos in London-Heathrow "Es ist ein einziger Alptraum"

Zehn Zentimeter Schnee haben Europas größten Flughafen in London-Heathrow lahmgelegt, gestrandete Passagiere versuchen, von der Insel zu flüchten. Die Betreiber ernten Häme und Spott: "Im Winter kann es schneien", titelt die "Times", und  "Stellt euch nicht so an da unten", kommentieren die Schotten.

REUTERS

London - Im Terminal drei des Flughafens London-Heathrow drängen sich Hunderte gestrandete Passagiere. Viele schlafen auf ihrem Gepäck, kaum ein Fleckchen Boden ist noch zu sehen, so vollgestopft ist der Flughafen mit Koffern, Taschen und Decken. "Bitte lassen Sie ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt", tönt es im Minutentakt durch die Lautsprecher. Die verzweifelten Passagiere hätten gern Informationen von größerem Nutzwert.

Die aber sind Mangelware. Die Passagiere fühlen sich allein gelassen. Nicht einmal die Versorgung mit Decken und heißen Getränken klappt reibungslos. Geschweige denn, dass jemand einen Ausweg beschreiben kann. Viele Reisende suchen ihr Heil in der Flucht in eines der Hotels der Innenstadt. Die Pubs rund um den Bahnhof Paddington, die Endstation des Heathrow-Express, werden zur Informationsbörse für Gestrandete aus aller Welt.

"Die ganze Situation ist ein einziger Alptraum", sagt die Amerikanerin Suzie Devoe. "Ich will einfach nur nach Hause zu meiner Familie." Renate Skoff aus Wien hat mit ihrem Mann ein Hotel in der Innenstadt ergattert. Ihre Kreuzfahrt in Südamerika, die in Rio de Janeiro starten sollte, hat sie abgeschrieben. Stattdessen sucht sie inzwischen seit Samstag nach ihrem Gepäck, das unauffindbar irgendwo in den Katakomben von Heathrow liegt. "Uns ist gesagt worden, dass gegenwärtig 400.000 bis 500.000 Gepäckstücke dort liegen", sagt sie.

Viele Reisende versuchten, von London aus mit Bussen und Zügen zu Fähranlegern und damit irgendwie aufs europäische Festland zu kommen. "Das Motto lautet: Irgendwie runter von der Insel", beschrieb ein Gestrandeter die Stimmung unter den Reisenden. Die Betreiber des Eurostar-Zuges durch den Kanaltunnel von London nach Brüssel und Paris nahmen keine Buchungen mehr an. Am Abfahrtbahnhof des Eurostar St. Pancras in der Londoner Innenstadt betrug die Wartezeit am Mittag rund fünf Stunden.

"Stellt euch nicht so an da unten"

British Airways wollte am Montag zumindest 60 Flüge von Heathrow abwickeln - ein Bruchteil des Normalbetriebs. Die Fluggesellschaft British Airways sagte für Montag alle Kurzstreckenflüge ab. 48 Stunden nach dem letzten Schneefall war noch immer nur eine der beiden Startbahnen betriebsbereit. Der größte Flughafen Europas, eines der wichtigsten Drehkreuze der Welt, hat vor zehn Zentimetern Schnee praktisch kapituliert.

Passagiere aus Skandinavien, Kanada oder auch aus den Alpenländern schütteln nur den Kopf. Und auch innerhalb Großbritanniens wettern die Menschen aus dem Norden über die "Weicheier" im Süden. "Stellt euch nicht so an da unten", lautet einer der Kommentare aus dem seit Wochen mit Schnee und Eis kämpfenden Schottland im Internet. "Im Winter kann es schneien", schreibt die Zeitung "The Times" voller beißender Ironie und wirft dem Londoner Flughafenbetreiber BAA, der zum spanischen Baukonzern Ferrovial gehört, ein Sparen an falscher Stelle vor.

Warum es überhaupt passieren konnte, dass der Riesenflughafen zum Stillstand kam, warum es dann so lange dauerte, bis die ersten Maschinen am Montagmorgen wieder landen konnten: Diese Fragen müssen sich der Airport-Betreiber und die Fluggesellschaften nun gefallen lassen. "Der Schnee fiel innerhalb sehr kurzer Zeit", sagt Andrew Teacher von BAA. Personal und Maschinen seien schlicht überfordert gewesen. In solchen Situationen gehe die Sicherheit vor. "Wäre etwas passiert, hätten alle gefragt, warum der Flughafen nicht geschlossen wurde", verteidigt Teacher die Maßnahme.

Eispanzer auf den Rollfeldern

Der Flughafen hat im vergangenen Jahr sechs Millionen britische Pfund (sieben Millionen Euro) in neue Enteisungs- und Schneeräumtechnik investiert. "Vergangenen Donnerstag waren die Tanks für Enteisungsmittel in Heathrow und Gatwick voll", sagte der britische Verkehrsminister Philip Hammond. Es sieht ganz so aus, als hätten die Verantwortlichen die Wettervorhersage nicht ernst genug genommen und schlicht zu langsam reagiert.

Als dann am Samstag der Winter mit Macht zuschlug und die Rollfelder erst einmal mit Schnee und Eis bepackt waren, war es zu spät. Der Eispanzer hatte genug Zeit, sich auf den Rollfeldern festzusetzen, die Maschinen konnten nicht mehr sicher bewegt werden.

"Die meisten Menschen haben mitgekriegt, dass es jetzt längere Zeit nicht mehr geschneit hat", sagte der Londoner Bürgermeister Boris Johnson am Sonntag, 24 Stunden nach dem letzten Schneefall, voller Ungeduld. Im Klartext hieß das an die Flughafenbetreiber gerichtet: Beeilt euch gefälligst! Johnson verwies auf die Bedeutung des Flughafens, gerade in der Weihnachtszeit. Und hatte dabei wohl auch den möglichen Imageschaden für seine Stadt im Sinn.

Michael Donhauser, dpa

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Susiisttot 20.12.2010
1. So So 10 cm
Zitat von sysopZehn Zentimeter Schnee haben Europas größten Flughafen in London-Heathrow lahm gelegt, gestrandete Passagiere flüchten in die Innenstadt. Die Betreiber ernten Häme und Spott: "Im Winter kann es schneien", titelt die "Times", und* "Stellt euch nicht so an da unten", kommentieren die Schotten. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,735687,00.html
Na, da fragt man sich doch, was machen die eigentlich wenn es mal so eine richtige Katastrophe gibt. Aber die Briten sind da ja nicht alleine - auch in Deutschland und Frankreich ist es doch ein Witz. 10 cm Schnee und schon ist Chaos pur.
jthediver 20.12.2010
2. Albtraum
Zitat von sysopZehn Zentimeter Schnee haben Europas größten Flughafen in London-Heathrow lahm gelegt, gestrandete Passagiere flüchten in die Innenstadt. Die Betreiber ernten Häme und Spott: "Im Winter kann es schneien", titelt die "Times", und* "Stellt euch nicht so an da unten", kommentieren die Schotten. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,735687,00.html
Na ja, mal ehrlich. London-Heathrow ist ja schon unter normalen Umständen kaum zu ertragen. Einer der schlimmsten Flughäfen die ich kenne. Der Fairness halber - die haben ja auch ein riesiges Passagieraufkommen. Trotzdem...
Nemetz 20.12.2010
3. lachhaft
Aus dem SPON-Artikel: (>>>>>>>>>>) Zehn Zentimeter Schnee haben Europas größten Flughafen in London-Heathrow lahmgelegt, gestrandete Passagiere versuchen, von der Insel zu flüchten. Die Betreiber ernten Häme und Spott: "Im Winter kann es schneien", titelt die "Times" (
karin.nahm 20.12.2010
4. Airlines .
Man/frau sollte nicht ungerecht sein, denn was gut funktioniert bei Fluggesellschaften sind: Preiserhöhungen, Aussitzen von Reklamationen, Abweisen von Verantwortung bei Katastrophen, Hilfestellungen ingnorieren, und das zur Schau tragen von Überheblichkeit gegenüber Fluggästen. Selbst "Saftschubsen" zeigen sich manchmal den Gästen überlegen, denn sie wurden ja mal Stewardessen genannt... Gerechtigkeits halber sei aber gesagt, die Mehrzahl von ihnen ist nett.
FJHK 21.12.2010
5. 10 cm ....
Ich weiss eigentlich gar nicht was daran so interesannt ist, ausser das die Medien ein Thema suchen. Es ist keiner verletzt, keiner tot, keiner in Gefahr. Nur X-mas und Schnee. Da ist es mal weiss und es wird zum Thema gemacht weil dieser order jener eben was anderes erlebt als er wollte. Hoert auf nur Schuldige zu suchen wenn es mal anders kommt. Alles nur ein hochgepuschtes Medienereignis auch Winter genannt.
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