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Wandern in Schottland: Pack die Regenhose ein

Foto: Ralf Gantzhorn

Schottland-Bildband Genießt den Schmerz!

Wandern in Schottland ist nichts für Weicheier. Tourengeher müssen sich mit Regengüssen, Wind und fiesen Stechfliegen plagen. Ein neuer Bildband zeigt, warum die Highlands und Co. dennoch zu den schönsten Outdoor-Regionen der Welt gehören - und warum die Risiken hier oft unterschätzt werden.

Der höchste Berg ist gerade mal 1344 Meter hoch, das Wetter legendär schlecht, die Stechfliegenplage weltweit wohl einzigartig: Wer die Fakten betrachtet, kommt schwerlich zu dem Schluss, dass Schottland für Wanderer und Alpinsportler ein lohnendes Ziel sein könnte. Zudem haben viele der Hügel auch noch Namen, die kein Nicht-Schotte aussprechen kann: Wer damit prahlt, den Eididh nan Clach Geala und den Coire Mhic Fhearchair bestiegen zu haben, wird dafür weniger Bewunderung ernten als jemand, der von einem gemütlichen Talspaziergang am Matterhorn, Großglockner oder Mont Blanc erzählt.

Wenn es nach dem Journalisten Jan Bertram und dem Fotografen Ralf Gantzhorn geht, wird sich das bald ändern. "Schottlands Berge gehören sicherlich zu den am häufigsten unterschätzten Hügeln auf diesem Planeten", schreiben sie in ihrem Bildband "Schottland - Outdoor-Erlebnis am Rande Europas", der soeben erschienen ist.

Denn im Norden Großbritanniens sorgt das unvorhersehbare Wetter immer wieder dafür, dass Wanderer fast vom Grat geweht werden, im tiefen Moor kaum weiterkommen oder von unerwartet breiten Flüssen gestoppt werden. "Enjoy the pain", lautet eine gängige Grußformel unter Schottland-Trekkern: Die Briten sind stolz darauf, dass ihre Natur nichts für wasserscheue Kontinental-Weicheier ist.

"Außer in Skandinavien gibt es in Europa nirgendwo so eine unberührte Wildnis", schwärmt der 47-jährige Gantzhorn, der selber erfahrener Alpinist ist. In Schottland machte er 1983 die erste Klettertour seines Lebens: Ein Freund nahm ihn auf den Inaccessable Pinnacle mit, einen steil aufragenden Gesteinsbrocken, der zu den Munros gehört, Schottlands 284 Hügeln mit mehr als 3000 Fuß Höhe (knapp tausend Meter). "Munro-Bagging" ist ein Volkssport in der einheimischen Wanderszene, wer sie alle bestiegen hat, darf sich "Munroist" nennen.

Vier Jahreszeiten pro Tag

Gantzhorn hat es nicht auf den Titel abgesehen, mit dem Zählen hat er aufgehört. "Um die 120" habe er wohl bestiegen, berichtet er. Fast jeden Winter reist er zum Eisklettern nach Schottland, im hochsommerlichen Juni und August dagegen rät er von Reisen ab. Dann nämlich sind die Midges, die Stechfliegen, besonders aktiv: Wie winzige Geschosse attackieren sie zielsicher freie Hautstellen, tagelang jucken ihre Stiche. Gantzhorn hat in den Highlands schon Wanderer gesehen, die mit Motorradhelmen unterwegs waren, um sich vor den winzigen Angreifern zu schützen.

Für einen Outdoor-Fotografen sei das Land jedoch das ganze Jahr über ideal, "gerade weil sich das Wetter so schnell ändert". Selten müsse man allzu lange auf gutes Licht warten. Vier Jahreszeiten an einem Tag sind sprichwörtlich keine Seltenheit, und gerade wenn plötzlich die Sonne nach einem Regenguss wieder durchkommt, sorgt das für spektakuläre Motive, wie viele Seiten des Bildbands beweisen.

Wer etwas über Whisky, Dudelsäcke, Golf oder Männerröcke erfahren will, ist mit dem Buch übrigens schlecht beraten, stattdessen lernt der Leser jede Menge über Geologie, Menschen und Moore. Außerdem stellen die Autoren zahlreiche mehrtägige Wanderrouten vor, wie den Southern Upland Way, der sich 341 Kilometer weit von der West- zur Ostküste erstreckt. Dazu gibt es Höhenprofile und Informationen zu Anforderungen, Unterkünften und Karten.

Den West Highland Way, den beliebtesten Wanderweg Schottlands, halten Gantzhorn und Bertram übrigens wegen der Menschenmassen für überschätzt - und weil er über lange Strecken parallel zur Schnellstraße A82 verläuft. Stattdessen empfehlen sie beispielsweise die Haute Route des Lochaber-Distrikts, eine weniger bekannte dreitägige Rundtour in der Nähe des Ben Nevis, des mit 1344 Metern höchsten Bergs Großbritanniens. Kein schlechter Start übrigens für angehende Schottland-Dauergäste: Gleich zwölf Munros können auf dem Weg bestiegen werden.