Schweiz Der Berg muht

Auf uralten Pfaden durch die Alpen: Der Walserweg ist 600 Jahre alt und wirkt noch heute stellenweise wie aus einer anderen Zeit. Wer sich auf diesen Weg macht, entdeckt einige der abgelegensten, aber schönsten Seiten der Schweiz – falls ihm nicht vorher der Himmel auf den Kopf fällt.

Von Florian Harms


Zwei Minuten bevor ihm der Himmel auf den Kopf fällt, hat der Wanderer die Felswand erreicht. Mit rasselndem Atem stützt er sich auf den grauen Granit und stemmt seine Stiefel ins Geröll. Schwer wie Blei erscheinen sie ihm. Rechterhand fällt der Abhang ins Gafia-Tal, links dräut der Berg. 1200 Meter Höhenunterschied sind es vom lauschigen Dorf St. Antönien bis hinauf zu den nebelverhangenen Klippen des Rätschenjochs, 600 davon hat er jetzt hinter sich. 600 Meter, die sich auf vier Kilometer Aufstieg verteilen. 600 Meter, auf denen die saftig grünen Auen zunächst von erdigen Furchen abgelöst werden und dann von schroffem Fels. 600 Meter, bei denen der Wanderer auf dem ansteigenden Pfad seine Beine bei jedem Schritt ein kleines Stückchen höher anheben muss. 600 Meter, die ihm vorkommen wie die Ewigkeit.

Die Ewigkeit endet mit einem gewaltigen Gewitterschlag. Gerade als der Wanderer den schweren Rucksack abgesetzt und den Flachmann entkorkt hat, um seinen vor Anstrengung zitternden Beinen ein Stärkungsschlückchen zu spendieren, öffnet sich die Wolkendecke für ein, zwei Sekunden und lässt eine Donnersalve hindurchschlüpfen, die sich nur deshalb aus den Weiten des grauen Alpenhimmels aufgemacht zu haben scheint, um genau in diesem Moment auf den Wandersmann niederzufahren. Trommelfelle und Beine zittern kurzzeitig im Takt, bevor der Wanderer den Schrecken und einen weiteren Schluck aus dem Fläschchen verdaut hat. Hinterher noch ein Riegel der guten Schweizer Schokolade, dann geht es weiter durch den Nieselregen. Schritt für Schritt für Schritt. Schließlich liegen nicht nur weitere 600 Höhenmeter Aufstieg, sondern auch noch 1000 Höhenmeter Abstieg vor ihm - hinten, auf der anderen Seite des Berges im Schlappintobel.

"Ja ja, das Rätschenjoch ist kein Kinderspaziergang", sagt Putzla Aeppli-Kreuzeder vier Stunden später, als sie dem Wanderer ihr hausgemachtes Rösti serviert. "Da muss man schon gut beieinander sein." Die Wirtin des "Berghaus Erika", das sich ganz hinten an die steilen Hänge des Schlappintobels schmiegt, kennt die Gipfel und Täler seit ihrer Kindheit. Wer den berühmten Walserweg geht, der die ganzen Alpen durchzieht, kommt irgendwann auch an ihrem Haus in dem kleinen Seitental des Prättigaus im Schweizer Kanton Graubünden vorbei.

Hotel wäre zu viel gesagt, Hütte zu wenig. Übernachtungsgäste schlafen zwar in holzgetäfelten Kammern unterm Dach, die Namen wie "Brunftzimmer" oder "Balzzimmer" tragen und aus ganzen Holzstämmen gezimmerte Betten bieten. Aber abends werden sie in die Familie aufgenommen und dürfen ihr Abendessen in deren Wohnzimmer genießen - einer gemütlichen, warmen Stube mit groben Holztischen unter einer niedrigen Decke, Jagdtrophäen an den Wänden und einem rustikalen Holzschild neben der Küchentür. Die Aufschrift: "Die Hausordnung". Daran aufgehängt: ein 30 Zentimeter langer Knüppel.

Der Rubel rollt im Tale

Doch der dient allenfalls der Folklore, denn friedlicher als in dieser Stube könnte es kaum zugehen - kein Wunder, wenn erschöpfte Wanderer auf Einheimische treffen, für deren Temperament der Begriff "Seelenruhe" einst erfunden worden sein könnte. Die Familie speist Brot und Käse, den Gästen bringt Putzla Rösti und Chäsgetschäder, eine Spezialität des Prättigaus: in Milch getunktes Brot, das in einer Pfanne geröstet und dann mit Bergkäse überbacken wird und viel besser schmeckt als es klingt. Zumal Putzlas fleißige Tochter dazu eine der berühmten Schweizer Calanda-Bierflaschen mit exakt 580 Milliliter Inhalt serviert. Keinen Tropfen weniger. Das ist die Schweiz. Und das ist sogar noch besser als der Schnaps vier Stunden zuvor.

Dabei hatte das Feuerwasser die härteste Etappe des Weges überhaupt erst erträglich gemacht. Wie die meisten Tourengeher hatte der Wanderer den Weg in Österreich begonnen und sich dann gen Süden vorgekämpft: nach der Ankunft im Montafoner Tschagguns mit der Bergbahn hinauf zur Golmalpe und den von Rindviechern umgepflügten Hang des Gauer Tals entlang zur Lindauer Hütte. Dort in 1744 Metern Höhe die erste Bergnacht.

Am folgenden Tag ging's hinauf zum sagenumwobenen Drusentor – einer Felsspalte, die so schaurig schön im Grat klafft, dass die Phantasie des Wanderers sogleich zu jenen Berggeistern schweifte, die hier des Nachts ihr Unwesen treiben mögen. Weiter dann zur Carschina-Hütte, die mutterseelenallein auf einem Felsplateau über die Gipfelwelt wacht. Gern schenkte der Wanderer sein Ohr dem schnauzbärtigen Hüttenwart, der ihm den Klatsch und Tratsch aus Klosters einschenkte, dem Ort unten im Tal, wo "reiche Russen große Geschäfte machen." Von Immobilien war die Rede und von Einheimischen, die staunend dem hemdsärmeligen Investitionseifer der Osteuropäer weichen. Der Rubel rollt im Tale. Aber auch hier droben auf der Hütte läuft es rund – natürlich in bescheidenerem Umfang. "4000 Übernachtungen jährlich!" frohlockt der Hüttenwart. " 's ischt enorm!"



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Seite 1
inci 12.10.2006
1.
---Zitat von sysop--- Gipfel wohin man auch schaut: Die Schweiz ist vor allem für ihre Berge berühmt. Welche sind für Sie die schönsten? Was lohnt sich noch zu entdecken im Land der Eidgenossen? ---Zitatende--- engadiner nußtorte und toblerone..........
Reziprozität 12.10.2006
2.
---Zitat von sysop--- Gipfel wohin man auch schaut: Die Schweiz ist vor allem für ihre Berge berühmt. Welche sind für Sie die schönsten? Was lohnt sich noch zu entdecken im Land der Eidgenossen? ---Zitatende--- Wer des Hochalpinen müde ist und die besagten berühmten Berge alle schon mal abgeklappert hat, dem empfehle ich eine Stippvisite im Appenzeller Land: Gonten/Gontenbad (http://www.gonten.ch/gonten/), sehr zu empfehlen...
sojiti, 12.10.2006
3.
---Zitat von Reziprozität--- Wer des Hochalpinen müde ist und die besagten berühmten Berge alle schon mal abgeklappert hat, dem empfehle ich eine Stippvisite im Appenzeller Land: Gonten/Gontenbad (http://www.gonten.ch/gonten/), sehr zu empfehlen... ---Zitatende--- (Sach mal Rezi, wie hast Du das denn hinbekommen, ein eigener Fred für Dich?) Also ich hab eigentlich nur den Gotthardt-Tunnel in Erinnerung, lange davor stehen im Stau, lange darin stehen im Stau und dabei Holländer beobachten, die in Parkbuchten Picknick gemacht haben....
tatanka yotaka, 12.10.2006
4.
---Zitat von sysop--- Gipfel wohin man auch schaut ... ---Zitatende--- Stimmt, besonders bei den Preisen ... ---Zitat von sysop--- Was lohnt sich noch zu entdecken im Land der Eidgenossen? ---Zitatende--- Vor allen Dingen die hohe Kunst der Rosinenpickerei ...
Rainer Helmbrecht 12.10.2006
5.
---Zitat von sysop--- Gipfel wohin man auch schaut: Die Schweiz ist vor allem für ihre Berge berühmt. Welche sind für Sie die schönsten? Was lohnt sich noch zu entdecken im Land der Eidgenossen? ---Zitatende--- Der liebe Gott ging mit dem Erzengel Gabriel nach der Erschaffung der Welt auch noch mal durch die Schweiz. Sie bewunderten die Freipferde im Jura. Die Bernhardinerhunde, die saftigen Wiesen in den Tälern, auf den Höhen. Die Gipfel der hohen Berge, die vielen Seen, ein Teil des Landes war schöner, als der nächste. Da fragte der Erzengel Gabriel: Herr, ist das nicht zu viel Schönheit und Reichtum für ein einziges Land? Und der antwortete: du weisst, dass ich die Gerechtigkeit selbst bin, nun warte mal ab, was ich hier für Menschen hinsetze;o).
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