Schweiz Die letzten Säue von St. Moritz

Abfallrecycling im Nobelort: Was die Kaviar schmausenden Gäste im Luxusrestaurant übrig lassen, verfüttert ein Schweinewirt an seine Tiere. In St. Moritz ist er der letzte mit diesem Job - aus Rücksicht auf die empfindlichen Nasen der Touristen.

Von Rahel Plüss


"Dass die immer so rasen müssen." Danco Motti schüttelt den Kopf und wendet sich vom Küchenfenster ab. Das kleine Wohnhaus mit seinen beiden dazugehörigen Schuppen und dem großen etwas zurückversetzten Stallgebäude liegt mitten im Skigebiet Corviglia. Der Landwirt wird ungeduldig. Heute sollen ihm hundert Schweine geliefert werden.

Er ist der Einzige, der diese Tiere in St. Moritz noch halten darf. Zu sehr stechen sie den Gästen in die Nase. Eigentlich hat er keine Zeit zu verlieren. Bis zur Ankunft seiner Säue bleiben nur wenige Stunden. Erst gilt es aber, die Kühe und Pferde zu versorgen.

Auf der Türschwelle schlüpft er in die Stiefel. Über den Gipfeln steht ein roter Feuerball. Motti hält die Nase in die kühle Abendluft und seufzt leise. Der Tag ist bald um. Es wird eine eisige Nacht geben. Langsam kehrt am Berg über St. Moritz Ruhe ein. Auch die letzten Skifahrer haben die Talabfahrt unter ihre Bretter genommen. Die Bahnen stehen still, die Lichter sind gelöscht, das Skigebiet leert sich.

Im Unique Hotel "Laudinella" klingen Champagnergläser, werden Weinkelche fachmännisch geschwenkt, nippen tiefrote Lippen an Drinks und lächeln geschmeichelt. Tag und Pelzmantel sind abgelegt. Skidress gegen leichte Kleidung eingetauscht. Im Schweinestall herrscht Stille. Durch die Decke kann man schwach das Mahlen von Kuhmäulern und das leise Rasseln von Ketten vernehmen. Hier unten rührt sich nichts. Es ist kühl. Die Tür steht offen. Danco Motti lockert Stroh von gepressten Ballen und verteilt es auf dem nackten Betonboden. Eine Maus huscht vorüber.

Aufzucht am Nobel-Hotel

Hier auf Ober-Alpina, 2000 Meter über dem Meer und gleich oberhalb jenes St. Moritzer Viertels, in dem die Reichsten dieser Welt ihre Villen an den Hang geklebt haben, bereitet er seinen Schweinen das Quartier. Im Speisesaal des Buffet-Restaurants klappert Besteck. Am Buffet bewegen sich gepflegte Hände geschickt zwischen Salatblättern, Lachstranchen und Gemüsebouquets. Ein fragender Blick, natürlich gibt es noch Kaviar, bitte entschuldigen Sie.

Ein Lastwagen kriecht aus dem Dorf die Straße hinauf. Am hell erleuchteten "Suvretta House" biegt er rechts in den Wald ab. Er knurrt und schnauft. Meter für Meter arbeitet er sich entlang der Via Alpina hinauf ins Skigebiet. Ein blasser Mond steht am Himmel und taucht die Schneelandschaft in fahles Licht. Doch der Fahrer hat keine Augen für ihn. Er muss sich auf die Straße konzentrieren. Schließlich hat er hundert Schweine geladen.

Die Gäste haben sich dem St. Moritzer Nachtleben zugewandt. Im leeren Speisesaal hängt der Duft von Essen, von Kaffee und Zigarren in der Luft. Bedienstete eilen zwischen den verwaisten Tischen hin und her. Es wird in die Küche zurückgeschafft, was vom Mahl übrig geblieben ist. Dort stehen auch schon die Eimer bereit. In den Leitungen gurgelt es. Ein Ächzen durchfährt die Kunststoffrohre an der Decke des Schweinestalls. Das neue System droht unter dem Hochdruck zu bersten. "Das wäre eine Sauerei." Danco Motti stöhnt. Nervosität befällt ihn. Nicht jetzt, da alles fertig ist und die Schweine jeden Moment da sein können! "Es muss einfach klappen!"

Zaghaft öffnet er den nächsten Hahn. Wieder rauscht es über seinem Kopf. Das graue Rohr zittert, als bekomme ihm die Schweinenahrung nicht. Doch dann sprudelt es nur so aus ihm heraus. Alles geht glatt: Trog um Trog füllt sich mit der braunen Flüssigkeit. "Das Buffet des Hotels Laudinella." Der Landwirt lacht entspannt. Heute Morgen hatte Danco Motti beim "Laudinella" eimerweise Essensreste geholt. Neben den Hotels in St. Moritz Bad bedient er auch diejenigen in Samedan und das komplette Skigebiet Corviglia.

Pferdekutschen bringen Umsatz

Früher war das Einsammeln der Küchenabfälle in solch einem großen Stil nicht nötig: Seit Beginn des touristischen Aufschwungs um 1860 hatte nämlich nahezu jedes Hotel seinen eigenen Bauernhof. Praktisch war immer auch ein Schweinestall dabei, der nicht nur Fleisch und Wurst auf den Tisch der Feriengäste lieferte, sondern wohin auch die überschüssigen Nahrungsmittel zur Wiederverwertung gelangten. "Wären die Touristen nicht da, würde ich hier auch keine Landwirtschaft betreiben", so Danco Motti.

Damit nimmt er aber nicht nur auf seine Schweinemast Bezug, sondern auch auf seine Arbeit mit den Pferden. Denn daraus macht der Bauer keinen Hehl. Die Pferdekutschen fahren ihm in den wenigen Winterwochen den Verdienst ein, mit dem er seinen Betrieb durch das ganze restliche Jahr bringt. Das Aufrechterhalten einer Tradition allein ist es aber nicht, was ihn als einen der beiden letzten Landwirte in St. Moritz überleben lässt. Auch sein Geschick, aus der Not eine Tugend zu machen.

Vor eine neue Aufgabe stellten ihn denn nun auch die neuen Bioschweine. Für sie musste er nicht nur den Stall umbauen und mit einem Auslauf versehen, sie werden sich auch nur noch zu 30 Prozent von Essensresten ernähren dürfen. Ihr restlicher Nahrungsbedarf muss mit zugekauftem, biologischem Kraftfutter gedeckt werden. Was ist aber mit den vielen Hotelabfällen anzufangen? Danco Motti dazu: "Strom erzeugen." Das ist keine wahnwitzige Idee eines Bauern, sondern ein bereits lanciertes Projekt.

Zusammen mit Berufskollegen aus Silvaplana und Sils hat er eine Biogasanlage gebaut, deren Strom ins normale Netz einfließt. "Was die Touristen heute nicht essen, kommt morgen in die Glühbirne." Das Telefon an seinem Gürtel klingelt. Jeden Moment müssten die Schweine kommen. Der Chauffeur sei unten im Wald gerade dabei, Schneeketten für das letzte Wegstück zu montieren. Motti tritt auf die Terrasse hinaus. Im Mondschein hängen die Seile der Signal-Bahn wie Silberfäden über Wald und Hof. Es ist, als erstarrte die Welt.

Jeden Abend das gleiche Schauspiel: Mit der Sonne verschwindet das Leben vom Berg. Das Gewimmel macht einer eisigen Stille Platz. Wenn morgen früh die Touristen in der Gondel den Berg hinaufgetragen werden und auf ihren Ski die Pisten zurückerobern, suhlen sich hier 70 Meter unter den Drahtseilen die letzten hundert Schweine von St. Moritz.



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