Mein Lieblingswinterziel Lenzerheide, Kindertraum mit Bananenlift

Verena Töpper

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Der Bananenlift musste als Erstes dran glauben. Als Kind war die Fahrt mit ihm immer einer der Höhepunkte des Urlaubs: Nach der Hälfte der Strecke wurde das Stahlseil, an dem die Skibügel hängen, über ein großes Rad nach rechts geleitet. Man stand also in der Liftspur, klammerte sich am Bügel fest - und zack, fuhr man auf einmal um die Ecke. Die Fahrt war alles andere als rasant, man zuckelte eher in die Kurve, aber wo gab es das schon: einen Skilift, der die Richtung wechselt?

Jetzt ist er weg. Und der Skilift daneben auch. Ersetzt durch einen Sessellift, mit Haube, damit einem der Wind nicht mehr um die Ohren pfeift. Aus den vielen verwinkelten Abfahrten ist eine große Piste geworden. Breit und baumlos, mit fest installierter Beschneiungsanlage. Ein Teil davon heißt jetzt "Funslope", Spaß-Piste. Es gibt dort Rampen und Sprungschanzen und Slalomfahnen. Das Wasser für den Kunstschnee wird vom neu angelegten Stausee herübergepumpt.

225 Pistenkilometer, drei Gondel- und 18 Sesselbahnen, das sind die Maße des Schweizer Skigebiets, das nun Arosa Lenzerheide heißt. Die neue Doppel-Pendelbahn zwischen den beiden Orten soll Mitte Januar eröffnet werden.

Bei meinem ersten Winterurlaub in Lenzerheide (die Einheimischen sagen: "auf der Lenzerheide") war ich sechs Monate alt. Von da an fuhr ich mit meiner Familie jedes Jahr dort hin. Drei Wochen im Winter, manchmal auch im Sommer. Im Skikindergarten sang ich Kinderlieder auf Schweizerdeutsch, ich ließ mir Geschichten von Globi vorlesen und in der Bäckerei bestellte ich "Gipfel". Zum Bezahlen reichte ich der Verkäuferin einfach das Portemonnaie über den Tresen. Der Skilehrer zeigte uns die Kühe in seinem Stall, und der Mann von der Bergwacht passte auf, dass jeder den Skiliftbügel richtig erwischte.

Mit dem Lenzerheide von damals hat das Lenzerheide von heute nicht mehr viel gemein. Größer, schöner, teurer - keine Saison vergeht mehr ohne Neuerung. Die Schwimmhalle ist jetzt ein Wellnessbad mit Whirlpool im Freien, und im Sportgeschäft gibt es Jacken für 2000 Franken. 29 Millionen Franken soll der Schweizer Tennisstar Roger Federer allein für sein Grundstück im Ort bezahlt haben. Kinder klettern die Hügel nicht mehr mit ihren Skiern hoch, sondern fahren auf Förderbändern, und jeden Freitagabend werden für die "SnowNight" die Flutlichtscheinwerfer angeworfen. Wer will, kann sich die laut Werbebroschüre "steilste Damenabfahrtsstrecke der Welt" hinunterstürzen - oder eben die "Funslope".

Ich habe mir im Internet eine Animation der neuen Abfahrt angesehen und mich gefragt, seit wann man zum Spaß haben auf der Piste eigentlich eine Spaß-Piste braucht. Ich würde lieber noch einmal mit dem Bananenlift fahren.



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3 Leserkommentare
thomasconrad 04.12.2013
t4b 04.12.2013
Sonne123 05.12.2013

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