Unerschwingliche Schweiz Ade Matterhorn, hallo Zugspitze?

Mit dem Kurssprung des Franken verliert das Reisebudget deutscher Touristen in der Schweiz spürbar an Wert, mitten in der Skisaison. Wem der gebuchte Urlaub zu teuer ist, kann stornieren und auch mit Kulanz rechnen.
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"Toll. Jetzt bekomme ich schon die ersten Absagen, mit der Frage, ob wir einen besseren Eurokurs anbieten können", twitterte der Schweizer Hotelier Thomas Frei aus Gstaad  nach der Entscheidung der Schweizer Nationalbank den Mindestkurs zum Euro aufzuheben. "Wenn ich schon gerade hier bin - will jemand mein Hotel kaufen?"

Andere Hotels bekommen gerade zu diesen Zeiten positive Rückmeldung von ihren Kunden. "Manche Gäste riefen an und sagten uns, dass sie trotzdem gerne kommen wollen", berichtet die Direktorin eines Zwei-Sterne-Hotels im beliebten Skiort Davos. Wolle jemand stornieren, so könne er das zu den regulären Bedingungen tun.

"Wir sind hier schon kulant und würden eine Ausnahme machen", sagt Karim Neujahr vom Vier-Sterne-Hotel Monte Rosa  im Ski-Ort Zermatt.
Normalerweise zahle man bei einer Stornierung einen Tag vor Urlaubsantritt 50 Prozent des Übernachtungspreises; Storniere man am selben Tag, seien es 100 Prozent. Absagen habe das Hotel bisher allerdings noch nicht erhalten, die Gäste kämen vorwiegend aus England, Belgien, Russland.

Für viele Euro-Touristen sind die Kosten in der Schweiz ohnehin schon teuer, jetzt sind sie über Nacht weiter gestiegen. Ein Skipass in Zermatt für sieben Tage kostet für Erwachsene derzeit 387 Schweizer Franken. Für diesen Betrag müssen deutsche Urlauber jetzt rund 380 Euro eintauschen. Vor der Freigabe des Franken waren es nur rund 322 Euro.

Der Preis für einen Sechstages-Skipass im Skiressort Verbier stieg umgerechnet von 296 auf 347 Euro. Für ein Cordon bleu im Züricher Zeughauskeller zahlt man 27,90 Euro, vier Euro mehr als vorher.

"Der ausländische Gast hat seine Ferien mit seiner Heimwährung kalkuliert", sagt Christoph Juen vom Schweizer Hotelverband Hotelleriesuisse. "Wenn er damit nun 15 bis 20 Prozent weniger Schweizer Franken bekommt, dann hat er auch ein entsprechend kleineres Budget für seine Ferienausgaben." Im Moment habe die Entscheidung der SNB noch keine Auswirkungen auf die Wintereinnahmen, sagt Juen, bei einer stagnierenden oder rückläufigen Zahl ausländischer Hotelgäste kämen allerdings die Preise und Margen der Hotels unter Druck - bis hin zur Existenzgefärdung.

Urlauber werden auf Deutschland oder Österreich ausweichen

"Die Aufhebung des Mindestkurses bringt eine massive Verteuerung des Ferienlandes Schweiz mit sich", sagt Juen. Die Hotelbranche fürchtet um ihre deutschen Gäste. Und die Touristik-Betriebe in der Schweiz haben ohnehin ein großes Problem, entscheiden sich doch immer weniger deutsche Touristen für einen Urlaub in der Schweiz. Mehr als sechs Millionen Übernachtungen buchten die Deutschen 2008 in Schweizer Hotels, fünf Jahre später waren es 1,7 Millionen weniger.

"Die aktuelle Lage ist gravierend", sagt Barbara Gisi vom Schweizer Tourismus-Verband (STV). "Dabei ist der Schweizer Tourismus doch schon mit anderen Herausforderungen konfrontiert: Weltweite Konkurrenz, hohe Preise für ausländische Gäste, auch schon bei einem Mindestkurs von 1,20 Schweizer Franken und ein wetterbedingt schlechter Start in die Wintersaison."

Hotelier Peter Bodenmann, ehemaliger SP-Parteipräsident, erwartet die ersten Rückgänge schon für die verbleibende Skisaison. Eine existenzielle Gefährdung für sein Drei-Sterne-Hotel Good Night Inn  sieht er nicht. "Aber auch für Betriebe mit 300 Betten führt der unverständliche Entscheid der Nationalbank zu brutalem Druck auf Kosten und Margen. Wir können die Preise in Euro nicht erhöhen, ohne Gäste zu verlieren."

Wie sich der Wechselkurs des Franken in Zukunft genau entwickelt, ist offen. "Wir wissen noch nicht, wohin die Reise geht", sagt Jörg Peter Krebs, Deutschlandchef von Schweiz Tourismus. Man stellt sich aber auf schlechte Zeiten ein: "Wenn Sie heute buchen, wissen Sie nicht, wie viel Sie in Ihrem Urlaub bezahlen. Das ist nicht gerade förderlich für das Geschäft."

"Viele Winterurlauber werden auf Deutschland oder Österreich ausweichen", sagte Alexander Schumann, Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Ob die Tourismusbetriebe die akuten Folgen der starken Währung abmildern können, um weiter deutsche Gäste ins Land zu bringen, ist fraglich. In der jetzigen Situation sei es zu früh für überstürzte Maßnahmen seitens der Hoteliers, erklärt der Hotelverband.

Die Rösti im Restaurant ist ab sofort für jeden teurer

Doch Tourismusexperte Volker Böttcher von der Hochschule Harz in Wernigerode ist skeptisch: "Preisrabatte muss man bezahlen können." Schließlich hat sich der Franken in einer Größenordnung von 15 bis 20 Prozent verteuert. "Das ist für die Hotels wirtschaftlich ein echtes Problem."

Bei Veranstaltern organisierter Reisen sind Urlauber aber womöglich noch nicht von der Aufwertung des Franken betroffen, sagt Böttcher. Die Unternehmen kaufen ihre Leistungen schließlich zu bestimmten Preisen ein. "Da verändern sich die Preise nicht sofort." Die Vignette für die Straße oder das Rösti im Restaurant sind dagegen ab sofort für jeden teurer, der in die Schweiz reist. Daran können Hoteliers und Urlauber nichts ändern.

Im Schweizer Satiremagazin "Nebelspalter " wird währenddessen schon mal das Matterhorn abgetragen, bildlich. Auf einer Fotomontage transportiert ein Sattelschlepper den beliebten Gipfel: Zermatt wandert mit seiner größten Tourismusattraktion ins Ausland ab.

beh/dpa/rtr