Shakespeares Geburtstag Feiern oder Nichtfeiern - das ist keine Frage

Romeo und Julia, der freche Puck oder die widerspenstige Katharina: Dieses Jahr erleben Williams Shakespeares Geschöpfe eine Hochzeit. England feiert den 450. Geburtstag seines Nationaldichters - mit viel Pomp, Feuerwerk und viel Theater.

TMN

London - Sieht man über die quietschfarbenen Regenjacken hinweg und ignoriert die Plastikbecher mit Bier, dann ist es fast wie eine Zeitreise: Wer wissen will, wie die Zuschauer zu Shakespeares Zeiten seine Stücke erlebten, der kann diesem Traum wohl nirgends so nahe kommen wie im Londoner Globe. Der Nachbau eines Theaters aus dem 16. Jahrhundert ist bis hin zu den Stehplätzen ohne Überdachung und den harten Holzbänken originalgetreu.

Seit seiner Eröffnung 1997 ist das Globe für Shakespeare-Fans aus der ganzen Welt zu einer Art Pilgerstätte geworden. In diesem Jahr wird hier und an allen anderen mit Shakespeare verbundenen Orten im Land mit besonders viel Gästen gerechnet: Am 23. April wird der 450. Geburtstag des wohl berühmtesten Engländers gefeiert - ein Anlass, den die "Sun" mit dem Titel "Happy Bard Day" feierte. Die Leute kämen nicht als Touristen ins Globe, sagt Direktor Neil Constable. "Sie wollen Teil der Geschichten dieser Zeit werden." Anlässlich des Jubiläums wurden die Ticketpreise bis zum 27. April teils reduziert.

Jährlich besuchen rund eine Million Menschen den runden Fachwerkbau direkt an der Themse. Pünktlich zum Geburtstag wurde jetzt Platz für weitere 100.000 pro Jahr gemacht, denn zum Jahresbeginn öffnete ein komplett neuer Theaterinnenraum. Er ist den überdachten Theatern aus Shakespeares Lebzeiten nachempfunden, die damals für die besser zahlenden Besucher gebaut wurden.

Kerzenschein, Eichenholz und spärliches Tageslicht

Fast ganz aus Eichenholz und nur mit Kerzenlicht erhellt, ist der Raum zu einem Fluchtpunkt im hektischen Londoner Straßentreiben geworden. Die Deckenmalereien wurden historischen Aufzeichnungen nachempfunden, die Engel im Himmel zeigen. Um mehr Licht hereinzulassen, gibt es Holzfenster zu einem Gang, in dem Tageslicht-Lampen hängen.

"Auch damals wurde oft bei Tageslicht gespielt", sagt der Künstlerische Leiter des Globe, Dominic Dromgoole. Zwar könnten wir heute niemals genau wissen, wie Theater für die Menschen zu Shakespeares Zeiten wirklich war, erklärt er. "Dies kommt ihm aber wohl so nahe, wie es geht."

Anders als im Hauptbau, der wegen des offenen Dachs nur von April bis Oktober bespielt werden kann, soll im Sam Wanamaker Playhouse - benannt nach dem Schauspieler, Regisseur und Globe-Gründer - das ganze Jahr über Programm sein. Im Jubiläumsjahr gehen Stücke von Zeitgenossen Shakespeares an den Start, etwa eine Inszenierung von John Websters "Die Herzogin von Amalfi" mit Bond-Girl Gemma Arterton in der Hauptrolle.

Wer sich Shakespeare in der Globe-Atmosphäre noch nicht nahe genug fühlt, kann sich auf die rund zweieinhalb Stunden lange Zugreise von London in Shakespeares Heimatort Stratford-upon-Avon begeben. Seit dem 19. Jahrhundert haben Shakespeare-Verehrer in dem kleinen Ort in Mittelengland reichlich Erinnerungsstätten geschaffen. Rund drei Millionen Besucher kommen jährlich her.

Geburtshaus, Grab und Theater

Die meisten zieht es in Shakespeares Geburtshaus, das auch schon Charles Dickens und Sir Walter Scott besuchten, sowie in das Cottage, in dem seine Frau Anne Hathaway aufwuchs und das Grab des Barden. Zum Geburtstag des berühmten Sohnes veranstaltet Stratford-upon-Avon seit rund 200 Jahren jedes Jahr ein Fest mit Parade und zahlreichen Sonderveranstaltungen. Diesmal findet es am Wochenende des 26. und 27. April statt und wird angesichts des 450. Jubiläums wohl etwas üppiger ausfallen als sonst, mit Feuerwerk, Musik und natürlich jeder Menge Theater.

Wann genau Shakespeare zur Welt kam, steht allerdings gar nicht zweifelsfrei fest: Im Kirchenregister der Holy Trinity Church in Stratford-upon-Avon ist seine Taufe für den 26. April 1564 vermerkt. Als Geburtsdatum wird meist der 23. April 1564 angenommen - das Datum, das alljährlich von Shakespeare-Anhängern gefeiert wird. Shakespears Vater war Handschuhmacher und Wollhändler, seine Mutter die Tochter eines bekannten Landbesitzers. Der gemeinsame Sohn William war schon zu Lebzeiten eine Berühmtheit in London und wurde auch vom Königshof eingeladen.

Weil man dem Dichter wohl nirgends so nah sein kann wie als Zuschauer eines seiner Stücke, ist eine weitere Attraktion in Stratford das große Theater der Royal Shakespeare Company. Im Herbst 2010 wurde es nach aufwendiger Renovierung wiedereröffnet, auch hier legte man Wert auf Geschichte. Ein einladender Platz sollte es werden, ohne elitäres Theater-Gehabe, erklärte Projektleiter Peter Wilson bei der Eröffnung. Ganz so wie zu Shakespeares Zeiten, als dreckige Lacher, eindeutige Kommentare und viel Interaktion zwischen Zuschauern und Schauspielern einen Theaterabend ausmachten.

Weitgehend unverändert blieb das im historischen Stil nachgebaute Swan Theatre innerhalb des Hauses, das ähnlich wie das Globe in London eine in den Zuschauerraum ragende Bühne hat und aus Holz gezimmert ist. "Wir hoffen, wir haben der Vergangenheit unsere Ehre erwiesen und weisen gleichzeitig in die Zukunft", sagt Wilson.

Britta Gürke/dpa/emt

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