Nationalpark in Ostalbanien Der vergessene Wald

Der Shebenik-Jabllanica-Nationalpark gehört zu Albaniens letzten unberührten Naturparadiesen - fernab der beliebten Strände. Wer Gletscherseen, Wasserfälle und uralte Wälder erkunden will, wende sich an Vater und Sohn Tupi.

Mona Contzen

Von Mona Contzen


Zehntausend Tote und Hunderttausende über das ganze Land verstreute Mini-Bunker - das ist 1990 die Bilanz von 40 Jahren totaler Isolation und kommunistischer Gewaltherrschaft in Albanien.

Wie also kommt Fatmir Tupi auf den Gedanken, dass hier früher etwas besser war?

Früher gab es in der Region rings um sein Dorf ein Krankenhaus, eine Schule, Läden. Heute kleben fast nur noch Ruinen an den grünen Berghängen des Shebenik-Jabllanica-Nationalparks, von 5000 Einwohnern sind höchstens noch 500 übrig. "Das Wasser reicht aus, das Holz reicht aus. Aber es fehlt Leben, um nicht nur zu überleben", sagt der Wirt.

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Albanien: Unterwegs im Nationalpark

Geht es nach Fatmir Tupi, sollen Touristen für neues Leben im größten Nationalpark des Landes sorgen. Bisher wagen sich nur wenige Ausländer auf die Schotterpiste, die in kaum berührte Natur führt und eigentlich längst zur geteerten Straße hätte ausgebaut sein sollen.

Aber viel zu oft verhindert die weit verbreitete Korruption im Land, dass öffentliche Gelder wie geplant eingesetzt werden. Gerade erst gab es in der Hauptstadt Tirana deswegen große Demonstrationen gegen die Regierung, doch hinter vorgehaltener Hand sagt das ohnehin so gut wie jeder in Albanien.

Und so fühlt man sich hier, nahe der nordmazedonischen Grenze, leicht wie ein Entdecker: Der Kleinbus holpert an eimertiefen Schlaglöchern vorbei, rechts die steile Felswand, links ein weites, grünes Tal.

Der Nationalpark gehört zum "Grünen Band Europa", das den naturnah belassenen Grenzstreifen des ehemaligen Eisernen Vorhangs quer durch Europa schützt. Halb verfallene Bruchsteinhäuser tauchen auf, nur die Satellitenschüsseln auf den Dächern verraten, dass die Bewohner noch nicht lange fort sein können.

Nach 25 Kilometern und einer gefühlten Ewigkeit dann ein Minarett, sauber verputzte Fassaden, Hühner auf der Straße. Selbst eine Gastwirtschaft gibt es neben dem Besucherzentrum des Nationalparks in Fushë Studën noch. Fatmir Tupi serviert hier, was seine Frau kocht. Byrek mit Spinat, Innereien in einer Sauce aus Hüttenkäse, dazu sauer eingelegtes Gemüse und roher Knoblauch.

Das Lamm und das Brot grillt der 56-Jährige über dem offenen Kamin in der Gaststube. Eine Speisekarte gibt es nicht. Sogar den Wein und den Dhallë, eine Art albanischer Ayran, macht die Familie selbst. Nur den Salat kauft Tupi auf dem lokalen Markt - kaum mehr als ein bunter Mix aus Gemüsekisten, lebenden Ziegen und Flohmarktallerlei am Straßenrand.

Führung für ein Trinkgeld

Die Männer aus dem Dorf schlagen "Bei Fatis" die Zeit mit Raki-Runden tot. Zigarettenrauch hängt in der Luft, über den Fernsehbildschirm dudeln albanische Musikvideos. Fast alle Familien in der Region leben von der Landwirtschaft, die offizielle Arbeitslosenquote in Albanien liegt bei 14 Prozent - die Dunkelziffer ist doppelt so hoch.

Tupis Sohn Laurenc ist Teil der Statistik. Der 31-Jährige arbeitet als Hilfsranger im Nationalpark, überprüft die Wanderwege, checkt die Wildtierkameras. Ein Gehalt bekommt er dafür nicht.

Für ein Trinkgeld führt Laurenc Tupi Touristen in die Wildnis. Es geht durch frisch-grüne Buchenwälder, kleine Bäche müssen auf Steinen überquert werden. Überall duftet es nach wildem Thymian, Rosmarin, Wacholder. "Das da ist die Vogelblume", sagt Tupi und deutet auf eine kleine violette Blüte. "Die heißt so, weil sie blüht, wenn die Vögel singen." Gelernt hat er das von den anderen Rangern, eine Berufsausbildung hat er nicht.

Der Fushë-Studën-See, der je nach Jahreszeit und Farbe der Bäume mal rötlich, grün, blau oder türkis schimmert, ist eingerahmt von sanften Wiesen und schroffen Bergen. Auf vielleicht 2000 Meter Höhe, dort, wo die Buchen von widerstandsfähigeren Eichen und Pinien abgelöst werden, bedeckt feiner Schnee die Bäume wie eine Schicht aus Puderzucker.

Durch die unberührten, jahrtausendealten Wälder, einige der ältesten Europas, streifen Braunbären, der seltene Balkan-Luchs und Wildschweine. Gletscherseen und Wasserfälle gibt es da oben, an klaren Tagen kann man sogar die Adria sehen.

Berat, Stadt der 1000 Fenster

Die Strände am Mittelmeer gehören zu den beliebtesten Reisezielen des Landes - doch das touristische Spektrum in Albanien ist groß. Die grünen Hügel im Zentrum und im Süden erinnern mit ihren Weinstöcken und den Olivenbäumen an die Toskana, im Norden liegen die Wanderreviere der Albanischen Alpen.

Während in Tirana die Sowjetbauten aus den Sechzigerjahren neben den Villen der italienischen Besatzer aus den Zwanzigern stehen, ist in der Unesco-Weltkulturerbe-Stadt Berat der osmanische Einfluss unverkennbar. Auf zwei Hügeln liegen sich Abertausende Sprossenfenster gegenüber - eine hübsche Kulisse, zu deren Füßen, gleich an der schicken Promenade neben dem Fluss ein halbes Dutzend Reisebusse parkt, das die Touristen gruppenweise in die "Stadt der 1000 Fenster" und zu ihrer 2400 Jahre alten Festung ausspuckt.

Berat ist so etwas wie Albaniens Aushängeschild. Manch alteingesessene Familie pflegt hier ihr Haus schon seit 400 Jahren. Es gibt Souvenirläden, Gastronomie und Hotellerie. Die Schotterpiste hinauf zum Shebenik-Jabllanica-Nationalpark haben dagegen im gesamten vergangenen Jahr gerade einmal 18.000 Touristen genommen. Es mangelt an allem, von den Englischkenntnissen der Einheimischen bis zur Müllabfuhr.

Fatmir Tupi nennt den Nationalpark deshalb ein "vergessenes Land". Von der albanischen Regierung gibt es keinerlei Unterstützung. Das Besucherzentrum, die Markierung der 30 Wanderwege, die kostenlosen Skitouren im Winter, die Höhlenwanderungen und der Mountainbikeverleih im Sommer - alles wird durch EU-Projekte finanziert. "Nur der Tourismus kann den Ort wiederbeleben", sagt der Wirt überzeugt.

Bisher gibt es sechs Gästehäuser in fünf Dörfern. Gleich neben Fatis Gaststätte nächtigt man im Jugendherbergsstil, das Hotel der Nachbarn ist aus Mangel an Gästen seit zwei Jahren geschlossen. Trotzdem versuchen die Nationalparkranger gemeinsam mit ausländischen Nichtregierungsorganisationen, die Einheimischen in sogenannten Sensibilisierungsmeetings von Investitionen zu überzeugen, vermitteln Hygiene- und Servicestandards.

Nicht jeder ist davon begeistert. Ausgerechnet Fatmirs Sohn Laurenc steht der geplanten touristischen Entwicklung kritisch gegenüber. "Wo der Fortschritt kommt, kommt auch die Zerstörung", sagt er. "Hier ist es gut so, wie es ist."

Mona Contzen ist freie Autorin bei SPIEGEL ONLNE. Die Reise wurde unterstützt von Reisen mit Sinnen.



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