Fotostrecke

Skirennen in Kitzbühel: Die Streif und ihr Sicherheitschef

Foto: Alexis Boichard/Agence Zoom/ Getty Images

Sicherheitschef in Kitzbühel Plan B für die Mausefalle

Österreichs wichtigstes Ski-Event steht bevor: das Hahnenkammrennen in Kitzbühel auf einer der gefährlichsten Abfahrten der Welt. Doch bevor die Profis die Streif runterrasen, muss die Piste präpariert werden. Viel Arbeit für Sicherheitschef Josef Wurzenrainer.
Von Johannes Schweikle

Daniel hat Glück. Er sitzt in einer Gondel der Hahnenkammbahn und hat seinen großen Bruder Kilian dabei. Der ist zwölf und weiß alles. Zum Beispiel, was die Hubschrauber machen, die aufgeregt über Kitzbühel knattern: "Die bringen Schnee fürs Rennen." Daniel denkt heftig nach, man sieht es an seinen großen Augen. "Das kostet bestimmt 'ne Viertel Million", sagt er beeindruckt. Kilian korrigiert ihn lässig: "Eine Million."

Schräg unter der Gondel ist die Hausbergkante zu sehen. Dort steht Josef Wurzenrainer, auf seine Skistöcke gestützt, und arbeitet an Plan B. Unter ihm reicht das weiße Kunstschneeband nicht mal bis zum orangeroten Fangzaun. Wo am 25. Januar die Abfahrtsläufer auf 140 km/h beschleunigen sollen, klafft eine grünbraune Lücke in der Piste.

"Zwei kalte Nächte würden reichen", sagt Wurzenrainer, "dann lassen wir die Kanonen laufen." Jetzt ist es sechs Grad Celsius warm, die Kunstschneemaschinen stehen arbeitslos am Hang. In den Bäumen zwitschern die Vögel, und Wurzenrainer dirigiert einen Trupp von 20 freiwilligen Helfern. Sie bauen neben der Touristenpiste einen zweiten Fangzaun auf. Wenn es weiterhin warm bleibt, findet die Abfahrt am Hahnenkamm nicht auf der klassischen Strecke statt, der sogenannten Streif. Dann wird sie umgeleitet auf die parallel verlaufende, weniger spektakuläre Strecke "Familienstreif".

Josef Wurzenrainer ist der Sicherheitschef des Hahnenkammrennens. Der kräftige 57-Jährige bewirtschaftet einen Bauernhof in Kitzbühel. In den Wochen vor dem wichtigsten Skirennen Österreichs geht er nur morgens schnell in den Stall. Ab acht Uhr arbeitet er als Ehrenamtlicher an der Streif: 1700 Meter Fangzaun müssen aufgebaut werden.

Weil aber das sogenannte A-Netz nicht ausreicht, wenn ein Skirennfahrer stürzt, der auf der Piste mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 100 km/h unterwegs war, muss dahinter ein zweiter Zaun gespannt werden: das B-Netz, insgesamt 6,5 Kilometer lang. Dazu kommen noch die Luftmatten, mit denen die Stahlrohre an den Türmen fürs Fernsehen abgepolstert werden: mindestens 80 Zentimeter dick, zwei Meter hoch, acht Meter lang. Gerade fährt ein Skidoo mit jaulendem Warnton die Piste herauf und bringt neues Material.

Tausend Helfer auf der Streif

"Nein, die Hubschrauber bringen keinen Schnee", sagt Wurzenrainer. Sie fliegen das Material für die Kamerapodeste auf den Berg. Die Abfahrt auf der Streif ist mehr als ein Skirennen. Diese Sportveranstaltung gilt als nationales Ereignis, dazu angetan, den Ruhm Österreichs in der Welt zu mehren. Der Kitzbüheler Ski Club, der dieses Event veranstaltet, verkauft zwei Bücher. Das eine heißt "Hahnenkamm - Chronik eines Mythos". Das andere: "Kitzbühel - Wiege der Sieger".

Der Sicherheitschef Wurzenrainer bekommt für seinen Einsatz nicht viel mehr als einen kostenlosen Skipass. Aber er ist jedes Jahr live dabei. Zum Beispiel als sein Landsmann Stephan Eberharter gewonnen hat. Den mag er unter allen Siegern am liebsten.

Die Abfahrt auf der Streif gehört zu den alpinen Skirennen mit der längsten Tradition. 1928 ging die Seilbahn auf den Hahnenkamm in Betrieb, 1930 wurde das erste Rennen ausgetragen. Auf der Hälfte der Strecke mussten die Skifahrer bei der Seidlalm einen Gegenhang hochsteigen. Der Sieger war 9:55 Minuten unterwegs. Inzwischen liegt der Streckenrekord für die 3312 Meter lange Abfahrt bei 1:51,58 Minuten, aufgestellt von dem Österreicher Fritz Strobl.

Schnee allein genügt nicht mehr als Unterlage. Idealerweise wird die Streif zehn Tage vor dem Rennen vereist. Das geht so: 60 Mann rutschen langsam die Piste ab und ziehen von Hand Sprühbalken über den Schnee. Das sind vier Meter lange Rohre, die über einen Schlauch an Hydranten angeschlossen werden. Aus feinen Düsen sprühen sie Wasser in die Rennstrecke, das über Nacht gefriert. Zwei Tage vor dem ersten Training rutschen Helfer mit Skiern zu Tal. Ihre Stahlkanten schaben den lockeren Schnee über den Eiskügelchen ab. In der Woche vor dem Rennen sind tausend Helfer im Einsatz.

Ein Mann im schwarzen Skianzug schwingt an der Hausbergkante ab. Er bespricht mit Josef Wurzenrainer, was bei der frühlingshaften Wärme zu tun ist. "Abwarten und Tee trinken", sagt Uli Aufschnaiter. Er ist der Maschinenkoordinator. Das heißt: Er kann über das große Arsenal der Pistenraupen der Kitzbüheler Bergbahn verfügen. Aber heute hat er auf der Streif nur einen Bully im Einsatz - oben an der Mausefalle.

Eine Gondel zu Ehren

Die ist mit 85 Prozent Gefälle die steilste Stelle der Strecke, die Pistenraupe ist von oben durch ein Stahlseil gesichert. Die Abfahrer springen an dieser Geländekante gleich nach dem Start mit 120 km/h ab und fliegen 80 Meter weit.

Beim Rennen steht Josef Wurzenrainer in der Mausefalle, neben dem Renndirektor des internationalen Skiverbands. Auf einer Videowand sieht er die ganze Streif, über Funk ist er mit den Streckenposten verbunden. Wenn ein Abfahrer stürzt, entscheidet er, wie lang das Rennen unterbrochen wird. Wurzenrainer weiß, dass Stürze dazugehören. Aber er sagt: "Damit will man nicht rechnen."

Wer in Kitzbühel gewinnt, wird verewigt. Eine Gondel der Hahnenkammbahn wird nach ihm benannt. So übt Daniel das Lesen. Auf den Kabinen, die ihm entgegenkommen, buchstabiert er schwierige Namen: Har-ti Wei-ra-ter, Pir-min Zur-brig-gen. Der große Bruder hilft, aber bei dem Norweger Lasse Kjus tut auch Kilian sich schwer.

Das mit den Hubschraubern, die Schnee auf den Berg fliegen, ist übrigens doch nicht ganz falsch. Auch 2007 war es in Kitzbühel viel zu warm. Um das Rennen zu retten, wurden 2000 Tonnen Schnee auf Lastwagen vom Großglockner angefahren. Vier Hubschrauber transportierten ihn auf die Piste. Diese Staatsaktion soll 350.000 Euro gekostet haben, aber sie war vergebens. Kurz vor dem Rennen setzte der Föhn ein, und der Orkan Kyrill fegte über den Hahnenkamm. Die Abfahrt fiel aus.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.