Siebengebirge Riviera am Rhein

Welcher ist Europas meistbestiegener Berg? Der Drachenfels! Der lediglich 320 Meter hohe Hügel im Siebengebirge brachte schon Lord Byron und William Turner zum Schwärmen. Noch heute kommen jede Menge Romantiker an die rheinische Riviera - und Niederländer.

Von Friedrich K. Rumpf


Nebel liegt im Tal. So dicht, dass man den Rhein nur erahnen kann. Er schluckt alle Geräusche. Kein Schiffsdiesel ist zu hören, kein Motorenlärm. Es ist still hier auf der Höhe, so still, dass man glauben könnte, ganz weit weg zu sein von jeder Zivilisation. Dabei ist bei klarer Luft sogar der Kölner Dom zu sehen. Heute aber liegen Köln und Bonn unter dem Nebelmeer - wie auch das Siebengebirge, eines der ältesten Naturschutzgebiete Deutschlands.

Eine Stunde Aufstieg haben gereicht, um aus nassgrauer Kälte in den Sonnenschein zu kommen. Jetzt entschädigt ein strahlender Tag für den frühen Aufbruch. Die Spitzen von Ölberg und Drachenfels ragen aus dem Nebelweiß wie die Gipfel eines Hochgebirges. Dabei sind sie gerade mal 460 und 320 Meter hoch. Nicht gerade das, was man Gebirgsgiganten nennt. Aber Höhe ist relativ im Siebengebirge, genauso wie die Bezeichnung "Gebirge" für die mehr als 40 Hügel im Südosten Bonns.

Sei's drum, ein Gebirge also, wenn auch eines, das keinerlei Gefahr birgt. Denn selbst ungeübte Wanderer schaffen den Aufstieg zum Drachenfels, und niemand muss fürchten, sich zu verirren. Zu gut sind die Wanderwege ausgebaut und markiert, als dass es einer Bergrettung bedürfte. Nein, das Siebengebirge ist ein Gebirge ohne Schrecken, zur Not auch in Stöckelschuhen zu bewältigen. Auch wenn sich in solch einem Fall eher die Zahnradbahn empfiehlt.

Von Niederländern eingemeindet

Wer den Blick vom Drachenfels schweifen lässt, kann sich kaum vorstellen, dass dieser Gipfel nach wie vor der meistbesuchte Europas sein soll. Ein erstaunlicher Superlativ, die jedem wahren Alpinisten nur ein müdes Lächeln abringen würden. Doch wie gesagt: Hier ist alles relativ. In Ermangelung eigener Berge haben die Niederländer sogar den Drachenfels zum höchsten Berg ihres Landes erkoren. So viele kommen jedes Jahr, dass man glauben könnte, jeder unserer westlichen Nachbarn müsse mindestens einmal in seinem Leben den Hadsch ins Rheinland unternehmen, um den Drachenfels bezwingen.

Dabei waren es gar nicht die Holländer, die den Drachenfels populär machten. Diese Ehre gebührt eindeutig Engländern: Lord Byron war der Erste, der in seinem hymnischen Gedicht "Childe Harold's Pilgrimage" ein Bild des Rheins zwischen Bonn und Mainz entwarf, das auf Jahrzehnte die Vorstellung seiner Landsleute prägen sollte.

Im Zentrum des dritten Cantos stehen jene Zeilen, die jeden Engländer auf seiner Tour begleiteten: "The castled crag of Drachenfels frowns o'er the wide and winding Rhine . . ." So populär waren diese Zeilen, dass sie in den Reiseführern jener Zeit immer und immer wieder abgedruckt wurden. Nur wenig später war es der Maler William Turner, der mit seinen Aquarellbildern vom Rhein die Begeisterung seiner Landsleute befeuerte.

Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde das Siebengebirge so zum Inbegriff der romantischen Landschaft und der Drachenfels zu seinem Symbol. Mit ausreichend Vorstellungsmaterial im Gepäck machten die Engländer sich also auf die Reise in die Sommerfrische, befördert von einer technischen Neuheit: Das Dampfschiff verkürzt die beschwerliche Reise von London nach Köln auf wenige Tage.

Eine Vorstellung vom Ansturm auf Rheintal und Siebengebirge vermitteln die Passagierzahlen der Preußisch-Rheinischen Dampfschiffahrtsgesellschaft. 1828, ein Jahr nach der Eröffnung des Linienverkehrs, befördern deren Schiffe 33.000 Passagiere. 1853 waren es schon 153.000. Sechs Jahre später sind es mehr als 800.000. Zwischen 1860 und 1890 pendelte sich die jährliche Passagierzahl bei etwa einer Million ein. Jeder zweite Reisende kommt aus England. Das ist Massentourismus, eine in der Menschheitsgeschichte neue Erscheinung.

Luxushotels an der rheinischen Riviera

In der Folge erlebt die "rheinische Riviera" einen regelrechten Boom. An beiden Ufern des Rheins bauen sich vermögende Familien aus Köln und dem Ruhrgebiet Sommersitze. In Königswinter entstehen an der Rheinpromenade zahlreiche Luxushotels für ein Bürgertum, das nach den Wirren der Napoleonischen Kriege von der beginnenden Industrialisierung profitiert. Heute ist der typische Siebengebirgsbesucher ein Tagesausflügler, der nach Spaziergang und dem Schnitzel mit Fritten noch am selben Tag wieder die Heimreise antritt.

Doch was ist es genau, was die Menschen so fasziniert am Rhein und dem Siebengebirge? Warum machten die Massen sich nicht auf an die Ruhr? Wer schlichte Neugier und einen gewissen Herdentrieb einmal beiseite lässt, findet bei Byron die Antwort. Das Stichwort ist - Pilgrimage. Die Reise zur Natur wird zur Pilgerschaft, die Natur zum Ort einer quasireligiösen Erfahrung. An der Ruhr wie in Manchester, von der beginnenden Industrialisierung bereits entstellt, war ein solches Erlebnis kaum vorstellbar.

Wer die Drachenburg, auf halber Höhe zum Drachenfels gelegen, besichtigt, kann aber noch auf eine andere Idee kommen. So prächtig ist diese Burg auf Mittelalter getrimmt - von der neogotischen Architektur bis zu Ritterrüstungen in den Fluren -, dass sich ein Gedanke aufdrängt: War das Siebengebirge einfach nur das Disneyland des 19. Jahrhunderts, eine Art Landschaftswunderkammer mit garantiertem Schauereffekt, mythologisch umrahmt von sieben Zwergen hinter sieben Bergen, dem Ritter Roland und dem Drachen ?

Was auch immer die Erklärung war, es ist etwas dran an dieser Miniaturausgabe eines Gebirges, etwas, das nun schon beinahe zwei Jahrhunderte für seine Anziehungskraft sorgt. Vielleicht ist es ganz einfach nur die Schönheit, die den Reiz dieser Landschaft ausmacht. Eine Schönheit, die sich jedem offenbart, der sich aufmacht und ein paar Stunden auf den gepflegten Wanderwegen durch Täler und Berge streift.

Erst verschönert, dann geschützt

Dass diese Schönheit erhalten bleibt, dafür sorgt seit 1869 der "Verschönerungsverein für das Siebengebirge". Verschönerung sollte man dabei nicht allzu wörtlich nehmen. Die Eingriffe des Vereins beschränken sich auf die Anlage von Wanderwegen und sind sonst konservativ im klassischen Wortsinn. Erhalten werden soll das Landschaftsbild, jenes Kapital, das für den immerwährenden Strom von Besuchern sorgt. Dieser primär ästhetischen Aufgabe gesellen sich erst in jüngerer Zeit klassische Aufgaben des Naturschutzes wie der Schutz für Flora und Fauna hinzu.

Wie ernst es den Gründern des Verschönerungsvereins war mit der Schönheit, kann man an den Statuten ablesen: Bis heute hat der Verein das Recht, Enteignungen zu veranlassen. Doch war bis jetzt noch kein Anlass zu derart drastischen Maßnahmen. Ist man sich doch weitgehend einig, dass das Siebengebirge insgesamt prächtig geschützt ist - und damit gut gerüstet für den jährlichen Besucheransturm.



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