Sierra de Guara Multikulturelle Kletter-Kolchose

Die steilen Felsen der Sierra de Guara sind ein Mekka für Kletterer aus aller Welt. Zwei Punkmusiker und passionierte Kletterer haben sich dort ihren Traum von einer Aussteigeroase verwirklicht. Im "Refugio Kalandraka" sorgen sie für Budenzauber der schrägen Art.

Von Martin Cyris


Punk- und Ska-Musik wummert aus einem gewaltigen Subwoofer. Billardkugeln klackern gegeneinander. Ein buntes Graffito schreit die Besucher an. Hinter der abgeflexten Stahltheke steht Nuria und räumt mit ein paar Handgriffen Geschirr zusammen, dass es nur so scheppert. Aus ihrem Mund hängt lässig eine Fluppe.

Der Name des Ladens ist "Refugio Kalandraka", und der befindet sich nicht etwa im Prenzlauer Berg, Berlin, sondern in einer abgelegenen Berghütte in Rodellar, Pyrenäen. Refugio ist das spanische Wort für Schutzhütte, und Kalandraka bedeutet so viel wie Untier oder Fabelwesen. Mit dem Begriff werden aber auch schräge Typen bedacht - Punks, Freaks und gesellschaftliche Außenseiter jeglicher Art. Er stammt aus dem Aragonesischen, dem beinahe ausgestorbenen Dialekt der nordspanischen Region Aragón, einem ehemaligen Königreich.

Keine Frage, das Refugio Kalandraka ist eine echte Berghütte, steht diese Hütte doch in den Bergen. Aber das Ambiente würde jedem braven Alpinisten glatt die Hüttenschuhe ausziehen. Nik und Albert haben hier ihren ganz persönlichen Traum von einer Aussteigeroase verwirklicht. Nik ist Schweizer und ein ehemaliger Punker mit Hausbesetzervergangenheit. In Zürich lernte er auch jenen Sprayer kennen, der unlängst – ganz legal – das Kalandraka mit dem erwähnten Graffito verschönerte.

Punker der Pyrenäen

Albert aus München schmeißt als Geschäftsführer das Refugio Kalandraka. Seit sechs Jahren lebt der 37-Jährige – wie Nik ein passionierter Kletterer und Punkmusiker – in Rodellar. "Die Sierra de Guara ist abartig," schwärmt Albert in lässigem Slang von der Landschaft vor seiner Haustüre, "echt total abgefahren." Er könne sich nicht satt sehen an den Bergen. Hin und wieder kreist ein Geier hoch über der Hütte.

Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte man den Ort in den südlichsten Ausläufern der Pyrenäen, das zu maurischer Zeit gegründet wurde, fast dichtgemacht. Keine Seltenheit in den Pyrenäen, wo Dutzende Weiler verlassen daliegen. Auch in Rodellar harrte zeitweise nur noch eine einzige Familie aus. Mittlerweile meldet das Bergdorf wieder volle Häuser, denn es ist zum heimlichen Hotspot der Kletterszene geworden. Um die Kalksteinfelsen zu erklimmen, belagern Kletterer aus aller Welt Rodellar und seine Nachbardörfer.

Außer neuen Bewohnern siedelten sich auch feierfreudige Wirte an. "Der Sommer ist hier eine einzige Party", grinst Albert. Wenn das Refugio Kalandraka in der Hauptsaison voll belegt ist – nach einer Erweiterung wird es ab Juli über 50 Betten verfügen –, können die Kletterer auf zwei Campingplätze an der Dorfgrenze ausweichen. Auch Mountainbiker, Wanderer und Canyoning-Sportler schlagen hier ihre Zelte auf.

Von Rodellar ist es nicht weit zur Barranco Mascún aus, einer von mehreren Schluchten der Sierra de Guara. An den Wochenenden ist dort mächtig was los. In den Dutzende Routen jeder Schwierigkeitsstufen kleben die Aufsteiger. Hie und da stöhnt und schreit es aus den Wänden: Freudenschreie über geglückte Manöver, aber auch Äußerungen der körperlichen Anstrengung.

Rufe wie "Vamos!" oder "Venga!" motivieren die Untenstehenden, die den Kraxler per Seil absichern. "Auf geht’s!" – "Komm schon!" Auch die andere Schluchten und Gebiete der Sierra lassen die Kletterherzen höher schlagen, so wie Gorgas Negras, Oscuros del Balced, Cabeza de Guara oder San Martín.

Kletterfreaks im VW-Bus

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Nicht wenige der Kletterer im Naturpark sind wahre Hardliner in ihrem Sport. Wie Albert, der vor zwei Jahrzehnten mit dem Klettern begonnen hat. "Damals war man als Kletterer noch ein Exot", erinnert sich Albert. Die Felsbesteigung sei eine Lebensphilosophie, eine Lebenseinstellung gewesen. Heute sei es eine Trendsportart.

Aber in Spanien habe sich der alte Geist erhalten. Zwischen Andalusien und den Pyrenäen würden noch immer zahlreiche Kletterfreaks in ihren VW-Bussen hin- und herpendeln, um mal hier oder da aus- und aufzusteigen. Wenn das Geld knapp wird, nehmen die Kletterhippies Gelegenheitsjobs an. Zum Beispiel im Kalandraka.

Dementsprechend bunt gemischt wirkt die Belegschaft der Hütte. Aus Argentinien, Mexiko, der Tschechei, aus Polen, Frankreich und Italien kommen die Hilfsarbeiter, die meisten sind gelernte Handwerker. Die Hütte hat deshalb den Charme einer mulitkulturellen Kletter-Kolchose.

Nach getaner Arbeit schnallen sich die Nomaden fast täglich den Trapezgurt um die Hüfte und hangeln sich in den Fels empor. Vom Kalandraka dauert es zu Fuß etwa zehn Minuten, bis sich Felsen aufbauen, die jeden Hallenkletterer vor Ehrfurcht erstarren lassen. Los Ventanales oder Surgencia de Mascún lauten die klangvollen Namen der Steinformationen. Übernachtungsgäste, die noch nicht ganz trittsicher sind, können sich im Ort einen Guide mieten. Wer aber Glück hat, kann sich auch einer der Kletternomadengruppe anschließen und sich Kniffs und Tricks von den Freaks abschauen.

Sichere Knoten und die richtigen Bewegungsabläufe möchte sich auch Michel abgucken. Der Tourist aus dem französischen Perpignan ist Kletterneuling. Eigentlich kam er zum Mountainbiken, doch jetzt will Michel auch mal Hand an den Fels anlegen. Schon die erste Amtshandlung, das Anlegen des Trapezgurtes, flößt ihm Respekt ein. "Keine Sorge, wir quetschen dir nichts ab", frotzelt Albert. Der Trapezgurt ist die Lebensversicherung eines jeden Kletterers. Um die Hüften und Oberschenkel geschnallt, sorgt er im Ernstfall dafür, dass die Kletterer ins Seil und nicht etwa in die Tiefe fallen.

Vier Meter sind verdammt viel für Anfänger

Nach der Einweisung in die wichtigsten Knoten und die wichtigsten Handgriffe wird Michel auf den Fels losgelassen. Bei den ersten Schritten stellt er sich ganz passabel an und verlagert das Körpergewicht intuitiv richtig.

Aber in einer Höhe von etwa vier Metern werden nicht nur Michels Arme immer länger, sondern auch seine Knie immer weicher – Höhenangst. "Trotz Sicherung können vier Meter für einen Anfänger verdammt hoch sein", sagt Albert. Er hat ein Einsehen und fordert den Kletterer auf, sich fallen zu lassen. Dank der richtigen Sicherung fällt der Kletterer weich und lässt sich nun peu à peu abseilen.

Etwas bleich um die Nase kommt Michel auf dem Boden an. "Eigentlich hatte ich am meisten Angst vor dem Trapezgurt", schmunzelt er, "aber wenn die Arme schwach werden, ist die Höhe eindeutig das größere Problem."

Trotz des abrupten Endes des Erstversuchs will es der junge Franzose wieder versuchen. Im Juli ist der nächste Trip in die Sierra de Guara geplant. Canyoning, aber auch Klettern wird auf dem Programm stehen. "Vielleicht schaff ich dieses Mal fünf Meter", sagt Michel und lacht. Und wenn nicht, werden die langen Nächte von Rodellar gewiss für Highlights der anderen Art sorgen.

Und dann werden auch Nik und Albert gemeinsam im Punk-Rhythmus wippen: Vier Bands - darunter ihre eigene - bespielen am ersten Juli-Wochenende das Kalandraka - zur Eröffnung des neuen Gästehauses. Hüttenschuhe sind während des Konzerts übrigens keine Pflicht. Die würde es ohnehin ausziehen.

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