Skifahren im Altherrenstil Zurück auf den Idiotenhügel

Skifahren bis ins hohe Alter? Wie soll das gelingen, wenn schon Mitte Dreißig die Beine zittern und die Knie protestieren? Frederik Jötten, ein langjähriger Wintersportler, versucht, sich den perfekten Altherrenstil beibringen zu lassen.

Frederik Jötten

Ich staune, als ich am Rand der Piste stehe: Aufrecht und scheinbar mühelos fährt ein Mann mit grauem Vollbart auf Skiern an mir vorbei - er ist über 70 Jahre alt. Ich dagegen schüttele gerade meine zitternden Oberschenkel aus. Dabei bin ich halb so alt und - zumindest in meiner Vorstellung - ein halbwegs passabler Skifahrer.

Aber diese Momente lassen mich zweifeln. Mein Stil ist sehr anstrengend. Meine Beinmuskeln schreien nach zwei Abfahrten "aufhören", ich schwitze - und wenn ich länger als drei Tage auf Skiern stehe, schmerzen meine Knie. Wie soll das erst im Alter werden? Skifahren ist der schönste Sport der Welt - ich möchte auch noch mit 80 fahren! Mit dieser Technik kann das nicht klappen, da bin ich mir sicher.

Deshalb habe ich einen Skikurs in Lenzerheide, Graubünden, Schweiz, gebucht. Ich will zum eleganten Altherren-Skifahrer werden - ich will lernen, wie ich kräftesparender und gelenkschonender den Hang hinabkomme. Und Franz Parpan soll mich das lehren.

Passend zu seinem Auftrag ist er keiner von diesen blutjungen, braun gebrannten Bilderbuchskilehrern mit Dauergrinsen. Er ist 52 und schaut mich ernst an. Sofort wird klar, hier ist ein seriöser Präzisionsingenieur der Skitechnik am Werk, der seinen Auftrag sehr ernst nimmt.

Ab auf den Idiotenhügel

Parpan bleibt am Fuß eines Hanges stehen und lässt mich vorfahren. Ich mache ein paar meiner gewohnten Schwünge. Als ich neben ihm zum Halten komme, sagt er ohne den leisesten Anflug eines Lächelns: "Ich glaube, wir sollten erst mal nicht mehr mit dem Sessellift hoch fahren, sondern weiter unten üben."

Es fängt also schlimm an - und zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht einmal, dass es noch dicker kommen wird. Wir fahren also an der Talstation des Sessellifts vorbei und kommen zu einem kleinen Schlepplift. Daneben ein Hang mit sehr flacher Neigung - Idiotenhügel nannte man so etwas früher.

Es gibt aber keine Idioten mehr. Dank Carving-Technik kann heute jeder Ski fahren. Nur ich anscheinend nicht, der ich schon 25 Jahre über Pisten heize - und drei Kinder, die wohl erst vor zwei Tagen angefangen haben. Sonst ist niemand zu sehen.

Wieder soll ich vorfahren. "Du bist krumm wie eine Banane", sagt Franz Parpan, als ich neben ihm halte. "Du hängst dich zum Berg hin, viele machen das, weil sie Angst haben." Angst, auf diesem Hügel? Frechheit, also da habe doch schon ganz andere, schwarze Pisten bewältigt! Denke ich. Parpan sagt: "Die Schulter muss gen Tal zeigen und nicht zum Hang - sehr wichtig."

"Außerdem machst du eine Gymnastik während der Fahrt, das ist nicht mehr feierlich." Ich würde sehr tief in die Knie gehen, mich dann aufrichten, also quasi Kniebeugen während der Fahrt machen. "Das hab' ich mal so gelernt", sage ich.

Parpan fährt ein paar Schwünge - keine erkennbare Hoch-Tief-Bewegung. "Das ist viel weniger anstrengend." Leuchtet mir ein. Ich versuche es, aber ohne diese Bewegung bin ich endgültig am richtigen Ort angelangt auf diesem Hügel. Ich gurke herum, bekomme keinen einzigen gescheiten Schwung mehr hin.

Wie ein Skispringer beim Absprung

Frustrierte Auffahrt mit dem Lift. Franz Parpan sagt: "Was du bislang gemacht hast, ist ein sogenanntes Beugedrehen. Früher nannte man das die Österreicher-Technik."

"Na, die Ösis können doch auch Skifahren, dann muss ich doch wohl gar nichts ändern?"

"Es ist eben sehr anstrengend…"

"Heißt, die Österreicher haben stärkere Beine, wenn sie diese kraftaufwendige Technik so lange durchhalten - so in etwa wie ich?"

Parpan grinst. "Die Österreicher fahren nicht so viel wie wir, die sind doch spezialisiert auf Après Ski."

Nächste Abfahrt. Parpan erklärt mir, dass ich tief anfahren soll, den Stockeinsatz machen - und dann eine leichte Bewegung aus den Knien gen Tal. "So ähnlich, wie ein Skispringer beim Absprung."

Aha. Ich fürchte, aufgrund meiner extremen Sprungkraft abzuheben und mich zu überschlagen. Das passiert dann aber doch nicht - allerdings schaffe ich es nicht, mir den Bewegungsablauf zu merken, geschweige denn, ihn richtig nachzumachen. Meine Chancen schwinden, als betagter Skifahrer die Pisten unsicher zu machen.

Ich stehe am Hang. Die Sonne scheint, blauer Himmel, auf der gegenüberliegenden Talseite erhebt sich das Rothorn, fast 3000 Meter hoch. Gestern, ja gestern, bin ich noch dort Ski gefahren, denke ich. Weite Pisten, sanfte Hänge, steile Abfahrten. Ich konnte es - oder zumindest, dachte ich, dass ich es konnte. Ich hatte Spaß. Vielleicht liegt es am Terrain?"

Horsti, mein Vorbild

"Wie wäre es, wenn wir am Nachmittag auf das Rothorn wechseln?", frage ich.

Franz Parpan schüttelt den Kopf. "Mein Auftrag ist, deine Technik zu verbessern. Wenn wir rübergehen, verlieren wir zu viel Zeit." Keine Diskussion, also weiter: harte Arbeit auf dem Idiotenhügel. Jedesmal, wenn ich den Schwung auslösen soll, ruft Parpan: "Hopp - Hopp". Für mich würde er besser "Flop - Flop" rufen. Ich schaffe es nicht, seine Anweisungen umzusetzen.

Aber Parpan ist geduldig. Jetzt, wo es nötig ist, schenkt er mir ein Lächeln und sagt: "Ist doch klar, du fährst schon so lange in deiner gewohnten Skitechnik - es ist ganz schwer das zu ändern."

Die Wende kommt nach dem Mittagessen. Ich bekomme langsam ein Gefühl für die neue Technik. Das Skifahren geht zunehmend leichter und ist weniger anstrengend. Parpan fährt jetzt mit mir sogar den Sessellift hoch. Ich bin stolz, dass er mir das jetzt zutraut. Zwei Skikurstage später habe ich anscheinend tatsächlich Fortschritte gemacht. Parpan sagt: "Ich habe mein Ziel erreicht: Du hast dich stark verbessert und weißt jetzt, woran du noch arbeiten kannst."

Dann treffen wir an der Talstation einen Skilehrerkollegen von Franz. Hinter ihm ein Mann, mit Mütze und dünnen Skiern aus den Achtzigerjahren. Franz Parpan begrüßt ihn per Handschlag. "Hey Horsti, schön, dich zu sehen!", sagt er. Horsti ist 90 Jahre alt und kommt jeden Winter zwei Wochen zum Skikurs nach Lenzerheide. Er hat ein Dauerlächeln im Gesicht, wirkt glücklich hier beim Skifahren.

Jetzt weiß ich auch wieder, wofür ich üben möchte. Ich will genauso lange Ski fahren wie Horsti.

insgesamt 17 Beiträge
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guericke 26.02.2015
1. Video?
Schöne Idee, der Beitrag. Das geht bestimmt vielen langjährigen Sechs-Tage-pro-Jahr-Skifahrern so. In diesem Fall wäre es aber sinnvoll gewesen, ein Video einzubetten. Denn mit Beschreibungen wie "Leichte Bewegung aus den Knien gen Tal mit Stockeinsatz" kann der Leser/Hobbyskifahrer nun wirklich nicht viel anfangen.
henryb_de 26.02.2015
2. Altherrenstil ?
Wieso ist hier die Rede von Altherrenstil ? Welche Technik ist den der Autor vorher gefahren ? Abgesehen vom Carven auf breiten, gut präparierten, buckelarmen und nicht zu steilen Pisten wird hier eine ganz klassische alpine Skitechnik beschrieben ... Schwungeinleitung durch Hochentlastung, Rotationskontrolle durch Gewichtsverlagerung längs der Ski. Wer diese Technik verstanden hat und beherrscht, kann Sie immer so "dosieren" wie nötig und so auch im Alter entsprechend fahren. Richtig ist natürlich, dass die Entlastung auch eine Komponente talwärts haben sollte ... und das erfordert je nach steile des Hangs etwas mehr oder weniger Mut/Überwindung. Aber anders ist es wirklich kraftraubend. Das Gegenteil wäre die Tiefentlastung ... kann sich noch jemand an Alberto Tomba im Slalom erinnern. Ich glaube aber nicht, dass der Autor bislang so gefahren ist. So ging es hier wohl hauptsächlich darum, die talwärtige Orientierung des Oberkörpers bei Fahrt und Schwungauslösung/Entlastung aufzufrischen. Viel Erfolg! Ich würde mich freuen wenn alle Skifahrer wenigstens etwas von diesem "Altherrenstil" erlerenen würden. Dann würde man sich auch auf engen, steilen oder sonstwie schwierigeren Passagen, auf Ziehwegen etc. wieder sicher fühlen. Wird nur das Carven "beherrscht" sind manche (Not)Situationen für viele nicht sicher zu meistern. Und auf Buckelpisten, im Tiefschnee, auf unpräparierten steilen Hängen wird der "Altherrenstil" schnell zum einzigen flüssigen Stil. Viele Grüße
larry_lustig 26.02.2015
3. ein halbwegs passabler Skifahrer
aha..., alle, die das bisher von sich behauptet haben, waren in meiner Sicht relative Anfänger, zumindest aus technischer Sicht. (Eigenwarnehmung Fremdwarnehmung) Wer mir sagt, dass er stolz ist, den Sahnehang in Winterberg runter fahren zu können und sich dann als guter Skiläufer bezeichnet, wird in den Alpen halt mal schnell auf den Boden der Tatsachen geholt. Wer eine gute Technik hat fährt deutlich kraftsparender. Eine gute Technik lernt man nunmal in der Skischule und hier sparen viele. (Das ist natürlich nur meine persönliche Erfahrung, und damit eine kleine Auswahl aus der Gesamtheit)
shooop 26.02.2015
4. Guter Beitrag
Ich bin auch eine von diesen Flachlandtirolern, die eine Woche im Jahr Skiurlaub machen und das war es dann. Ich habe Skifahren ohne Skikurs gelernt, damals sogar noch auf ganz kurzen Carvern, so 1,10 lang. Weil ich Sportlerin bin und Koordination, Kraft und Kondition für mich keine Fremdworte sind, hatte ich den Dreh recht fix raus. Über die Jahre habe ich allerdings festgestellt, dass ich technisch Probleme habe und mein Ski (inzwischen ein "richtiger" Carver) teilweise mehr mit mir gefahren ist als ich mit ihm. Da habe ich die Chance am Schopfe gegriffen und mir einen Vormittag Einzelunterricht mit einer Skilehrerin gegönnt. Das hat mich wesentlich vorangebracht! Wenn ich heute meine Lieblingstalabfahrt im Defereggental runterdüse und dabei spüre, wie gut ich inzwischen meinen Ski kontrolliere dann könnte ich innerlich vor Freude auf und ab hüpfen weil es so viel Spaß macht. Und ich möchte auch einer von diesen "alten Böcken" werden, die mit 90 noch auf dem Ski stehen (so Gott will). Einen Skikurs würde ich jeder Zeit wieder machen und werde das sicher auch wieder tun. Es macht einfach Sinn, immer wieder mal einen Profi rüberschauen zu lassen und weiter an der Technik zu feilen. In der Jugend reichen zum Skifahren Kraft und Mut, aber ab 30/35 macht es Sinn, technisch aufzurüsten. Schont die Knochen, vermindert die Unfallgefahr und macht einfach Spaß!
henryb_de 26.02.2015
5. Sie haben recht ...
Zitat von larry_lustigaha..., alle, die das bisher von sich behauptet haben, waren in meiner Sicht relative Anfänger, zumindest aus technischer Sicht. (Eigenwarnehmung Fremdwarnehmung) Wer mir sagt, dass er stolz ist, den Sahnehang in Winterberg runter fahren zu können und sich dann als guter Skiläufer bezeichnet, wird in den Alpen halt mal schnell auf den Boden der Tatsachen geholt. Wer eine gute Technik hat fährt deutlich kraftsparender. Eine gute Technik lernt man nunmal in der Skischule und hier sparen viele. (Das ist natürlich nur meine persönliche Erfahrung, und damit eine kleine Auswahl aus der Gesamtheit)
Da haben Sie recht. Und die Medien stützen. Ich erinnere mich da ungern an die Berichterstattung nach dem Schumacher-Unfall. Dort wurde Schumacher immer als "geübter Skifahrer", "sicherer Skifahrer" oder manchmal sogar als "sehr guter Skifahrer" betitelt. Wenn man dann die Video-Einspielungen sah, war erkennbar, dass er eine mäßige Carvingtechnik versuchte umzusetzen ... sprich er konnte wenig steile Alpenautobahnen sturzfrei bewältigen ... nicht mehr und nicht weniger. (Das hier geht nicht gegen MS, er und seine Familie hat mein volles Mitgefühl, er hatte einfach Pech) Allerdings habe ich Zweifel ob die Skischulen in der Breite Fähigkeiten für umfassende Techniken vermitteln können oder wollen (vielleicht auch mangels Nachfrage da vielen das angedeutete Carven auf Autobahnen reicht, ist ja gutes Skilaufen). Ist ja schon erstaunlich, dass ein Skilehrer, der eigentlich nur solide Grundlagen von Skitechniken vermittelt im Spiegel erwänht wird. Aus Sicht der der Wintersportindustrie ist es natürlich verständlich der Einstieg möglichst leicht zu machen und möglichst früh das Gefühl zu vermitteln "man sei gut" um die Kunden bei der Stange zu halten.
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