Sofie Hütte auf der Seceda: Im März 2020 war plötzlich Schluss
Sofie Hütte auf der Seceda: Im März 2020 war plötzlich Schluss
Foto: Sofia Hütte

Sehnsucht nach Hüttenzauber Wie sie im Südtiroler Grödnertal versuchen, die Skisaison zu retten

Viele Servicekräfte haben den Job geschmissen, einige kehrten mit Depressionen zurück: Auf den Hütten des Grödnertals ist trotz der gerade eröffneten Skisaison von Normalität keine Rede. Doch Aufgeben ist nicht.
Aus dem Grödnertal berichtet Günter Kast

Wenn Tamara Senoner an den vergangenen Winter denkt, steigen ihr noch immer die Tränen in die Augen. »Wir hatten doch bis zuletzt gehofft, dass wir wenigstens an Ostern zwei Wochen lang aufsperren dürfen«, sagt die 34-Jährige. Dann kam die Ansage aus Rom: Bergbahnen, Hotels und Gastronomie bleiben für den Rest des Winters geschlossen.

Das galt auch für ihren Arbeitsplatz, die Baita Sofie, der mit 2410 Metern am höchsten gelegenen Hütte auf der Seceda, direkt über ihrer Heimat St. Ulrich im Grödnertal. »Es war schrecklich. Ich liebe meinen Job doch. Ich will nicht in einem Discounter Lebensmittel ins Regal räumen. Ich hoffe so sehr, dass jetzt alles gutgeht.«

Der Start in die Wintersportsaison verlief in Südtirol abermals holprig, aber immerhin fand er statt. Landeshauptmann Arno Kompatscher hatte mehr als 30 Gemeinden der Autonomen Provinz wegen hoher Inzidenzen zu roten Zonen erklärt, darunter auch die Kommunen im Grödnertal.

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Hütten im Grödnertal: Das Skikarussell muss sich weiterdrehen

Foto: Johann Groder / Eibner / Expa / IMAGO

In der letzten November- und der ersten Dezemberwoche mussten Restaurants um 18 Uhr zusperren, zwischen 20 Uhr abends und fünf Uhr morgens galt eine Ausgangssperre. Inzwischen ist ganz Südtirol wieder gelb. Strenge G-Regeln sollen sicherstellen, dass sich das für das Tal so wichtige Skikarussell weiterdreht.

Am ersten Tag der Saison hatte Tamara Senoner gleich ordentlich zu tun. Auch viele Einheimische wollten nach langer Abstinenz wieder Schnee unter den Kanten spüren, zumal über den Dolomitengipfeln die Sonne strahlte und über Nacht frische Flocken vom Himmel gefallen waren. Endlich fühlte sich alles wieder normal an. Das ließ auch Markus und Brigitte Prinoth strahlen, die Eigentümer der Baita Sofie.

Auf der Speisekarte stehen Gerichte wie Rindergulasch mit Knödel, aber auch Riesengarnelen und Kaviar. 500 Weine haben die Pinoths auf der Karte; die Gäste können unter 50 Sorten Champagner auswählen. Damit das alles frisch und perfekt temperiert auf den Tisch kommt, bedarf es einer ausgefeilten Logistik – und eines eingespielten Teams. »Der vergangene Winter war eine organisatorische Katastrophe«, sagt Prinoth. »Noch einen solchen, und viele werden dem Tourismus den Rücken kehren.«

»Ich kenne einige, die aufgegeben haben«

Er ist deshalb froh, dass er sein Team halten konnte: die aus Tschechien stammende Barbara Havliková, die seit 2004 dabei ist; Tamara Senoner, die in ihre achte Saison geht und sich freut, den Stammgästen wieder den passenden Wein zum Essen empfehlen zu dürfen. »Alles kam sehr überraschend im März 2020«, erinnert sie sich. »Kurz davor hatten wir noch gelacht über Asiaten mit Mundschutz. Dann dieser Schock. Ich bekam drei Monate lang 800 Euro, danach nichts mehr.«

Als sich im Sommer 2020 die Lage entspannte, schöpfte sie Hoffnung. Doch Gröden blieb ein Corona-Hotspot. Sie selbst steckte sich auch an, wie so viele im Tal. Mit dem grippeähnlichen Verlauf konnte sie leben. Finanziell ein Desaster war aber der neuerliche Lockdown im Winter 2020/2021. »Ich kenne einige, die aufgegeben haben«, sagt sie.

Ihr sei der Kontakt mit der Kundschaft wichtig, »auch wenn es mitunter sehr hektisch zugeht. Man muss mit den Gästen lachen, auch wenn einem manchmal zum Weinen zumute ist.« Das gute Verhältnis zu den Chefs, zu Markus und Brigitte, gleiche das aus. »Wir sind wie eine Familie und halten zusammen. Ich bleibe hier oben, am liebsten für immer.«

Denn unten im Dorf würde nur ständig über Corona diskutiert. »Es gibt viel Streit. Das zieht sich durch die einzelnen Haushalte.« Sie selbst gilt bis März 2022 als genesen. Danach braucht sie die Impfung, wenn sie weiter auf der Hütte arbeiten will. Ganz wohl ist ihr bei dem Gedanken nicht. »Ich möchte doch endlich schwanger werden. Und ich weiß nicht, ob die Impfung darauf einen Einfluss hat.«

Comici-Hütte: Plötzlich hieß es, alle müssen nach Hause

Das alles beherrschende Thema – man entgeht ihm nicht, dort, wo der Tourismus die mit großem Abstand wichtigste Branche ist. »Ich bin nervös wie nie zuvor in meinem Leben, obwohl alle meine Mitarbeiter geimpft sind«, sagt Florian Kaser, seit elf Jahren Geschäftsführer der berühmten Comici-Hütte auf der anderen Seite des Tales.

Das Rifugio der Marzola-Brüder unter dem Langkofel-Massiv ist für frischen Fisch und Meeresfrüchte die beste Adresse weit und breit. Jeden Tag sind in einem engen Zeitfenster mehrere Hundert Skifahrer zu bewirten. Sie erwarten, dass selbst gemachte Tagliatelle mit Hummerhälften und gratinierte Jakobsmuscheln heiß auf den Tisch kommen. Stammgäste wollen erkannt und mit Namen angesprochen werden. Mit neuen und frisch angelernten Saisonkräften kann man die in Jahrzehnten aufgebaute Reputation schnell gegen die Wand fahren.

Hütten-Manager Kaser ist deshalb froh, dass nur 10 von 30 Mitarbeitern neu eingelernt werden mussten, die meisten davon Italiener. Auf Vesna Tubak kann er sich seit eineinhalb Jahrzehnten verlassen. Die aus Pula in Istrien stammende Kroatin kam nach den Jugoslawienkriegen nach Italien. Sie spricht perfekt Italienisch und Deutsch mit Südtiroler Akzent, ausländische Gäste halten sie meist für eine Einheimische. In ihrer Freizeit geht sie selbst auf die Skipiste.

»Ich habe hier Wurzeln geschlagen. Zurück nach Kroatien möchte ich nicht«, sagt Tubak. Im März 2020 habe sie zunächst »gar nicht bemerkt, was sich da zusammenbraut. Wir verköstigen in der Saison ja so viele Leute an einem einzigen Skitag. Da ist keine Zeit für Fernsehen und Nachrichten. Eines Morgens hieß es dann plötzlich: Alle müssen nach Hause gehen.«

Jetzt beginnt das Zittern aufs Neue. Sie hofft, dass sich endlich mehr Südtiroler impfen lassen und die Saison nicht abermals im Desaster endet.

Einige Mitarbeiter kamen als andere Menschen zurück

Stilvoll genießen wollen auch diejenigen, die für ihren Einkehrschwung auf der Baita Fienile Monte reservieren. Der ehemalige Heustadel liegt inmitten der Pisten auf der berühmten Skirunde Sellaronda. Feuerfackeln, flauschige Schaffelle auf den Lounge-Möbeln, chillige Musik, Magnumflaschen und eine auf Schiefer geschriebene Speisekarte, die hausgemachte Nudeln mit Alba-Trüffeln für 45 Euro anpreist – alles da, was Skifahrer von Welt meinen, zum Wohlfühlen zu brauchen.

Die kleine Nobelhütte gehört dem Grödner Alex Monteleone. Über die Experimente mit dem gastronomischen Konzept für die Baita Fienile Monte sagt er: »Wir waren anfangs zu billig. Niemand bestellte Wein für 25 Euro die Flasche.« Erst als er sich traute, dicker aufzutragen, brummte der Laden. Und er fand in Iwan Runggaldier einen Mann, der den Laden schmeißt. Vor allem aber: der ihm die Treue hält in schwierigen Zeiten.

Runggaldier serviert gerade einem Ehepaar, das selbst in Bozen ein Spitzenrestaurant betreibt, eine riesige Bistecca alla Fiorentina, dazu eine Flasche Barolo. Das Motto der beiden liegt auf der Hand: genießen, weil es gerade (noch) geht. Zwischendurch gibt Runggaldier seinem Team Anweisungen. Über Corona möchte er am liebsten gar nicht mehr sprechen. Schon gar nicht mit Journalisten. Das überlässt er lieber seinem Boss.

Etwa jeder vierte, fünfte Mitarbeiter habe der Branche bereits den Rücken gekehrt, sagt der. »Dass einige ihre Leute ausgenutzt haben, bekommen jetzt alle zu spüren. Die Aussteiger sagen zu Recht: Für dieses Gehalt kann ich auch etwas anderes machen, ohne am Wochenende arbeiten zu müssen. Und viele neue Bewerber sind sehr freizeitorientiert. Die halten selten lange durch.«

Monteleone selbst hat sich bereits zweimal angesteckt, das letzte Mal im August 2021, während der Großkampf-Woche Ferragosto, wenn ganz Italien auf den Beinen ist. »Es war eine Katastrophe. Nicht deshalb, weil ich nichts mehr gerochen und geschmeckt habe, sondern weil die Bude rappelvoll war.« Als er wieder fit war, absolvierte er einen Kurs, um Coronatests eigenständig durchführen zu dürfen, für sich und seine Mitarbeiter.

Er selbst werde in jedem Fall durchhalten, mit Iwan Runggaldier an der Seite. »Ich liebe meinen Job, habe nie ans Aufhören gedacht.« Aber er habe natürlich auch gesehen, wie der Lockdown-Winter 2020/2021 sein Personal auf den beiden Hütten verändert hat: »Die Mitarbeiter leiden. Einige kamen als andere Menschen zurück, depressiv, magersüchtig. Die Pandemie und wie die Politik damit umgeht, zehrt extrem an den Nerven.«