Skitour in den Kitzbüheler Alpen Schnee hat viele Namen

Wer dem Skizirkus entkommen und doch den ultimativen Abfahrtskick erleben will, der kann von einer Berghütte aus per Tourenski die umliegenden Gipfel besteigen. Bei einer Tourenwoche für Anfänger auf der Neuen Bamberger Hütte begegnen Skitourengeher eher Schneehühnern als DJ Ötzi.

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Weiß in weiß: Der Weg ist das Ziel
Antje Blinda

Weiß in weiß: Der Weg ist das Ziel

Der Wind bläst kalt und unablässig den Schneeregen gegen die linke Körperseite. Die klamme Luft drückt sich durch die Nähte der Skijacke, die Kapuze knattert. Eine bunte Schlange aus Skitourengehern schiebt sich in Serpentinen den weißen Berg hinauf. Wie im Zeitlupentempo wird ein Ski vor den anderen gesetzt, im Takt schwingen die Stöcke gemächlich vor und zurück. Dennoch rinnt der Schweiß den Rücken hinab, und der Atem geht schwer. Das Ziel: der Gipfel des Schafsiedel, 2447 Meter hoch, mitten in den Kitzbüheler Alpen und zurzeit verhüllt von nass-grauen Regenwolken.

Dabei hatte alles so gut angefangen: Noch gestern früh hatte Manfred Rabl, der österreichische Bergführer, die Skitourenanfänger unter winterblauem Sonnenhimmel vor der Neuen Bamberger Hütte versammelt: "Die Felle müssen in Streichrichtung auf die Ski geklebt werden" und: "Der Drehschalter des Lawinenverschütteten-Suchgeräts muss auf Senden stehen". Mit Sonnenbrille und Lichtschutzfaktor 30 auf der Nase, Lawinensonde und -schaufel im Rucksack, bricht die Gruppe in T-Shirt und Batschkapp zur ihrer ersten Tour in Richtung Markkirchl auf dem Salzachjoch auf. Die Bamberger Hütte in 1761 Meter Höhe kauert im Schutz des Hausberges und wird Schlafplatz, Verpflegungsstation und Zufluchtsort der kommenden sechs Tage sein. Ansonsten bis an den Rand ihrer Kapazität vollgestopft mit Wintersportlern, bleibt die Hütte des Deutschen Alpenvereins (DAV) jetzt, am Ende der Saison im April, fast ausgestorben zurück.

Markkirchl auf dem Salzachjoch: An sonnigen Tagen mit Blick auf die Zillertaler Alpen
Antje Blinda

Markkirchl auf dem Salzachjoch: An sonnigen Tagen mit Blick auf die Zillertaler Alpen

"Uuuuund - Kick! Noch Tausende solcher Spitzkehren werdet ihr in den nächsten Tagen machen müssen, ihr werdet davon träumen!" Verflucht - noch in Gedanken beim strahlenden Einstiegstag verknoten sich die Beine der fünften Kapuze von vorne und Kopf voraus sackt sie in den nassen Schnee. Manfred steht mit verdrehten Knien zehn Meter im Hang über ihr und ist dabei, das Wendemanöver Spitzkehre zu erklären. Je steiler der Berg, desto perfekter muss die Drehung auf der Stelle klappen: Talski vorschieben, Bergski nach vorne heben und um 180 Grad drehen, mit dem besagten Kick den Talski nachziehen, und weiter geht es die Serpentinenspur hoch. Seit vier Jahren ist Manfred ausschließlich beim DAV beschäftigt. Als Bauarbeiter wurde es für ihn immer schwieriger in Hopfgarten, dem nächsten größeren Ort im Brixental, Arbeit zu finden.

Weiß in weiß in weiß: Nebelsuppe, Schnee unten, Schnee oben - nur die Steigung verrät, wo es hingehen soll. Zu sehen ist das Ziel nicht. Noch gestern war der Blick frei, lagen die Gipfel der Tauern, der Kitzbüheler und der Zillertaler Alpen im gleißenden Sonnenlicht. Skigondeln schaufeln dort Massen an Touristen zu den Bergrestaurants hoch, und künstlich planierte Rennstrecken wimmeln vor Abfahrtsskiläufern und Snowboardern. Die Skitourer in der Regenwolke, vom 27-jährigen Schuhverkäufer aus Berlin bis zum 65-jährigen Heizungsbauer aus Wuppertal, haben dieses Jahr Turbo-Lifte und Après-Ski-Disco-Musik eingetauscht gegen bis zu dreistündige Aufstiege in fast absoluter Stille. "Stopp, Achtung, schaut links!": Ein Schneehuhn, perfekt getarnt im allgegenwärtigen Weiß, hockt bewegungslos auf einer Schneewehe, ein paar Meter entfernt.

Gipfelsturm: Nach drei Stunden ist der Schafsiedel in 2447 Meter Höhe erreicht
Antje Blinda

Gipfelsturm: Nach drei Stunden ist der Schafsiedel in 2447 Meter Höhe erreicht

Plötzlich erscheint im Nebeldunst das Gipfelkreuz des Schafsiedel. An dem einfachen Metallgerüst hängen Eiszapfen und Raureif, der Sturm zerrt an den Drahtverspannungen. Die Tourengeher beeilen sich, die klebrigen Aufstiegsfelle von den Skiern zu reißen, Schokoriegel und Marschtee aus dem Rucksack zu packen. Lange halten sie es hier oben nicht aus. Durchgeschwitzt, wie sie sind, wird es kalt im Wind. Sie rasten die Skibindung in die Abfahrtsstellung ein, der Adrenalinspiegel steigt. Jetzt endlich kommt der Höhepunkt jeder Schneetour, die Belohnung der stundenlangen Plackerei, die Erfüllung des Traums eines jeden wirklichen Skifreaks - die Abfahrt durch den Tiefschnee: durch das fluffige und pulverige Nichts dem Abgrund entgegenstürzen und gleichmäßig perfekte Schlangenlinien in den unberührten Schnee malen.

"Fahr möglichst gerade Kurven!", ruft Manfred der ersten Abfahrerin hinterher. Doch die ist schon beim ersten Schwung in einer Wand aus weißem Beton stecken geblieben. Der Rest der Gruppe purzelt hinterher. Schnee kann viele Namen haben, wie schon Miss Smilla mit ihrem Gespür für Schnee lernte. Heute heißt er Sulz oder auch Beweg-dich-möglichst-nicht-
wenn-du-jemals-unten-ankommen-willst. Triebschnee, Altschnee, Firn - die Kenntnis der Schneesituation ist wichtig, um die Lawinengefahr abschätzen zu können. Ein kleines Einmaleins der Lawinenkunde hat Manfred schon am Abend zuvor gegeben. An einer Tafel im Gastraum der Hütte erklärte er Beurteilungskriterien und Entscheidungsstrategien: "Stop or Go", "Limits", "Munters 3x3". Trotz aller Erschließung durch die Menschen bleibt das Hochgebirge ein lebensgefährlicher Raum.

Neue Bamberger Hütte: 90 Lagerplätze und 2000 Übernachtungen im Jahr
Antje Blinda

Neue Bamberger Hütte: 90 Lagerplätze und 2000 Übernachtungen im Jahr

Es ist 16 Uhr. Nach und nach tröpfeln die durchnässten Teilnehmer in der bullig geheizten Bamberger Hütte ein. Gerade rechtzeitig, um den Tiroler Apfelstrudel, der jeden Tag um die gleiche Zeit vom Hüttenwirt Robert Fuchs aus der Backröhre geholt wird, noch heiß und knusprig genießen zu können. Die scheue Hüttenkatze hat sich ganz oben auf dem grünen Kachelofen zusammengerollt und beobachtet die aufgekratzten Skiläufer aus sicherer Distanz. Auch wenn das Wetter an diesem Tag so grimmig und nass war, Aufstieg und Abfahrt nicht bei optimalem Schnee und unter strahlend blauem Himmel stattfand - allein die Vorstellung, wie es sein könnte, steigert die Lust auf mehr. Mehr am nächsten Tag, mehr im nächsten Jahr.



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