Skitouren in Österreich Wedeln über den Wolken

Training für den Nanga Parbat oder entspannter Naturgenuss? Über das Ziel ihrer Skitouren in den Radstädter Tauern waren sich Verena Stitzinger und ihre Mitstreiter nicht immer ganz einig. Doch am Ende boten die spektakulären Berge Österreichs für alle etwas.


Kalt war es, sehr kalt. Listig schlich sich der dichte Nebel durch sämtliche Lagen Funktionsbekleidung und ließ uns frösteln. Nicht einmal die dicken Handschuhe, die ich eigentlich wie immer für die Abfahrten vorgesehen hatte, konnten meine Finger ausreichend wärmen. Besonders Daumen und kleiner Finger schmerzten schon fast in der Kälte. Dabei waren wir erst in der unteren Hälfte des Aufstiegs. Sollten wir umdrehen? Früher Kaffee und Kuchen in der gemütlichen und warmen Stube unseres Gasthofs? Nein, bei dieser Skitour kam ich mit solchen Vorschlägen bei meinen Begleitern nicht durch.

Für ein paar Tage waren wir in den Radstädter Tauern unterwegs, genauer gesagt im Naturpark Riedingtal, rund um die Gemeinde Zederhaus. Schnell zu erreichen ist das interessante Tourengebiet mit etwa 50 Skigipfeln über die Tauernautobahn von Salzburg aus. Gut zwei Stunden von München entfernt, ist das Ziel gleich nach dem Tauerntunnel erreicht.

Die Schneelage war gut im Winter 2007/2008 – wie übrigens auch in diesem Winter, weil vor allem die Regionen südlich des Alpenhauptkamms im Dezember reichlich Schnee erhielten. Die Lawinensituation war ungewöhnlich stabil für den Hochwinter – nur die Wetterprognose war schlecht, denkbar schlecht.

Egal, wir sind trotzdem losgefahren. Denn als Familie haben wir wenig Gelegenheit, gemeinsam etwas zu unternehmen und außerdem wollen wir alle so viel Zeit wie möglich im Schnee verbringen.

Training für den Achttausender

Die Motivation dafür war allerdings höchst unterschiedlich: Mein Bruder Luis und seine Freundin Alix trainierten für die Besteigung eines Achttausenders. Übrigens haben die beiden ihr Ziel in der Zwischenzeit erreicht: Am 21. Juli 2008 stand das Alpinisten-Paar Luis Stitzinger und Alix von Melle auf dem Nanga Parbat.

Zeit ist bei den beiden erfolgreichen Höhenbergsteigern verständlicherweise eher Mangelware. Also was lag näher, als zwischen Weihnachten und Silvester ein kleines Familientreffen mit mir und meinem Freund Markus mit ein paar netten Skitouren zu kombinieren? Dass Markus und ich eher aus der abfahrtsorientierten Ecke des Skitourensports kommen, störte die beiden ernsthaften Alpinisten überhaupt nicht.

Im Gegenteil – die Unterschiede sorgten für einige Unterhaltung.

Schon beim Ausladen der Ausrüstung aus dem Auto konnte sich Luis kaum halten vor Lachen: Schließlich wiegt eine unserer Freeride-Latten mit stabiler Bindung mehr als sein komplettes Paar Ski. Na, da müssen sich diejenigen mit den breiten Schneesportgeräten bei den Aufstiegen schon mächtig anstrengen, um hinterher zu kommen.

Und auch sonst verlangt ein alpinistisches Familientreffen eine gewisse Umstellung. Wegen Kälte und schlechter Sicht vorzeitig umzudrehen, kam Luis absolut nicht in den Sinn. Er fror ja auch gar nicht, sagte er zumindest. "Aber ich will doch gar nicht auf den Nanga Parbat", jammert Markus. Mit dem Versprechen von Genuss-Skitouren sei er in ein heimliches Nanga-Parbat-Trainingslager mit eisigen Temperaturen, stürmischen Winden und steilen Graten gelockt worden.

Auf Brettern über dem Wolkenmeer

Schließlich war es tags zuvor, bei einer Tour aufs Taferlnock schon kalt und windig genug, auch diese Abfahrt hatten wir im dichten Grau absolvieren müssen. Natürlich war die Beschwerde nicht ganz ernst gemeint. Denn alle schätzten das gemeinsame Erlebnis. Und wie! Wir waren uns alle einig, dass es hier trotz Nebel und Schneefall viel schöner sei als daheim am Schreibtisch. Als wäre das ein Zauberspruch, wurden wir belohnt: Auf etwa 2000 Meter stießen wir durch den Nebel und liefen dann über dem Wolkenmeer.

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Steil und ausgesetzt ging es später hinauf zum Gipfel des Großen Mosermandls. Die Stimmung hier oben, der Blick auf die umliegenden Berge, die aus den Wolken spitzten, entschädigte bei Weitem für die kalten Finger. Und dann kam ja noch die Abfahrt! Die Schwungradien reichten von ganz klein (bei Luis) bis riesengroß. Über den Pulverschnee jedenfalls freuten wir uns alle. Am nächsten Tag war die von ihren Ansprüchen her so unterschiedliche Crew wieder auf gemeinsamer Tour: Das Weisseck stand auf dem Plan – immerhin der zweithöchste Berg der Niederen Tauern.

Der direkte Weg war Luis und Alix selbstverständlich zu kurz. Und so lockten sie uns mit mehreren Pulver-Abfahrten und wir liefen die große Runde übers Seeköpfl, den Grat der Felskarspitze und letztendlich hinauf zum steilen Gipfel des Weisseck. Und das bei schönstem Sonnenschein und traumhaftem Schnee. Keine Diskussion, so gefiel es uns allen hier im Tal von Zederhaus.



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