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08. März 2016, 05:02 Uhr

Familienskiurlaub im Vinschgau

Kinder, Kinder!

Von Susanne Weingarten

Das Skigebiet in Trafoi in Südtirol ist winzig - und hat sich deswegen auf eine spezielle Zielgruppe verlegt: Familien mit kleinen Kindern. Und ganz kleinen.

Hinter Trafoi ist Schluss. Im Winter wird die Passstraße über das Stilfser Joch gesperrt, weiter als in das winzige, auf 1500 Meter Höhe gelegene Alpendorf kommt man nicht. Wer hierher fährt, in den äußersten Westen des Vinschgaus, der muss wirklich hierher wollen.

Aber die Touristen kommen. Vor den vier Skihotels stehen winterlich verdreckte Autos aus Italien, Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden. Viele haben Kindersitze auf der Rückbank. Mit den großen Skigebieten in den Alpen kann Trafoi nicht konkurrieren, darum hat sich der Südtiroler Ort auf eine andere Zielgruppe verlegt: die Kleinen. Und die ganz Kleinen.

"Mama, ich will nicht", heult der fünfjährige Jelmer im knallblauen Schneeanzug. Er stammt aus der Nähe von Utrecht, ist zum ersten Mal in seinem Leben in den Bergen und müht sich redlich, sich auf seinen Skiern aufrechtzuhalten. Gar nicht so einfach, auch wenn die langen Bretter vorne mit Kunststoffspitzen zusammengehalten werden, damit sie nicht auseinanderrutschen.

Auf einem kleinen Hügel gleich neben dem Trafoier Kirchlein, das alle Viertelstunde bimmelt, soll die nächste Generation von Pistengängern lernen, wie man Ski fährt.

Familien als Zukunftskonzept

Jeden Morgen um kurz vor zehn formiert sich ein Treck junger Eltern, die ihre Sprösslinge auf Schlitten zum Übungshang im Hochtal karren. Sie drücken die bunten Stiefelchen in den Skibindungen fest, nesteln Handschuhe, Skibrillen und Helme ihrer Kinder zurecht, bugsieren sie auf das Förderband, das die Kleinen den Hügel hochtransportiert, feuern sie an und filmen mit ihren Smartphones die ersten Rutschversuche.

Und dann sind Roland, Walter, Jochen, Melanie und die anderen Lehrer der Trafoier Skischule gefragt, die mit Engelsgeduld und manchmal Gummibärchen ihren Schülern den Unterschied zwischen "Pommes" (Parallelhaltung) und "Pizza" (Schneepflug) beibringen.

"Wir unterrichten heute zu 99 Prozent Kinder", sagt Roland Angerer, der die Skischule seit fast 20 Jahren leitet. "Als ich anfing, waren es noch zu 80 Prozent Erwachsene." Die Spezialisierung hat dem winzigen, wie aus der Zeit gefallen wirkenden Skigebiet Trafoi überhaupt erst eine Zukunft eröffnet. Mit seinen rund zehn Pistenkilometern kann es weder riesige Liftanlagen noch Après-Ski oder Alpenglamour bieten.

Der 80-Einwohner-Ort in Südtirol kann aber damit punkten, dass die Wege kurz, die Liftpreise bezahlbar und die Pisten eigentlich immer frei sind. Damit, dass Eltern nicht lange mit ihren zappelnden Kindern am Sessellift anstehen müssen und sich darauf verlassen können, dass keine Pistenrowdys die Kleinen am Berg niedermähen. Damit, dass sie hier Ruhe, Beschaulichkeit und viele andere Eltern mit ähnlichen Bedürfnissen vorfinden.

"Viele kommen Jahr für Jahr wieder, man baut eine Beziehung auf", sagt Angerer, "ich unterrichte heute teilweise die Kinder von Kindern, denen ich auch schon das Skilaufen beigebracht habe. Die Gäste haben das Gefühl, dass sie nach Hause kommen. Sie mögen es, dass sie hier in Trafoi einen Namen und eine Geschichte haben."

Kreischalarm am Frühstücksbüffet

So weit ist Familie Bender noch nicht: Die Wahl-Zürcher verbringen mit ihren Kindern Magdalena, 5, Emilia, 3, und Leopold, 10 Monate, zum ersten Mal die Ferien in Trafoi. "Winterurlaub mit Kindern ist nicht das Einfachste", sagt Christian Bender, und seine Frau Friederike ergänzt: "Wenn man die Kinder im Winter an die frische Luft bekommen will, gibt es kaum Alternativen zum Urlaub in den Bergen." Die Benders wollen ihrer ältesten Tochter Magdalena das Skifahren ermöglichen, "denn das macht eigentlich allen Kindern Spaß".

Junge Familien wie die Benders sind genau diejenigen, die in normalen Hotels mit Furcht und Schrecken betrachtet werden: Sie reisen mit Babys an, deren nächtliches Geheul eine ganze Hoteletage um den Schlaf bringen kann, mit Kleinkindern, die morgens Schnuller und Eierbecher aus ihrem Hochstuhl quer durch den Speisesaal pfeffern, und mit energiegeladenen Grundschülern, die sich spätestens am dritten Urlaubstag in Pulks zusammenrotten und durch die Lobby toben.

Im Trafoier Drei-Sterne-Hotel Bella Vista, in dem sich die Benders einquartiert haben, gehört all das zum Konzept - schon vor anderthalb Jahrzehnten entschloss sich die Eigentümerfamilie Thöni, auf Familienfreundlichkeit zu setzen, weil die traditionelle Kundschaft in die Jahre gekommen war und wegblieb.

"Durch den eigenen Nachwuchs haben wir gemerkt, wie toll es ist, wenn man ihn auch mal abgeben kann", sagt Chefin Petra Thöni, inzwischen Mutter von fünf Kindern zwischen einem und 14 Jahren. "Kinderbetreuung gab es damals ja noch in fast keinem Hotel."

Heute wohnen im Bella Vista überwiegend junge Familien, der Lärmpegel beim Frühstück ist eindrucksvoll. "Je mehr Kinder in einem solchen Hotel sind, desto weniger hat man das Gefühl, dass die eigenen Kinder stören", sagt Friederike Bender. "Wir wollten nirgendwo hinfahren, wo ältere Herrschaften genervt an die Decke blicken, wenn die Kinder mal schreien."

Ski, Schuhe, Schnee

Aus der Ferne sieht es aus, als würden bunte Knallbonbons am Schnürchen den Hang hinaufgezogen. Zwei Stunden lang üben die Kleinen jeden Morgen die Grundtechniken des Skifahrens. "Kinder haben generell keine Angst", sagt Roland Angerer, "man kann sie einfach draufstellen - Ski, Schuhe, Schnee, nach einer halben Stunde fahren sie einfach."

Selbst der kleine Jelmer aus Holland hat schnell vergessen, dass er eigentlich nicht Skifahren lernen wollte. Als ihn seine Mutter mittags abholt, sagt er: "Ich kann das jetzt. Kann ich trotzdem morgen wiederkommen?"

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