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Heiligenfiguren von Lecce: Verklärter Blick aus Pappaugen

Foto: Rasso Knoller/ SRT

Heiligenskulpturen in Lecce Draht, Papier und eine Prise Salz

Die Heiligen von Lecce bestehen aus Draht, Stroh, Papier und sind haltbar für Jahrhunderte. Nur wenige beherrschen noch die alte Kunst dieser Cartapesta-Skulpturen - Maria Arcona ist eine davon.

Maria Arconas Selbstbewusstsein ist nicht von Pappe. Sie zeigt auf ihre Werke und sagt: "So können das nicht alle Kollegen." Papst Johannes Paul II. und Mutter Theresa stehen bei ihr im Hinterzimmer - lebensgroß. Als Pappfigur.

Arcona, schulterlange blonde Haare, schwarze Hornbrille, ist Cartapesta-Künstlerin: Sie erschafft Statuetten und Statuen aus Pappmaschee. Am realistischen Faltenwurf der Kleidung und an lebensechten Gesichtszügen der Figuren könne man eine wirklich gute Cartapesta-Figur erkennen, sagt die 45-Jährige. In farbverkleckstem weißem Kittel steht sie in ihrer Werkstatt in der apulischen Stadt Lecce. An den Wänden hängen Engel mit weißen Flügeln, Masken mit langen Nasen und ein Kalender mit einem Marienfoto.

Lecce ist der einzige Ort in Italien, an dem die Cartapesta-Kunst noch ausgeübt wird. 13 Ateliers gibt es hier ganz im Süden des Landes, am Absatz des Stiefels. Die Kunst aus Pappe wurde im 18. Jahrhundert populär. Damals hatten Nonnen den Umbau der Chiesa di Santa Chiaria in Auftrag gegeben. Als es dann daran ging, den Deckenschmuck zu bestellen, stellten sie fest, dass ihre Kassen leer waren. Um die Stuckateure zu bezahlen, war kein Geld mehr da. Ohne Deckenschmuck konnte die Kirche aber auch nicht bleiben.

So überlegten die frommen Frauen, was zu tun sei. Schließlich gaben sie den Handwerkern den Auftrag, es mit Pappmaschee zu versuchen. Und das klappte hervorragend. Wer die Kirche heute besucht und es nicht anders weiß, wird annehmen, die Figuren an der Decke seien aus Holz geschnitzt.

Die billige Kunst von Santa Chiaria fand bald Nachahmer in der Stadt. Die einheimischen Handwerker sahen damals den aus Neapel zugereisten Pappmascheekünstlern zu. Solange, bis sie sich selbst zutrauten, Ähnliches zu schaffen. "So ist es in Italien nun einmal, einer arbeitet und vier stehen rum", sagt Arcona. Lecce entwickelte sich zur Cartapesta-Hochburg.

Draht, Stroh, Pappe - und haltbar für Jahrhunderte

In Maria Arconas Familie ist Cartapesta Tradition. Schon ihr Großvater hat solche Figuren geschaffen. "Als Kind habe ich die meiste Zeit bei ihm in der Werkstatt verbracht." Für Arcona ist das Formen von Figuren mehr als Kunst, es ist Teil ihres Glaubens. Während ihrer Arbeit fühle sie sich Gott nahe, sagt sie, und deshalb verspüre sie in ihrem Atelier eine besondere Ruhe und Kraft. Auch die Liebe verdankt sie der Kunst. Denn in ihren Mann habe sie sich einzig deswegen verguckt, weil er so schöne Statuen schaffen konnte, erzählt Arcona und lächelt.

Ausgangspunkt einer jeden Figur ist ein mit Stroh umwickeltes Drahtgestell, auf das dann die Pappmasse aufgetragen wird. Die wiederum wird hergestellt, indem man Packpapier in einer Mischung aus Mehl und Wasser aufweicht und dadurch formbar macht. Dem Ganzen wird noch eine Spur Salz zugefügt - das verbessert zwar nicht die Formbarkeit, sorgt aber dafür, dass den Mehlwürmern das Gemisch nicht mehr schmeckt. So können Cartapesta-Kunstwerke Jahrhunderte überstehen.

Obwohl die Figuren nur aus Pappe und Mehl bestehen, sind sie erstaunlich stabil. Selbst Regen kann ihnen nichts anhaben. "Lediglich gut abwischen muss man die Figuren, wenn sie nass geworden sind", sagt Maria Arcona.

Das ist praktisch, denn viele der Pappmascheestatuen werden irgendwann mal nass. Weil sie so leicht sind, baut man sie seit Jahrhunderten speziell für die Heiligenprozessionen, von denen es im katholischen Italien und vor allem im tiefen Süden des Landes viele gibt. Weil die Statuen aus Cartapesta viel leichter sind als die aus Holz, können sie länger und weiter getragen werden.

Zweieinhalb Monate für einen Papst

Vielerorts zieht man stundenlang mit dem Gekreuzigten, der Gottesmutter oder einem Schutzheiligen aus Pappmaschee durch die Straßen - für die Träger ist das immer noch Schwerstarbeit. Eine Figur zu schaffen, dauert lange, denn jede Schichten muss immer erst trocknen, bevor die nächste aufgetragen werden kann. An der lebensgroßen Statue von Papst Johannes Paul II. hat Maria Arcona beispielsweise zweieinhalb Monate gearbeitet.

In Lecces Cartapesta-Ateliers wird längst mehr gefertigt als Heiligenfiguren und Krippen. "Wir machen alles, was die Kunden wollen", sagt Maria Arcona. So finden sich in ihrem Laden auch Pappstatuetten, die Vertreter unterschiedlicher Berufe darstellen: Ärzte im weißen Kittel zum Beispiel, Juristen im Talar und Fußballspieler, die zum Schuss ausholen.

Cartapesta-Figuren seien auch eine Geldanlage, sagt Signora Arcona: "Alles, was älter als 25 Jahre ist, gilt als Antiquität und ist dann richtig teuer." Ein Priester betritt ihren Laden. Er möchte ein Kruzifix aus dem 19. Jahrhundert kaufen. "Einen schmerzvollen Blick wie ihn die Cartapesta-Meister damals ins Gesicht Jesu modellierten, würden heute nur noch die wenigsten Künstler zustande bringen."

Sagt er, blickt Maria Arcona ins Gesicht und ergänzt, sich leicht verbeugend: "Sie natürlich ausgenommen."

Rasso Knoller/srt/abl
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