Snowdon-Gipfeltour in Wales Alle Wetter!

Feuchter Nebel, feiner Sprühregen, heftiges Schneegestöber: Rund um den Snowdon, den höchsten Gipfel von Wales, ist alles möglich. Ein echter Gigant ist er zwar nicht - doch trotzdem zieht er schon seit Jahrzehnten Extrembergsteiger an.

Bene Benedikt

Von Bene Benedikt


Skibrille, Regencape, Riesenrucksack. Der Mann ist gut ausgerüstet. Aber wozu? Die Sonne scheint, der Himmel ist ringsum blau und der Gipfel liegt gerade mal 150 Meter über uns. Der Weg ist mäßig steil, gut markiert und noch besser ausgetreten, und es wird noch ein paar Stunden hell sein.

Seine Augen hinter der gelben Scheibe wirken matt, angestrengt, sein Gruß ist hinter der Gesichtsmaske kaum zu vernehmen. Der zweite Mann hinter ihm - treibt er ihn an? Trägt er eine Sauerstoffflasche? Es ist nicht zu erkennen, wir sind zu schnell vorbei und zu verblüfft, um nach dem Wie und Wohin zu fragen. Wird wohl ein britischer Achttausender-Mann gewesen sein, beim Training in der dünnsten Luft, die Wales zu bieten hat. Er ist in bester Gesellschaft, denn auch Edmund Hillary - damals noch kein Sir - trainierte hier, wenn auch nicht für den Snowdon.

Schon damals, vor über 60 Jahren, war das britischer Snobismus: Denn die Zahnradbahn keucht seit 1896 hinauf und macht diesen walisischen Dreitausender für arrogante Alpinisten noch fragwürdiger. Aber die sollten die Nase nicht zu hoch tragen: 1085 Meter über Meereshöhe können ganz schön viel sein, wenn die Küste gerade mal 16 Kilometer entfernt ist. Briten rechnen eben traditionell anders: 3560 Fuß - ein echter Dreitausender!

Hoher und Niederer Haufen

Dass mit denen nicht zu spaßen ist, hat uns der Nachbarberg am Tag vorher überzeugend bewiesen: Der Aufstieg auf den Doppelgipfel Glyder beginnt heiter, bei Sonne und ein paar windzerzausten Wolken. Schon bald überzieht sich der Himmel und im Nu nieselt es, verschleiert den schönen Idwal-See. Und als wir uns den steilen Schlund namens Devil's Kitchen hinaufarbeiten, gießt es in Strömen.

Oben auf der Felsschulter eine kurze Verschnaufpause für Mensch und Wolke: Kurz hebt sich der Vorhang für einen Spähblick auf das nahe Meer, dann geht es weiter, die schottrige Flanke hinauf, während der Himmel noch Atem holt. Doch bald kommt Nachschub, erst feuchter Nebel, dann feiner Sprühregen, der schnell dreidimensional wird und knieabwärts fast weiß. Doch es schneit auf dem Gipfel, der nicht mehr ist als eine Anhäufung von großen und kleinen Steinbrocken und Felsnadeln.

Glyder Fawr heißt er, Hoher Steinhaufen, und misst laut Karte 1001 Meter. Sein Bruder namens Glyder Fâch, Niederer Steinhaufen, bleibt bei 994 Metern, bietet aber Ordnung fürs Auge: eine gewaltige waagerechte Linie, einen steinernen Balken oder Ausleger, den man ohne Mühe beklettern kann. Ein Pflichtfotospot, egal, wie dicht die Wolken sind. Beim Abstieg wird's heller und heller und unten am See scheint wieder zaghaft die Sonne.

Das harte Leben der Bergleute

Tags darauf am Snowdon: Sonne von früh bis spät, eine Genusswanderung durch eine wilde Landschaft, die noch geheimnisvoller wirkt durch die verfallenden Reste verlassener Bergwerke. Spuren einer primitiven Schienenbahn sind zu erkennen, ein Damm schneidet durch einen See. Barackenfundamente am Ufer erzählen vom harten Leben der Bergleute.

Wir profitieren von dem breiten Weg, auf dem sie einst Kupfer zu Tale brachten. Durch eine seltsam schwarze Landschaft mit leuchtendem Grün. Jeder Stein, jeder Fels ist mit Gras oder Moos überwachsen. Das ist praktisch: ein Tag Frost, etwas Schnee drüber - fertig ist das Himalaja-Übungsgelände!

Auch die Namen passen: Täler heißen hier Cwm - so wie das "Western Cwm" ("Kuhm" gesprochen), das Gletschertal zu Füßen des Mount Everest. Denn dieses Wort ist nicht Nepalesisch, es entstammt dem keltischen Walisisch, das mit vielen Umlauten kompliziert daherkommt und rachenkratzend rau und urzeitlich klingt. Aus dem Cwm steigt der Weg gen Gipfel, mal über große flache Felsplatten, mal sorgsam gebaut im steilen Geröll bergan. Kein Baum, kein Strauch - wie in den Alpen weit über 2000 Meter. Nur viel grüner.

Glücksbringer für den Weiterweg

Doch was ist das da vorne? Ein massiver Wegweiser, ein abgestorbener Baum? Tatsächlich ein Baumstamm, der seltsam in der Sonne glitzert: Er ist über und über bedeckt mit Münzen, die in die Maserung getrieben sind. Meist Pennystücke, auch Cents und Pfennige.

Wozu, warum? Glücksbringer für den Weiterweg? Nicht nötig, denn nun schwingt er sich leicht auf eine Schulter, gibt die Aussicht frei aufs Meer und die vorgelagerte Insel Anglesey. Ein letzter Spazierweg längs der Gleise der Zahnradbahn, ein gewaltiger glatter Steinbau, fast wie von Zaha Hadid gezeichnet - der Gipfelbahnhof, aus dem Dieseldampf dringt -, dann öffnet sich ein steiniges Plateau mit einem Kegelchen darauf.

Ein Dutzend Stufen, dann ist der wirkliche Gipfel erreicht. Nach Osten und Süden stürzen grasige Schrofen schroff in die Tiefe. Ein Bronzetisch erklärt den grandiosen Rundblick, weckt Sehnsüchte für die nächsten Tage. Die Sonne kommt zwischen den Wolken zum Vorschein - wo haben wir bloß die Skibrille?

Der Text stammt aus der Zeitschrift "Alpin", Ausgabe 5/2013

Mehr zum Thema


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
boblinger 01.05.2013
1. Ach Wales ...
... wunderschönes Land meiner Träume! Es gibt keinen besseren Flecken auf diesem Planeten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.