Snowkiten in Silvaplana Ritt mit dem Drachen

Simon Sprecher

Wir Skifahrer sind ja durchaus bereit, auch mal neue Wege zu gehen - solange es keine Schneeschuhwanderungen sind. Mein Neuanfang heißt Snowkiten, und er beginnt mit einem Kniefall im Schnee.

Simon, mein Snowkite-Lehrer, hat sich auf die verschneite Wiese fallen lassen und zeichnet mit dem Zeigefinger ein kryptisches Bild: Ein Halbkreis, der von einer senkrechten Linie geteilt wird. "Die Linie in der Mitte zeigt die Windrichtung an, der Halbkreis ist Spielraum eures Kite-Segel", erklärt Simon. "Wenn ihr das kapiert habt, ist der Rest ganz einfach."

Simon, 35, will mir und ein paar anderen Skifahrern das Snowkiten beibringen. Vor uns breitet sich der Silvaplaner See aus, hinter ihm strecken die Berge des Engadins ihre gezackten Spitzen in den Himmel. Snowkiten ist, verkürzt ausgedrückt, wie Schleppliftfahren in der Ebene: Man hat zwei Skier oder ein Snowboard unter den Füßen und lässt sich von einem Lenkdrachen ziehen. Profis schaffen so sogar Sprünge wie beim Kitesurfen auf dem Wasser oder lassen sich von ihren Drachen den Berg hoch ziehen.

Ich sah mich am Ende des Tages mit meinem Drachen wenigstens elegante Kurven über den vereisten See ziehen. Doch der Halbkreis mit dem senkrechten Strich hat mich schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Nach Simons kurzem Vortrag war klar: Wer die Ebene zu seiner Piste machen will, muss vor allem eines beherrschen: Physik. Es fielen Begriffe wie "Power-Zone" und "Windfenster", und ich verstand, dass die wahre Kunst des Kitens gar nicht im Skifahren liegt - sondern darin, den Wind zu beherrschen.

Drachenflug in der "Power-Zone"

Wir üben erst mal ohne Skier und nur mit Kinder-Kites. Mein erster Drachenflug endet mit einer Bauchlandung im Schnee. Simon kommt angestapft und reicht mir die Hand. "Du darfst deinen Schirm nicht in die Power-Zone lenken", sagt er. "Dort hat der Wind zu viel Kraft." Ich wühle mich aus dem Schnee, entknote die Schnüre und fange noch mal an.

Nach einer halben Stunde habe ich den Bogen halbwegs raus: den Kite flach in den Schnee legen, einen zackigen Ausfallschritt nach hinten machen und gleichzeitig an der Mittelleine ziehen. Und wenn der Wind den Drachen dann mitnimmt, beginnt der Spaß. Man steuert den Kite wie einen Lenkdrachen, zieht mal rechts, mal links, lässt ihn Loopings machen und setzt ihn wieder sanft am Boden ab. "Mittagspause", ruft Simon. Was, schon? Danach will ich aber unbedingt die Skier anziehen.

Als wir wieder auf der Wiese stehen, glitzert der Schnee wie ein Diamantenteppich, und der Wind hat aufgefrischt. Simon packt einen der großen Schirme aus: acht Quadratmeter Angriffsfläche. Wir hören ehrfürchtig zu, als er uns die "Bar" erklärt, die Stange, an der die Lenkseile befestigt sind.

Simon lässt uns ein letztes Mal trocken üben. Dann breitet er die Schnüre aus - und ich schnalle die Skier an. Etwa 20 Meter liegen zwischen mir und meinem Drachen. Ich atme tief durch, lehne mich zurück, ziehe am Seil und spüre, wie sich die Schnüre spannen. Eine Sekunde später hebt mein Kite ab.

"Drück die Bar von dir weg", ruft Simon. Der Drachen steigt steiler. "Und jetzt lenken." Ich kippe die Stange nach rechts, der Drachen zieht an - und ich fahre los. Was für ein Gefühl! "Jetzt nach links lenken", sagt Simon. Der Drachen zerrt an der Bar, ich folge ihm - und steuere geradewegs in einen kleinen Schneehaufen hinein. Egal.

Ich bringe Ski und Drachen wieder in Startposition. Wer einmal den Drachen geritten hat, kann es nicht abwarten, wieder zu fliegen.

Zur Person
  • Louis Hermic
    Das Skifahren hat Stéphanie Souron schon mit vier Jahren gelernt. Heute verbringt die Journalistin ihre Freizeit am liebsten in den Alpen. Ihr Job als freie Autorin hat sie nach Hamburg verschlagen - inzwischen weiß sie, welche Fluglinien die Skier gratis transportieren und mit welchem Bus man am schnellsten ins Skigebiet kommt. Trotzdem ahnt sie: Eine Stadt ohne Berge und Schnee ist auf Dauer keine Lösung.

    Im Pisten-Blog erzählt Souron vom langen Warten auf den Schnee, von Neuheiten in den Skigebieten, philosophiert über das beste Hüttengericht und über alles, was im Winter draußen Spaß macht.



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Pof 10.02.2015
1.
... Dann mal Hals und Beinbruch ... Es sind Aktionen, bei denen sich das Risiko gefährlicher Verletzungen auf ein Vielfaches erhöht ... Auch für Andere auf der Piste ein erhöhtes Risiko ... immer weiter so auf dem Weg zum Krankenhaus ...
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