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14. Juli 2005, 05:21 Uhr

Sommer auf Santorin

Kalliste, die Schöne

Jeden Abend wieder beginnt die Show: Wenn die Sonne über Santorin versinkt, halten Touristen wie Einheimische inne: Der Himmel über der schönsten Insel der Kykladen färbt sich erst pastellfarben, dann violett, dann nachtblau - ein Farbenspiel wie von einer gigantischen Lavalampe.

Kirche auf kargem Fels: Mehr als 300 orthodoxe Gotteshäuser für 7500 Einwohner
GMS

Kirche auf kargem Fels: Mehr als 300 orthodoxe Gotteshäuser für 7500 Einwohner

Thira - Gäbe es nichts anderes auf dieser Insel am Südrand des ägäischen Meeres, gäbe es keine weißen Häuser, die tollkühn wie Adlerhorste in die dunklen Felsen gesetzt sind, keine Kirchen mit wasserblauen Kuppeln, keine engen Gassen und keine schwarzen Strände - der Sonnenuntergang alleine wäre Grund genug, herzukommen.

Santorin ist eine Vulkaninsel in den Kykladen, seine Kultur dem ständigen Vernichtungsrisiko zum Trotz älter als Athen. Die Phönizier nannten sie "Kalliste", die Schöne. Mancher munkelt, Santorin sei das verlorene Atlantis. Ein gewaltiger Ausbruch mit einer hundert Meter hohen Flutwelle versenkte um 1525 vor Christi Geburt das halbe Eiland im Meer.

Heute zu sehen sind die drei Reste jenes kleinen Weltuntergangs: die Hauptinsel mit dem Caldera-Becken, dem gefluteten Vulkankrater; die kleine Insel Nea Kameni, die wie ein Badewannenstopfen in der Mitte der Caldera liegt; und Thirasia, die den nordwestlichen Rand des Beckens begrenzt.

Überleben war auf Santorin immer eine größere Herausforderung als anderswo. Der Vulkan ist im Untergrund noch aktiv. Gase entströmen ihm nach wie vor, zuletzt rührte er sich in den 1950er Jahren. Wie als Provokation gegen die Macht der Natur haben die Menschen ihre Häuser hoch oben in die Kraterwand gebaut, unmittelbar an der Kante der 300 Meter hohen Steilküste.

Garagengroße Kirchen

Mittig breitet sich die Hauptstadt Thira aus, auch Fira genannt. An der Nordwestspitze liegt das kleinere, noch hübschere Oia. Weiß verputzt leuchten die Häuser in der Sonne, ein prächtiger Anblick für die Passagiere der Kreuzfahrtschiffe, die vorübergleiten oder für einen Tag im Hafen Mésa Gialós anlegen.

Hauptstadt Thira: Überleben war auf Santorin immer eine große Herausforderung
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Hauptstadt Thira: Überleben war auf Santorin immer eine große Herausforderung

Die Lebensumstände auf der Insel verlangen Gottvertrauen. Davon zeugen mehr als 300 orthodoxe Kirchen für nur 7500 Einwohner. Oft sind sie nicht größer als eine Garage. Fast ständig weht ein rauer Wind aus Nordost. Außer im Hochsommer kann das Wetter jederzeit umschlagen. Dann wird es ungemütlich, und Flugzeuge kreisen wie irritierte Tauben über der Insel und können nicht landen.

Landwirtschaft ist unter diesen Umständen nur begrenzt möglich. Der herbe Wein der Insel wächst nahe am Bimssteinboden in Körben. Frauen flechten sie aus Zweigwerk um den Weinstock herum. Wie fordernd das Leben auf Santorin ist, belegen die traurigen braunen Augen eines Taxifahrers, kaum 20 Jahre alt. Er wartet am kleinen Flughafen auf Fahrgäste - auch im Winter, wenn niemand kommt.

Ganz anders blickt Jamie in die Welt, der hinter der Theke in "Murphy's Bar" in Thira viel zu teures griechisches Bier der Marke "Mythos" verkauft. Für den 22-jährigen Kanadier ist Santorin "great fun", eine Riesengaudi. Er wird die Insel aber auch wieder verlassen im Oktober, wenn die Saison vorbei ist und die Stürme kommen. Dann geht er nach Hamburg oder London, bevor er sein Studium beginnt.

Tagsüber, wenn Jamie frei hat, spielt er Tourist. Er schaut sich das prähistorische Museum der Hauptstadt an, fährt mit dem Bus zu den Ausgrabungsstätten des Dörfchens Akrotiri, das in die späte Bronzezeit zurückreicht. Oder er leiht sich ein Mountainbike und radelt zum Baden an die Südküste.

Flitterwochen im Postkartenidyll

Die Strände von Kamari und Perissa im Südosten sind breit und beliebt, der Vulkansand ist grobkörnig und so dunkel, dass im Sommer Badelatschen als Hitzeschutz empfehlenswert sind. Die Strände im Südwesten sind kleiner, dafür aber rot am Red Beach und fast weiß am White Beach. Zu den Stränden kommt man auch gut mit dem Bus, das Ticket von Thira aus kostet maximal 1,60 Euro.

Haus am Abhang: Die Häuser von Santorin kleben wie Adlerhorste in den Felsen
GMS

Haus am Abhang: Die Häuser von Santorin kleben wie Adlerhorste in den Felsen

Santorin lebt von Fischerei und Landwirtschaft, vor allem aber vom Tourismus. Die Speisekarten in den Tavernen sind sechssprachig, das Essen leider meist nichts sagend auf den internationalen Geschmack ausgerichtet. Die Läden im Gassengewirr von Thira verkaufen Schmuck und Designermode. Selbst aus den USA und Japan strömen Gäste herbei, oft sind es Paare auf Hochzeitsreise. Manchmal aber können der Touristenrummel und sogar die beschauliche Idylle zu viel werden. Doch das ist vergessen, wenn die Sonne sinkt. Selbst die Kellner in den Terrassenrestaurants und der Hoteldiener, der den Balkon fegen soll, bleiben stehen und schauen zu.

Eine halbe Stunde dauert die Show. Sie beginnt mit mediterranen Pastelltönen, die erst den Himmel und dann die weißen Häuserwände färben. Doch je tiefer die Sonne sinkt, wandeln sich die Farben zu verwaschenem Violett und kühlem Dunkelblau. Die Menschen werden still, während unten im Wasser, 300 Meter tiefer, ein Fischerboot ablegt. Mit einem einzelnen blinkenden Licht pflügt es durch das Wasser der Caldera auf die Nachbarinsel Thirasía zu und verschwindet in der Finsternis.

Von Frank Rumpf, gms

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