Tyler Brûlés Olympia-Tipps Keine Angst vor Luftabwehrraketen!

Gibt es noch Hotelzimmer in London? Wohin flüchte ich vor dem Olympia-Trubel? Tyler Brûlé gibt Lesern Antworten auf Fragen zu ihrer Reiseplanung - es sei denn, sie kommen ihrer Bürgerpflicht als gute Sport-Event-Gastgeber nicht nach.

London: Am 27. Juli beginnen hier die Olympischen Sommerspiele
londononview.com

London: Am 27. Juli beginnen hier die Olympischen Sommerspiele


Als ich am Wochenende von einem kurzen Trip nach Singapur und Bangkok nach London zurückkehrte, wartete nicht nur ein vor Briefen überquellender Postsack auf mich, sondern gleich zwei. Offenbar sorgt das fürchterliche Wetter in Großbritannien dafür, dass die Menschen genügend Zeit haben, um sich wieder auf ihre Schreibfertigkeiten zu besinnen. Und wer es geschafft hat, in Weltregionen mit längeren Sonnenphasen zu flüchten, fühlt sich bemüßigt, mich von dort mit bunten Postkarten zu bombardieren.

Mit Hilfe meines Assistenten Tommy wühlte ich mich durch diese Massenkorrespondenz, um die am häufigsten gestellten Fragen herauszufiltern und diese dann für alle zu beantworten. Einige komplexere Probleme sind dabei: Wie oft sollte ich mich momentan rasieren und kennen Sie zufällig einen guten türkischen Barbier in London? Ich traue keiner Bank mehr und wüsste gerne, wo ich meine Ersparnisse aufbewahren soll? Ich passte kürzlich auf den Hund eines Freundes auf und der kleine Mistkerl ist entwischt: Soll ich ihm die Wahrheit sagen - und was könnte ich ihm in der Zwischenzeit als Wiedergutmachung kaufen? Um solche und ähnliche Fragen kann ich mich dann hoffentlich am kommenden Wochenende auf meinem Flug nach Singapur beziehungsweise auf dem anschließenden Trip nach Brisbane kümmern.

Einer meiner Leser schreibt: "Ich hatte mich eigentlich sehr darauf gefreut, zu den Olympischen Spielen nach London zu kommen. Die Berichte über Luftabwehrraketen auf Hausdächern, endlose Staus und hohe Preise schreckten mich jedoch wieder ab. Nun habe ich aber doch noch Tickets ergattert und werde am Morgen der Eröffnungszeremonie nach London fliegen. Ich frage mich allerdings, ob ich so spät noch ein Hotelzimmer finde - was meinen Sie?"

Schön, dass Sie sich für den Flug entschieden haben und damit unsere darbende Wirtschaft unterstützen! Luftabwehrraketen auf Hausdächern sollten Sie nicht beunruhigen - auf der ganzen Welt gibt es bestimmt vergleichbare Konstruktionen, von denen man nur nicht so viel hört. Was die Frage nach einem Hotelzimmer betrifft: Es stehen genügend zur Verfügung.

Ich habe mich bei drei von Londons besten Fünf-Sterne-Häusern danach erkundigt und erhielt die Antwort, ich könne nicht nur ein Zimmer, sondern gleich ein halbes Stockwerk reservieren. Für viele Hoteliers und Veranstalter, scheinen sich die mit den Olympischen Spielen verbundenen Erwartungen wohl nicht zu erfüllen. Mal sehen, wie das betriebswirtschaftliche Endergebnis lauten wird, wenn die Flamme wieder erloschen ist.

Ein anderer Leser hat folgende Frage: "Ich hatte mich eigentlich sehr darauf gefreut, die Olympischen Spiele in London zu erleben. Die Berichte über endlose Staus, Luftabwehrraketen auf Hausdächern und hohe Preise haben mich jedoch abgeschreckt. Nun ist es mir gelungen, Flugtickets zu ergattern, um London am Morgen der Eröffnungszeremonie zu verlassen. Meinen Sie, es gibt in den schönen Ecken Europas noch ein Hotelzimmer für zwei Wochen Sonne?"

Sie sollten sich schämen, dass Sie nicht in London geblieben sind! Haben Sie tatsächlich Schiss vor so ein paar hoch entwickelten Waffensystemen auf dem Dach? Und sind hohe Preise und ein geringer Gegenwert nicht ein Teil dessen, was London ausmacht? Zugegeben, es ist jetzt schon schwerer, sich rund um London fortzubewegen, aber es werden in den nächsten Tagen so viele interessante Menschen anreisen, dass es wichtig ist, als Gastgeber Präsenz zu zeigen.

Außerdem sind unzählige großartige Partys geplant und zweifellos werden jede Menge Tickets von großzügigen Firmen-Sponsoren unter das Volk gebracht. Da Sie Ihrer Verantwortung als guter Bürger nicht gerecht werden, bekommen Sie auch keine kostenlosen Ferientipps von mir und verdienen es, zwischen zwei brüllenden Kindern im Windelalter in einem vollgestopften Flugzeug mit Verspätung nach Korfu zu fliegen.

Dieser Leser hat nichts mit Olympia am Hut: "Ich weiß, Sie sind ein Freund des Reisens mit der Bahn. Nun plane ich mit ein paar guten Freunden gerade eine kleine Rundfahrt über die kommenden Wochen und wüsste gerne, ob Sie mir eine Route empfehlen könnten?"

Sie haben völlig recht: Ich liebe gute Zugfahrten. Ich kann Ihnen sogar gleich mehrere Routen empfehlen. Wenn Sie und Ihre Freunde von verschiedenen Flughäfen aus anreisen, sollten Sie sich idealerweise in Zürich treffen und ihr Abenteuer direkt am Flughafen beginnen lassen. Die schlauen Schweizer haben nämlich bereits einen Bahnhof unter die Terminals gebaut, als sich andere Städte immer noch auf einer Entwicklungsstufe kurz vor Elektrizität und Toilettenspülung befanden.

Ich würde ein oder zwei Nächte in Zürich bleiben, im See schwimmen gehen, gute Hemden bei Pelikamo (toller Laden für Männer) kaufen und ganz einfach nach Kräften den Sommer in dieser gut sortierten Stadt genießen. Weiter geht's gen Süden nach Como. Verbringen Sie ein oder zwei Nächte in der Villa d'Este und schauen Sie auf ein Pfeffersteak im Sociale und zum Shoppen bei A.Gi.Emme in der Stadt vorbei. Fahren Sie dann weiter Richtung Süden bis Sie Mailand erreichen und steigen Sie in den Frecciarossa um.

Es wird immer über Deutschlands und Frankreichs Hochgeschwindigkeitsnetz geredet, dabei kann ich nach einem Trip von Mailand runter nach Neapel und zurück mit Fug und Recht sagen, dass Italien an der Spitze steht. Es ist ein regelrechter Wettbewerb in Form des neuen Italo-Zugangebots ausgebrochen - leider erlaubte mein Zeitplan keine Testfahrt, aber die Wagen sehen wirklich sehr hübsch aus. Die neue Konkurrenz hat den staatlichen Betreiber zu Verbesserungen gezwungen, Neapel glänzt sogar mit einem ganz neuen Bahnhof.

Am besten ist der Speisewagen, der frisch gepressten Orangensaft und guten Kaffee serviert. Wenn Sie sich für den Kauf von Erste-Klasse-Tickets entschieden haben, wird sogar Prosecco an den Platz gebracht. Neapel verwöhnt sie mit einem hochklassigen Hotelangebot - mich werden Sie aber mit Sicherheit im San Pietro finden.



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.