South West Coast Path in England Anhalten, umdrehen, fotografieren

Auf dem South West Coast Path können Wanderer auf mehr als 1000 Kilometern Englands Südwestküste entdecken. Ein Abschnitt an der Jurassic Coast führt zu Drehorten, Dinos und dramatischen Klippen.

Blackbeck/ iStockphoto/ Getty Images

Von Laura Engels


Die ersten Kilometer kosten Zeit. Die Gewissheit hält auf, diesen Blick beim Zurückgehen nicht noch mal genießen zu können. Stehen bleiben, zurückblicken, weitergehen. Den längsten Fernwanderweg Großbritanniens, den South West Coast Path (SWCP), hat die Küstenwache einst angelegt, um nach Schmugglern Ausschau zu halten. Ich suche Fossilien, Einsamkeit und dramatische Klippen.

Wer die gesamten 1014 Kilometer des SWCP läuft, hat gewissermaßen viermal die Höhe des Mount Everest bewältigt. Denn die zu erklimmenden Gesamthöhenmeter von Minehead in Somerset bis nach Poole Harbour in Dorset belaufen sich auf rund 35.000 Meter.

Das erste Etappenziel meiner lediglich dreitägigen Tour ist weniger ehrgeizig: der höchste Punkt der Südküste Großbritanniens. 191 Meter über dem Meeresspiegel klingen nicht nach einer sportlichen Herausforderung, doch der Anstieg zum sogenannten Golden Cap ist auch kein Spaziergang. Von oben blicke ich zurück auf die Kleinstadt Lyme Regis, wo ich heute Morgen meine Wanderschuhe angezogen habe, bis nach Dartmoor und weiter zur Insel Portland.

Jedes Jahr besuchen neun Millionen Menschen den SWCP. Die Wegführung ist eigentlich ganz einfach: Gehe an einen beliebigen Strand im Südwesten Englands, halte dich links oder rechts, und schon bist du auf dem Wanderweg, der einmal die gesamte Halbinsel umrundet.

Wer es ernst meint, sollte jedoch etwas Planung investieren. Da der Weg bei jeder Flussmündung steigt und fällt, gilt er als vergleichsweise anstrengende Langstreckenwanderung. "Es gibt Hunderte, wenn nicht Tausende, die den Weg vollendet haben", sagt Becky Millington von der South West Coast Path Association, eine Wohltätigkeitsorganisation, die sich um die Pflege der Strecke kümmert. "Die meisten gehen ein paar Abschnitte am Wochenende oder im Urlaub - um alles zu sehen, brauchen die Menschen in der Regel Jahre."

Damian Hall war schneller: In 10 Tagen, 15 Stunden und 18 Minuten absolvierte der Rekordhalter den kompletten Pfad, der eigentlich in 52 Tagesetappen aufgeteilt ist. Laut Millington treibt die Wanderer der Wunsch an, fitter oder schlanker zu werden, die Ruhe und Natur zu genießen "oder einfach nur der ganze Prozess des Planens und Gehens". Die meiste Zeit kennzeichnet das Eichelsymbol den Weg. Manchmal schadet es aber nicht, den Namen des nächsten Orts zu kennen.

Ein paar Hammerschläge - und ein Ammonit zeigt sich

Die sogenannte Jurassic Coast ist auch als Fossilienfundstätte bekannt. Das erste komplett erhaltene Skelett eines Ichthyosaurus - eines ausgestorbenen Meeresreptils - wurde hier 1811 gefunden. Sowie Reste eines gepanzerten Pflanzen fressenden Dinosauriers, eines Scelidosaurus aus dem Unteren Jura. "Eigentlich müsste es Green Cap heißen", erklärt der einheimische Fossiliensammler Nigel Clarke am Startpunkt der mehrtägigen Wanderung. Der Sandstein zwischen Charmouth und Bridport sehe eher grün statt goldfarben aus, wenn er nass wird.

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South West Coast Path: Auf und Ab an der Jurassic Coast

"Am besten ist nasses, stürmisches Wetter", sagt Clarke, "September ist eigentlich ideal." Entgegen der gängigen England-Vorurteile, strahlt aber die Sonne. Gut fürs Wandern, schlecht fürs Sammeln. Clarke schüttet etwas Wasser aus seiner Trinkflasche über einen Felsbrocken. So sind die Millionen Jahre alten versteckten Schätze leichter zu erkennen. Dann fängt er an, einen kleinen Klumpen mit seinem Hammer zu bearbeiten. Schlag für Schlag kommt ein versteinerter Ammonit zum Vorschein.

Was wir hier finden, dürfen wir behalten. Obwohl die Jurassic Coast zum Weltnaturerbe gehört und unter dem Schutz der Unesco steht, müssen nur außergewöhnliche Funde im Heritage Coast Centre in Charmouth gemeldet und abgegeben werden. Einige Entdeckungen von Touristen schafften es sogar ins "British Museum of Natural History" in London, erzählt Clarke. Wer beim Fossiliensammeln am Strand allein sein will, sollte im Winter kommen. "Heiligabend vielleicht", empfiehlt Clarke und grinst.

Am Tatort von "Broadchurch"

Nach etwa zehn Kilometern am ersten Tag freuen sich meine Füße über die Abkühlung direkt im Meer. Noch bevor ich das Hotel in Eype Mouth landeinwärts suche, genieße ich das Gefühl, am Etappenziel angekommen zu sein. Da weiß ich noch nicht, dass ich nur wenige hundert Meter von einem Tatort entfernt sitze. Eine Hütte, die dort direkt am SWCP liegt, war Schauplatz eines Mordes in der preisgekrönten britischen Krimi-Serie "Broadchurch" mit der Oscar-Gewinnerin Olivia Colman. In Deutschland wurden die Staffeln ab 2014 ausgestrahlt.

Viele Mitarbeiter der Produktionsfirma wohnten während der Dreharbeiten im Eype's Mouth Country Hotel, in dem ich abends meine Füße abends hoch lege. Glück für Betreibertochter Amy French, für die ihre Mutter einen Besuch am Set organisierte. "Einige Statisten sind nicht erschienen, und sie brauchten noch ein junges Mädchen, das auf einem Trampolin hüpft. Ich sollte einspringen und stand plötzlich in der Maske - es war so ein surrealer Moment."

Am nächsten Morgen mache ich mich mit einem Infoblatt auf den Weg, um das fiktive Dorf Broadchurch zu entdecken. Im Ort West Bay finde ich es wieder: das Polizeirevier, das Ellipse-Café, das blaue Haus, in dem Ermittler Alec Hardy wohnt, East Pier, und natürlich Harbour Cliff Beach, wo die Leiche gefunden wurde. Aufgrund der Serie kämen viele Gäste in ihr Hotel, hat Amys Mutter Glenis beim Abschied noch gesagt. "Vor allem Besucher aus dem Ausland. Sie verbinden es dann mit der Wanderung auf dem South West Coast Path."

Selfie an der Durdle Door

Der Fernwanderweg führt oberhalb der steilen, ungesicherten Klippen entlang. Nach einiger Zeit geht es abwärts. Doch der Kies am Chesil Beach sorgt dafür, dass die letzten Schritte des zweiten Tages in die Beine gehen. Kilometer- und Höhenangaben allein sind eben nicht immer aussagekräftig. Mein Körper signalisiert: "Hunger" und "müde" - Zeit, eine der Buslinien entlang des Weges zu nutzen. Von Abbotsbury geht es bequem nach Weymouth, das im 18. Jahrhundert durch König Georg III. als Badeort populär wurde.

South West Coast Path (SWCP)
Der längste offizielle Fernwanderweg des Vereinigten Königreichs bietet 1014 Kilometer voller Geschichte, historischem Erbe, Natur und Kultur. Er führt an dramatische Klippen vorbei, durch Fischerdörfer sowie einen Nationalpark und zwei Unesco-Welterbestätte. Der SWCP ist einer von 15 sogenannten National Trails.
South West Coast Path - Infos für Wanderer

Wanderer folgen dem Eichelsymbol entlang der Küste von Somerset über Exmoor durch die malerische Landschaft von Cornwall bis nach Dorset. 70 Prozent des Weges führen durch Nationalparks oder unberührte Natur. Einige Abschnitte sind äußerst anstrengend und umfassen häufige Auf- und Abstiege sowie teilweise schwieriges Terrain.

Die Etappen lassen sich online planen. Unter www.greatenglishtrails.com gibt es auch Bed-and-Breakfast-Adressen und Tipps für die besten Pubs der Region. Wer unbeschwert unterwegs sein möchte, kann einen Koffertransfer buchen.
Jurassic Coast - Wo ist das?
Die 150 Kilometer lange Küstenlinie zwischen Exmouth in Devon und Studland in Dorset erzählt die Geschichte von 185 Millionen Jahren Erdgeschichte. Die Felsen in diesen Klippen sind eine fast ununterbrochene Aufzeichnung der Trias-, Jura- und Kreidezeit. Die Jurassic Coast erhielt 2001 als erste Naturlandschaft in England von der Unesco den Titel Weltnaturerbe.
Jurassic Coast - Fossilien suchen
Die Strände von Lyme Regis und Charmouth sind die besten Ausgangspunkte, um nach Fossilien zu suchen. Besucher sollten das Heritage Coast Centre aufsuchen, um sich Tipps zu holen, bevor Sie in den von der Flut angespülten Kieselsteinen nach prähistorischen Lebewesen, Dinosaurierknochen und längst ausgestorbenen Ammoniten suchen. Dort sind auch einige präparierte Funde ausgestellt.
Jurassic Coast - Führung
Nigel Clarke bietet seit mehr als 20 Jahren geführte Fossilienwanderungen an. Er ist der Autor des meistverkauften Fossilienführers der Gegend und hat zahlreiche Artikel über die Jurassic Coast veröffentlicht. Weitere Infos zu den Führungen gibt es unter www.lymeregisfossils.net, zum Thema Fossilien auch unter www.jurassiccoast.org.
Krimi-Serie "Broadchurch" - Worum geht's?
Die mehrfach ausgezeichnete britische Krimi-Drama-Serie (2013 bis 2017) behandelt den Tod eines elfjährigen Jungen, die anschließenden Mordermittlungen und deren Auswirkungen auf den Ort Broadchurch, eine fiktive Kleinstadt in Südwestengland. Nach sensationellen Einschaltquoten im eigenen Land fand die Serie auch international großen Anklang. In Deutschland strahlte das ZDF die ersten beiden Staffeln aus.
Krimi-Serie "Broadchurch" - Drehorte

Die Küste von Dorset spielt eine Hauptrolle. Die Klippen von West Bay sind leicht zu erkennen als die Kulisse des Strandes, an dem die Leiche von Danny Latimer gefunden wurde. West Bay war auch die Kulisse für das Café, die Polizeistation, den Zeitungsladen, die Sea Brigade Hall und den Hafen. Außerdem wurde der Caravan Park in der Nähe von Freshwater und die Strandhütte in Eypes Mouth genutzt.

Weitere Infos und eine Auflistung der Drehorte hier.

Bei der nächsten Etappe sind bis zum Selfie an der Kalkstein-Felsbrücke Durdle Door noch einige Höhen und Tiefen zu überwinden. Der sich in die Länge ziehende zum Teil steile Weg von Osmington Mills Richtung Durdle Door erfordert erhöhte Aufmerksamkeit. Fast vergesse ich dabei die wichtigste Regel des SWCP: anhalten, umdrehen, fotografieren.

Je näher ich Durdle Door komme, desto steiler wird es. Das letzte Auf und Ab des Weges führt direkt an der Steilküste ohne jegliche Sicherung entlang. Wem das zu aufregend oder anstrengend ist, sucht sich seinen Weg über die Weiden landeinwärts über Trampelpfade immer zur nächsten Zaunpforte. So wie ich.

An diesem warmen sonnigen Tag sind sehr viele Touristen zum Küstenmonument gepilgert - immerhin gilt er als einer der Höhepunkte des SWCP. Ich muss wohl doch noch einmal wiederkommen. Vielleicht an Heiligabend.



insgesamt 9 Beiträge
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Cato137 16.06.2019
1. Dass es im 18. Jahrhundert einen
namenlosen König in England gab, ist mir neu. Bemerkenswerterweise war es auch noch der Dritte!
awes 16.06.2019
2. Längster Fernwanderweg Großbritanniens?
Lands end to John O' Groats ist 1407 km lang!
coldasice 16.06.2019
3. Beeindruckende Landschaften, fantastische Menschen
Wir hatten gerade erst letzten Monat das Vergnügen, den SWCP von Exmouth bis Poole zu wandern, und waren wirklich sehr beeindruckt. Nicht nur von den zum Teil spektakulären Landschaften und Aussichten, sondern auch von der Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Menschen. Wer sich nach Ruhe und Natur sehnt, ist auf dem SWCP wirklich gut aufgehoben. Eine gewisse Grundfitness sollte man aber auf jeden Fall mitbringen - einige Anstiege können es durchaus in sich haben. Uns wird der SWCP wohl nicht das letzte Mal gesehen haben...
hermannsson 16.06.2019
4. Sehnsucht - das ist gemein hier
danke für diesen Artikel über mein Lieblingsurlaubsland. Auch ich bin schon viele Meilen an dieser herrlichen Küste entlang gewandert und habe das großartige Land und seine liebenswerten Menschen kennengelernt. Abends in einem Pub ein Bitter mit den Einheimischen zu trinken und über Gott und die Welt zu quatschen ist dann der krönende Abschluss eines Wandertages. Ob in England, Wales oder Schottland, es gibt kaum schönere Orte als dort in UK. Aber jetzt sitze ich zuhause auf der Terrasse und lese diesen Artikel und das große "Heimweh" überkommt mich ... das ist so gemein ...
ecnis 16.06.2019
5. Absolut lohnenswert
Es gibt viele genauso schöne und manche viel schönere Abschnitte. Wäre ja auch Zufall gewesen, wenn die Autorin genau "die" Strecken getroffen haette. Aber die vollmundige Ankündigung in der Einführung hat wohl jemand anders formuliert. Lohnenswert ist der Weg aber allemal.
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