Spanien Krach um den Lärm

Fiesta, Glockentanz, Müllabfuhr nach Mitternacht: In Spanien gehört Lautstärke zum guten Ton. Doch jetzt ist die Schmerzgrenze der iberischen Trommelfelle erreicht. Andreas Drouve über eine neue Protestkultur zwischen Malaga und Bilbao.

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"Wegen Lärms geschlossen." In Spanien hätte ich diese Zeitungsschlagzeile noch vor einiger Zeit für unvorstellbar gehalten - erst recht im Zusammenhang mit einer Multifunktionshalle. Aber in der Tat hat es kürzlich um ein öffentliches Veranstaltungshaus Streit gegeben. Wegen eines Planungsfehlers - und wegen Lärms: Das Gebäude war zwar überdacht, aber zu den Seiten hin offen. So drangen der Stimmenhall von Freizeitsportlern, die Bässe von Live-Konzerten und animalische Nacht-Arien der Dorfjugend nach Massenbesäufnissen unter dem Hallendach so ungebremst in den Ort Artica, dass sich ein halbes Dutzend Familien beklagte.

Trotz erster Beschwerden bei der Gemeinde und Dezibelmessungen, die das gesetzlich vorgesehene Höchstmaß um Längen übertrafen, stellten sich die Rathausoberen taub. Nach unzähligen Anrufen bei den Sicherheitskräften, die den Ruhestörungen ein Ende bereiten sollten, es aber nicht taten, zogen die Anwohner gemeinschaftlich vor Gericht - und bekamen recht. Nun ist die 1,2 Millionen Euro teure Halle mit polizeilichem Absperrband umwickelt.

"Tourist respect Portuguese silence or go to Spain" (auf Deutsch: Touristen, respektiert die portugiesische Ruhe oder geht nach Spanien) - dieses Graffito, vor Jahren in Portugals Hauptstadt Lissabon entdeckt, ist mir unvergesslich geblieben. Da hatte jemand ein profundes Verständnis für die Unterschiede in Kulturkreisen versprüht. Südländisch heißt halt nicht immer laut - im Falle der Spanier schon.

Seit meinen frühesten Begegnungen mit dem Land schienen dessen Bewohner gegen jedwede Art von Geräuschentfaltungen immun zu sein. Das merkte ich nicht nur bei meinem ersten Flamenco-Erlebnis, als sich ein Sänger, der den Künstlernamen Juan Terremoto (Johannes Erdbeben) trug, die Seele aus dem Leib schmetterte. Auch außerhalb der Flamencohöhle galten Lärmpegelhöchststände als normal, da Spanier sie nicht als belastend empfanden oder grenzenlos Toleranz walten ließen.

Die Klage ist der letzte Schrei

Alles Geschichte! Heute frage ich mich: Das gute alte lärmende Spanien, wo steuert es hin? Was sind Spanier für Sensibelchen geworden? Sie beschweren sich nur, weil der Nachbar von oben wie immer sein Schlagzeug malträtiert, die schwerhörige Nachbarin von unten das Fernsehgerät für den Klogang lauter stellt, um bei der Sitzung nichts zu verpassen, und die Bewohner von nebenan im Sommer eine Klimaanlage aus der Steinzeit rotieren lassen. Und wie wird es in Zukunft um die Mixtur aus Gesprächs- und Musikfetzen bestellt sein, die sich abends in Kneipengassen und auf Plätzen zum akustischen Tsunami aufbaut? Ist dieses Stück Lebensart wirklich so unumstößlich, wie ich es einst eingeschätzt hatte?

Heute sind Klagen gegen störende Lautstärke der letzte Schrei, der Krach um den Lärm greift um sich. Mittlerweile gibt es alljährlich im April am "Internationalen Tag gegen Lärm" Veranstaltungen mit Aufklärungscharakter. Schätzungen zufolge muss jeder Zehnte Städter einen Lärmpegel ertragen, der über dem von der Weltgesundheitsorganisation vorgegebenen Höchstwert liegt. Weitere Mentalitätswandel und Konflikte scheinen programmiert.

"Kann ich denn überhaupt das eigene Rathaus anzeigen?", stellte eine Frau aus Barcelona in einem Internetforum zur Debatte, regelmäßig in die Verzweiflung getrieben durch städtische Müllwagen, die sie des Nachts aus der Tiefschlafphase rissen.

Antwort: Aber sicher, nur Mut! Für Spaniens Gesetzgeber, die ständig höhere Bürgerpflichten und Abgaben einfordern, war nicht vorauszusehen, dass ihre Untergebenen einmal ernsthaft mündig werden, Hemmschwellen überwinden und selber auf Einhaltung der erlassenen Lärmschutzvorschriften pochen könnten. Ein Bumerangeffekt, der Beschwerdelawinen ausgelöst und bereits zum minutengenauen Ende von Freiluftkonzerten und zur Bestrafung von Kneipiers geführt hat, die der Schallisolierung in ihren Räumen nicht nachkamen oder Gäste auf Terrassen nach der Sperrstunde weiterbedienten.

Hardcore-Protest gegen Kirchenglocken

Wer Rechtsbeistand sucht, stößt schnell auf die Asociación Española Juristas contra el Ruido, die "Spanische Juristenvereinigung gegen den Lärm", die davon lebt, dass - und da bekommt man es mit dem typischen Stolz und Trotz des Gemeinen Homo ibericus zu tun - die Geräuschquellen natürlich nicht versiegt sind.

Ich persönlich empfinde weder Straßenkehrmaschinen nach Mitternacht noch Glockentänzer, die selbst bei niedersten Feieranlässen mit angebundenen Viehglocken auf dem Rücken durch unsere Straße vibrieren, als Wohltat - habe mich aber bislang nicht beschwert. Spanische Hardcore-Protestler hingegen nehmen neuerdings zunehmend Kirchenglocken als Dorn im Ohr wahr, was wiederum Kleriker erbost, die auf Einhaltung der Traditionen pochen. Sieht man von nachweislich überschrittenen Dezibelgrenzen durch das Geläut ab, stellt sich unabhängig davon die Frage, was das ganze penetrante Getöse nutzt, wenn ohnehin kaum jemand mehr dem Ruf zur Messe folgt.

Zu Widerstand gegen die Widerständler ist es im Städtchen Tudela gekommen, wo sich beim Patronatsfest eine Jugendfront gegen die neuesten Lärmschutzvorschriften bildete. Sie protestierten dagegen, dass die Kneipen nicht mehr um halb fünf in der Früh, sondern schon um drei Uhr schließen sollten. Die Initiative scheiterte, behördlicherseits wurde so den Nichtfeiernden ein Teilanspruch auf Nachtruhe garantiert.

Tröstlich stimmt, dass es Spanien nicht mit deutschen Verbotsdimensionen aufnehmen kann. Hierzulande habe ich von keinem Biergarten gehört, der um zehn Uhr abends zusperren muss. Ebensowenig kenne ich eine Vorschrift, die penetranten Schnarchern in Pilgerherbergen am Jakobsweg bei Überschreitung der Dezibelgrenze mit dem Verweis aus dem Schlafsaal droht. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen.

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Seite 1
Altesocke 03.01.2012
1.
Zitat von sysopFiesta, Glockentanz, Müllabfuhr nach Mitternacht: In Spanien gehört Lautstärke zum guten Ton. Doch jetzt ist die Schmerzgrenze der iberischen Trommelfelle erreicht, die Meister des Radaus streiten um jedes Dezibel. Andreas Drouve über eine neue Protestkultur zwischen Malaga und Bilbao. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,806676,00.html
Und in Deutschland wird dann das Kirchengelaeut schutzwuerdiger bewertet, als inn einem erzkatholischem Land? Irgendwas laeuft hier verkehrt! Auch das Oeffnungsverbot fuer Supermaerkte und Kaufhaeuser an Sonntagen, fuer das die Kirchen den 'Tag Gottes' ins Feld fuehrten, ist, betrachtet man die haeufigst anzutreffende 7/52 Mentalitaet in Suedeuropa, etwas irretierend. Wie, in Spanien/Portugal/Italien am Sonntag nur an tankstellen und Bahnhoefen einkaufen koennen? dasginge wohl eher gar nicht!
bomdia 03.01.2012
2. Es stimmt,
Zitat von sysopFiesta, Glockentanz, Müllabfuhr nach Mitternacht: In Spanien gehört Lautstärke zum guten Ton. Doch jetzt ist die Schmerzgrenze der iberischen Trommelfelle erreicht, die Meister des Radaus streiten um jedes Dezibel. Andreas Drouve über eine neue Protestkultur zwischen Malaga und Bilbao. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,806676,00.html
Spanien ist ein lautes Land. Werde nie den wundervollen Moment vergessen, als ich nach Wochen in Galizien die wundervolle Ruhe Viana do Castelos/Portugal genießen durfte.
old_spice 04.01.2012
3. nicht nur Spanien ...
leider scheinen auch Ägypter absolut Lärm-unsensibel zu sein. Zwar habe ich akzeptiert, daß auf Safaribooten fast immer Pressluftkompressor und Stromgenerator versuchen, die Klimaanlagen zu übertönen, aber bei meinem Urlaub in ElQuesir mußte ich dann erleben, daß genau dies auch in den Anlagen so ist: Je mehr Licht erstrahlt, desto lauter donnert der Stromerzeuger. Hat man sich daran gewöhnt fällt der Kompressor der Tauchbasis um so mehr auf. Oder das Nebenzimmer wird, weil gerade leer, für die neuen Gäste auf 18°C runtergekühlt, mit donnernder Klimaanlage.
cromac 04.01.2012
4.
Zitat von bomdiaSpanien ist ein lautes Land. Werde nie den wundervollen Moment vergessen, als ich nach Wochen in Galizien die wundervolle Ruhe Viana do Castelos/Portugal genießen durfte.
Ich muss als Spanier einverstanden sein, es ist bei uns öfters viel zu laut. Doch anderseits, wie im Artikel zu lesen ist, sind wir immer mehr Leute die gegen solche "Traditionen" protestieren. Mit so vielen schlechten Nachrichten in Spanien, gibt es auch eine moderne Gesellschaft die Fortschritte und Verbesserung möchte. Wie man hier sagt, gibt es die "Zwei Spanien": Eine sehr unbewegliche und traditionelle Gesellschaft vs moderner und offener Antein (in Wachstum). Hoffentlich wird die zweite Gruppe mit der Krise verstärkt. Viele Grüsse an Deutschland. Ihr seid in vieles ein Vorbild ;)
bomdia 05.01.2012
5. Natürlich,
Zitat von cromacIch muss als Spanier einverstanden sein, es ist bei uns öfters viel zu laut. Doch anderseits, wie im Artikel zu lesen ist, sind wir immer mehr Leute die gegen solche "Traditionen" protestieren. Mit so vielen schlechten Nachrichten in Spanien, gibt es auch eine moderne Gesellschaft die Fortschritte und Verbesserung möchte. Wie man hier sagt, gibt es die "Zwei Spanien": Eine sehr unbewegliche und traditionelle Gesellschaft vs moderner und offener Antein (in Wachstum). Hoffentlich wird die zweite Gruppe mit der Krise verstärkt. Viele Grüsse an Deutschland. Ihr seid in vieles ein Vorbild ;)
das ist mir selbstverständlich klar. Ich wollte auch keinesfalls die Spanier beleidigen. In Spanien habe ich vom Norden bis zum Süden eine wunderbare Zeit verlebt. Viele Grüße an Spanien.
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