Spanien Mönchsgeier über der Schlossruine

Das spanische Vogelparadies liegt in makelloser Natur. Eine Fahrt durch die Extremadura ist wie der Besuch einer makellosen Modellbahnlandschaft – nur viel lebendiger mit seltenen Mönchsgeiern, scheuen Großtrappen und langnasigen Glücksschweinen.


Mérida - Weit weg von den Stränden der spanischen Küste, vom Massentourismus der Urlaubsinseln und dem hektischen Trubel Madrids und Barcelonas gibt es noch ein anderes Spanien. Dessen Eigenheiten sind ebenso wundervoll wie den meisten unbekannt. Die Extremadura zwischen der Grenze zu Portugal im Westen und der Hauptstadt Madrid im Osten ist ein Rastplatz für Millionen von Zugvögeln und letzte Bastion vieler vom Aussterben bedrohter Arten.

Bei der Fahrt durch den Süden der Extremadura kommt sich der Reisende vor wie in einer Modelleisenbahnlandschaft: Üppig grünende Wiesen ziehen sich kilometerweit über flache Hügel, darauf angeordnet wachsen in regelmäßigem Abstand knorrige Steineichen, 30 bis 50 sind es je Hektar. Die merkwürdige Landschaft wird Dehesa genannt und bedeckt etwa die Hälfte der Extremadura. Die Haine sind uraltes Menschenwerk. Schon seit 10.000 Jahren züchten die Bewohner der Region Eichen und pflanzen sie streng vereinzelt auf ihre Weiden, um den Boden vor Erosion zu bewahren und die Eicheln als Nahrungsmittel für sich und ihre Tiere zu nutzen.

Im Schatten der Eichen lümmeln graue, weiße, rote, aprikotfarbene und schwarze Rinder. Nach gewaltigen Mastanlagen hält man vergebens Ausschau. Nicht nur Kühe, Schafe und Ziegen haben hier ein bewegtes Leben: Beim Zwischenstopp an der Einfahrt eines Landgutes traben von allen Seiten schwarze Tiere mit wippenden Segelohren heran und recken ihre langen Nasen in die Luft: Iberische Schweine verbringen ihr Leben in Eichenhainen.

Scheue Vögel und glückliche Schweine

Das freie Leben der Nutztiere hat Tradition: Bis zu fünf Millionen Schafe und Kühe überwinterten Jahrhunderte lang im vergleichsweise milden Klima der Extremadura, bevor sie im Frühjahr fünf bis sechs Wochen lang zu den Bergwiesen im Norden zogen. Durch die Region ziehen sich 125.000 Kilometer Weidewege, auf denen vor einigen Jahrzehnten allerdings kaum noch Tiere getrieben wurden, weil es billiger ist, sie mit dem Lastwagen zu transportieren. Mittlerweile lebt die uralte Tradition gestützt von Umweltverbänden und der Regierung wieder auf.

Wenige Kilometer von den schwarzen "Glücksschweinen" entfernt läuft ein Vogel mit breiten, runden Flügeln vorbei. Direkt am Straßenrand setzt er sich auf ein Bäumchen, stellt seine Federhaube auf und lässt sich geduldig bestaunen - Wiedehopfe sind in der Extremadura recht häufig. Glück und Ausdauer sind dagegen gefragt, will man einen der scheuesten gefiederten Einwohner der Region zu Gesicht bekommen: Die rund einen Meter hohen Großtrappen sind mit bis zu 18 Kilogramm Gewicht die schwersten Landvögel Europas.

Die Kulturlandschaft der Extremadura ist eines der wichtigsten Naturreservoirs des Kontinents. Etliche Tierarten sind auf den Erhalt der lichten Steineichenhaine angewiesen. Die gesamte Region ist von industriellen Anlagen weitgehend verschont geblieben, dennoch gibt es spezielle Schutzgebiete wie den Naturpark Monfragüe im Norden der Extremadura. Der Fluss Tajo hat sich hier ein schroffes Felsbett gegraben, dessen Flanken mit Eichenwäldern bewachsen sind.

Schnell wird klar, dass es eine gute Idee war, sich das 18.000 Hektar große Gebiet von einem Führer zeigen zu lassen. Er steuert rasch das Castillo de Monfragüe an, das auf einem etwa 500 Meter hohen Felsen thront. So früh am Tag kreisen die Geier ganz nah um den Bau herum.

Beim Aufstieg an frisch geschälten und deshalb erdig rot leuchtenden Korkeichen vorbei verordnet der Guide plötzlich einen Halt - wenige Meter vom Weg entfernt sitzen zwei Mönchsgeier im Fels und halten ihre drei Meter Spannweite messenden Flügel in die Sonne. Rund 250 Paare der Aasfresser leben in Monfragüe - und bilden damit die größte Mönchsgeier-Kolonie der Welt. Seltener zu entdecken ist der ausschließlich in Spanien vorkommende Kaiseradler. Ein Drittel der nur noch 150 Brutpaare ist in der Extremadura zu Hause.

Auf dem Pferderücken zur Blütenpracht

Die Umgebung Monfragües lässt sich auch hoch zu Ross erkunden. Dabei lohnt es sich, die Augen offen zu halten: Im Naturpark leben neben Geiern und etlichen anderen Greifvögeln auch bedrohte Säugetiere wie der Pardelluchs. Die meisten Tiere gibt es in Herbst und Winter zu sehen: 300 Millionen Zugvögel überwintern alljährlich in der Extremadura, darunter Zehntausende Kraniche.

Wie viele andere Afrika-Heimkehrer sind Weißstörche hier schon sehr früh im Jahr zu bewundern - manchmal erklingt auf den bis zu zwei Tonnen schweren Nestern schon im Januar fröhliches Geklapper. Kurz darauf entfaltet die Extremadura eine Farbenpracht, die ihresgleichen sucht: Im Frühjahr erblühen bis zu 40 verschiedene Arten je Quadratmeter Boden.

Für deftige Mahlzeiten sorgen die vielen einfachen Landgasthäuser. Nach wie vor schwer haben es allerdings Vegetarier - fast überall wird hauptsächlich Fleisch serviert. Zu den regionalen Spezialitäten gehören Salchichón, eine salamiartige Wurst, Chorizo, eine Wurst mit viel Knoblauch und Paprika, sowie die Käsespezialität Torta del Casar aus Schafsmilch, die mit Lab aus wilden Artischocken zur Gerinnung gebracht wurde. Ein weit über die Region bekanntes Produkt ist vor allem der luftgetrocknete Iberische Schinken, der Jamón Ibérico.

Auf ausgiebige Wanderungen bedachte Urlauber sollten sich den Norden der Extremadura als Ziel auswählen. Die höchste Erhebung ist der Calvitero mit knapp 2500 Metern. Anders als im Süden grünt es hier auch im Sommer allerorts üppig. Auf terrassenförmigen Obstwiesen wachsen Oliven- und Pfirsichbäume sowie etliche Kirschsorten. Wer sich nach einer anstrengenden Wanderung erfrischen möchte, kann dies nicht nur in den Flüssen am Talgrund tun. Sprudelnde Wildbäche bilden an den Hängen neben grandiosen Wasserfällen auch etliche steinerne Wasserbecken, in denen sich herrlich plantschen lässt.

Annett Klimpel, gms



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.