Spanische Reaktionen auf Einstufung als Risikogebiet »Wenn der deutsche Markt für uns wegbricht, bedeutet das den Tod«

Wegen steigender Infektionszahlen gilt ganz Spanien ab Sonntag als Risikogebiet. Und die nächste Verschärfung könnte schon bald drohen.
Strand von Arenal in Palma de Mallorca: Steigende Corona-Infektionszahlen

Strand von Arenal in Palma de Mallorca: Steigende Corona-Infektionszahlen

Foto: Clara Margais / dpa

Spaniens Tourismusindustrie hat mit einer Mischung aus Trotz und Kritik auf die Einstufung des gesamten Landes als Risikogebiet durch Deutschland reagiert. »Natürlich sind wir beunruhigt«, sagte die Präsidentin des Verbandes der Hoteldirektoren auf den Balearen (AEDH), Alicia Reina, der Nachrichtenagentur dpa. Aber die Buchungslage sei eigentlich noch recht gut. Auf Mallorca sind 70 Prozent der Hotels wieder geöffnet.

Die spanische Tourismusministerin María Reyes Maroto äußerte Zweifel an der Grundlage der deutschen Entscheidung. Diese orientiere sich nur an der Zahl der Corona-Neuinfektionen. Die Inzidenz als Gradmesser für das Risiko eines Landes verliere angesichts der hohen Impfrate und der niedrigen Zahl an Corona-Patienten in den Krankenhäusern aber zunehmend an Bedeutung.

Spanien liege bei der Zahl der vollständig Geimpften mit 47,8 Prozent noch vor Deutschland (43,7 Prozent), und nur 6,5 Prozent aller Betten auf Intensivstationen seien mit Corona-Patienten belegt, so die Ministerin. Auch die Todesrate durch das Virus sei niedriger als in Deutschland.

Starke Abhängigkeit vom Tourismus

»Die deutschen Touristen sind klug und können das einschätzen«, sagte Hotelmanagerin Reina. Dass ganz Spanien ab Sonntag als Risikogebiet gelte, habe zunächst keine praktischen Folgen. Denn einen negativen Test mussten Rückkehrer, die mit dem Flugzeug nach Deutschland reisen, schon bisher vorlegen.

Richtig schlimm wäre es aus Reinas Sicht aber, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz auf über 200 steigen und Deutschland die Balearen dann zum Hochinzidenzgebiet erklären würde. Dann müssten Rückkehrer, die nicht vollständig geimpft sind, für mindestens fünf Tage in eine Zwangsquarantäne. Der Wert von 200 wurde jedoch schon am Freitagabend mit 199 fast erreicht, wie das Gesundheitsministerium in Madrid mitteilte.

Die Balearen als liebste Urlaubsinselgruppe der Deutschen und auch vieler anderer Europäer sowie die Kanaren sind stark vom Tourismus abhängig. Die Urlaubsbranche trägt in ganz Spanien in normalen Zeiten mehr als zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei, auf den Balearen und auf den Kanaren sind es rund 35 Prozent. In dem Sektor geht es um Hunderttausende Arbeitsplätze.

Tourismusministerin Reyes Maroto verwies darauf, dass die hohen Infektionszahlen ganz überwiegend bei jungen Menschen registriert würden, die entweder gar keine oder nur milde Krankheitssymptome entwickelten. Die Behörden würden die Lage zwar genau beobachten und notwendige Maßnahmen ergreifen, teilte das Ministerium mit. Urlaub in Spanien sei aber auf jeden Fall sicher.

Einige Vertreter der Tourismusbranche reagierten gereizter. »Verdammt, das sind äußerst schlechte Nachrichten«, sagte etwa Alfonso Robledo, Präsident des Unternehmerverbandes Caeb auf Mallorca. »Wie schon im vergangenen Jahr bedeutet das einen brutalen Rückgang der Urlauberzahlen«, befürchtet er. »Wir haben eineinhalb Jahre mit fast völligem Stillstand hinter uns und hatten endlich Licht am Ende des Tunnels gesehen«, sagt Robledo. »Wenn der deutsche Markt für uns wegbricht, bedeutet das den Tod.«

Helmut Clemens, Sprecher kleiner und mittelständischer Tourismusunternehmen auf der Insel, äußerte sich verärgert. »Die Bedingungen werden von Politikern bestimmt, die nicht in der Lage sind, die Situation richtig einzuschätzen.«

Tourismusbeauftragter verteidigt Einstufung

Der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Bareiß (CDU), verteidigte die Einstufung von Spanien als Corona-Risikogebiet. »Mir scheint das eine angemessene Maßnahme, damit Reisen weiterhin sicher bleibt«, sagte Bareiß der »Augsburger Allgemeinen«. Die Bestimmungen der Einreiseverordnung dienten auch dazu, Menschen in der Pandemie das Reisen zu ermöglichen.

Praktisch bedeute die Einstufung als Risikogebiet derzeit lediglich, dass ein Test notwendig sei, um nicht in Quarantäne zu müssen, hob Bareiß hervor. Er lehnte zugleich Aufrufe ab, bestimmte Urlaubsländer zu meiden: »Wiederkehrende Panikmache zulasten der Reisenden und der Branche, sobald die Zahlen steigen, ist nicht angebracht.«

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Die Menschen könnten unter den gegebenen Bedingungen entscheiden, »wie und wo sie ihren Urlaub verbringen«, sagte der Tourismusbeauftragte. »Vieles ist möglich, und ich bin überzeugt, dass die Menschen diesen Sommer Erholung finden.« Wichtig seien einheitliche Regelungen in Europa. »Wir sollten gemeinsam Vertrauen schaffen und auf gute Test- und Hygienekonzepte setzen«, forderte Bareiß.

wit/dpa/AFP