Spaniens Frühstückskultur Fettkringel, Schokosauce und ein Schuss Öl

Höllenstarker Kaffee und fetttriefende Churros: Wenn Spanier frühstücken, dann immer süß und und möglichst nichts Gesundes. Andreas Drouve empfindet die morgendliche Esskultur seiner Wahlheimat als höchst deprimierend - auch gibt sie ihm so manches Rätsel auf.

Andreas Drouve

Was ich am spanischen Radio liebe, sind die markerschütternden Torschreie ("Goooooooool") bei Fußballübertragungen sonntagabends. Ansonsten bin ich kein Rundfunkhörer, denn mich nerven die typischen Plauderrunden ("tertulias"), bei denen alle durcheinander reden. Doch vor einiger Zeit ließ ich nach Übernahme eines Mietwagens das Programm zu früher Stunde so eingeschaltet, wie es war.

"Verratet uns, was Ihr zum Frühstück esst", tischte der Moderator den Hörern auf. Was gab es da mitzuteilen? War nicht von vornherein klar, dass Frühstück bei Spaniern als traditionelles Trauerspiel zelebriert wird? Immer süß, immer gleich wenig, nichts für die Gesundheit, nichts von Substanz.

Alleine der Morgenblick auf die Teller meines Clans, in den ich durch mein "Big fat Spanish Wedding" eingeheiratet habe, hätte ausgereicht, um meine langjährige Erfahrung mit Beispielen zu belegen. Kein Wurstbrot, kein Käsebrot, kein Obst, kein frischer Saft, keine Haferflocken, kein Quark, kein Vollkornmüsli, Beuteltee nicht einmal im Notfall.

Stattdessen ein höllenstarker Kaffee, der gleich zu Tagesbeginn ein Loch in den Magen reißt und keine andere Möglichkeit gibt, als schlagartig mit angeregter Darmfunktion wach zu werden. Dazu ein Croissant. Oder ein magerer Toast ("tostada"). Oder eine "magdalena", Biskuitgebäck in Häubchenform. Oder ein süßes, weiches, gummiartiges Milchbrötchen ("pan de leche"), das sich bei Eindruck des Fingers gleich wieder aufbuckelt wie ein Katzenrücken.

Kulinarisch deprimierend ergeht es auch meinem Schwiegerhund, der staubtrockene Kräcker zu seinem Napf Leitungswasser bekommt und - seit ich ihn als Welpen kenne - von chronischem Hunger geplagt scheint.

Olivenöl, Babybrei und Kiwis

"Erst ein Löffelchen Olivenöl zum Frühstück", hörte ich bei der Autofahrt plötzlich eine gewisse Berta aus Lugo im Radio sagen.
"Löffelchen?", hakte der Moderator nach.
"Na gut, ein Esslöffel, richtig voll, immer auf nüchternen Magen", sagte Berta und unterstrich ihren Schluckvorgang durch ein lautmalerisches "Glub". Dann folgte ihr Kurzvortrag, wie gut Olivenöl von innen heraus für ihre Haut sei, "aber nur das gute, das kaltgepresste".
"Und was ist bei dir mit Kaffee?", fragte der Moderator.
"Nein, kein Kaffee, aber nach dem Öl drei Orangen oder drei Birnen oder drei Kiwis."
"Immer drei?"
"Ja, immer drei, kommt darauf an, was ich im Haus habe."

Berta aus Lugo erstaunte mich mit ihrem Bekenntnis zur Gesundheitskost und zu des Tages Erster Ölung, eine echte Strömung der Avantgarde. Von José aus Alicante war zu erfahren, dass er allmorgendlich einen Babybrei aus dem Gläschen liebt und danach einen Espresso und eine Banane, wobei ungeklärt blieb, über welche Restbestände an Zähnen er verfügte. Und Nacho, ein älterer Herr, bekundete, seinem Körper vor dem Müsli zuallererst Zinktabletten zuzuführen, um das Immunsystem zu stärken.

Seit dem Radioprogramm bin ich für das Thema Frühstück sensibilisiert. Meine Schwägerin Ana, die ihre Arbeitszeit in einer Landwirtschaftsbehörde tötet und sich dafür zumindest schämt, erzählt aus der Distanz der Beobachterin, dass ihre Beamtenkollegen im Regelfall ungefrühstückt erscheinen, um ihren Dienst nach der Zeitungslektüre und der größtmöglichen Gefechtsabwehr von Anrufen im Laufe des Vormittags mit einer ausgiebigen Rast im Café um die Ecke sinnvoll zu nutzen.

Meist kommen dann Fettkringel ("churros") mit Schokoladensauce ("chocolate") auf den Tisch, ein verbreitetes spanisches Phänomen in Bars und Kaffeehäusern. Das Verspeisen der Kringel, die mit den Fingern tief in die dickflüssige Masse eingetaucht werden, darf man sich ähnlich appetitlich vorstellen wie die Nahrungszufuhr eines Franzosen, der früh morgens das halbe Croissant in der Kaffeeschale versenkt und dann versucht, das durchtränkte Weichteil irgendwie unfallfrei in den Mund zu befördern. Wer einmal Zeuge dieses Schauspiels geworden ist, weiß, was ich meine. Französische Vollbartträger setzen dem Verzehr der Hörnchenteile aus dem Wannenbad die Krone der Ästhetik auf.

Rätsel der eiskalten Frühstückseier

Wie mühelos sich der Morgenschaltkreis von "süß" auf "alles" umlegen lässt, stellen Spanier an Hotelbüffets unter Beweis und fügen sich verhaltensbiologisch in internationale Gepflogenheiten ein. Stichwort Futterneid, spezifisch für in Gruppen lebende Wirbeltiere, die Nahrungskonkurrenten fürchten.

Zerfressen von der Angst, jemand anders könnte ihnen das Beste wegnehmen, überfrachten die Büffetbesuchern ihre Teller hoffnunglos - die fette Beute besteht aus Speck und Spiegeleiern, Schinken, Oliven, Lachs. Das meiste bleibt am Ende natürlich liegen. An derlei Frühstück sind Spanier beim besten Willen nicht gewöhnt.

Apropos spanische Büffets. Sympathisch ist mir in einer Region wie Katalonien das kühle Tomatenpüree, das zusammen mit etwas Olivenöl und Salz als Ersatz für Butter und Brotbelag dient. Ein landesweites Rätsel hingegen geben mir die gekochten Eier auf. Keine frischen weichen, sondern steinharte, eiskalt aus dem Kühlschrank, meist mit perligem, glitzerndem Wasserüberzug auf der Schale.

Unerklärlich sind mir auch die henkellosen Gläser geblieben, in denen in Cafés in Madrid und auf dem Land gerne glühend heißer Kaffee bis fast an den Rand hinauf serviert wird. Die Behältnisse erfordern entweder den Einsatz von Skihandschuhen, die ich bei derlei Gelegenheiten vergleichsweise selten bei mir habe, oder lassen sich erst nach längerer Zeit des Temperaturverlustes verbrennungsfrei anfassen.

Dafür gab es letzte Woche in einem Hotel in León den Milchkaffee aus der doppelbehenkelten Suppentasse, die ich sogleich fotografierte und wirklich praktisch fand: endlich das ideale Morgengefäß für Rechts-, Links- und Beidhänder!

insgesamt 67 Beiträge
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Nonvaio01 29.07.2011
1. naja
die deutsche ist auch nicht besser. Broetchen mit Melh und wasser zusammengehaten (da ist kein Naehrwert enthalten bin Konditor) dann mit Butter, und marmelade oder Nutella. Klingt nicht gerade gesund. Natuerlich haben wir auch Muesli, da sollte man aber man auf die packung schauen und dann mal ausrechen wieviel Zucker enthalten ist..;-)
gekkox 29.07.2011
2. Treffend plakativ und doch ein wenig übertrieben
Schön treffend beschrieben, aber es kommt so rüber, als würden sich alle Spanier jeden Morgen diese Kalorienbomben reinziehen - die Realität ist aber wohl eher, dass das Frühstück für viele einfach gar nicht stattfindet - zumindest nicht als definierte Mahlzeit wie es in Mitteleuropa praktiziert und gar zelebriert wird.
flagwong 29.07.2011
3. No Señor
Finde, der Artikel ist ziemlich auf Show geschrieben. Ich lebe selber seit 20 Jahren in Spanien und so stimmt das einfach nicht. Erstens gibt es regionale Unterschiede (pan con tomate in Katalonien, pa amb oli auf den Balearen etc.), zweitens kenne ich keinen, der Chocolate con Churros frühstückt, außer vielleicht nach einer durchzechten Nacht und drittes haben die Spanier meines Wissens die höchste Lebenserwartung in Europa, deutlich vor den Müsli-Essern und O-Saft-Trinkern aus Deutschland. Allzu verkehrt kann die Ernährung also nicht sein.
FireStar 29.07.2011
4. Churros
Mhh, ich liee Churros, leider gibts die nicht so oft bei uns und vorallem nicht so gute.
gekkox 29.07.2011
5. übertrieben oder nicht
Zitat von flagwongFinde, der Artikel ist ziemlich auf Show geschrieben. Ich lebe selber seit 20 Jahren in Spanien und so stimmt das einfach nicht. Erstens gibt es regionale Unterschiede (pan con tomate in Katalonien, pa amb oli auf den Balearen etc.), zweitens kenne ich keinen, der Chocolate con Churros frühstückt, außer vielleicht nach einer durchzechten Nacht und drittes haben die Spanier meines Wissens die höchste Lebenserwartung in Europa, deutlich vor den Müsli-Essern und O-Saft-Trinkern aus Deutschland. Allzu verkehrt kann die Ernährung also nicht sein.
Pan tomaca bekommst Du eigentlich fast überall, dann kannst Du noch einen pincho de tortilla bestellen - alles andere ist dann aber wirklich süss, süsser gehts nicht. Das die mediterrane Küche recht gesund ist, ist hinlänglich bekannt, das ändert aber nix daran, dass man das Frühstück, oder besser die Frühstückskultur getrost in die Tonne kippen kann. Im übrigen steigen auch in Spanien seit Jahren die Anzahl der Gefäss und Koronarerkrankungen - die span. Küche bietet viel gesundes, aber auch viel ungesundes - und das Frühstück gehört mehrheitlich zu zweiterem ;-) Das Hauptproblem an dem Artikel ist wohl, dass der dt. Leser sich vorstellt, dass die Leute sich an einen gedeckten Frühstückstisch setzen und all das in sich reinschaufeln - in Wahrheit ist es aber mehr eine Nahrungsaufnahme nebenbei.
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