Spaniens mystischer Pilgerort Hexe trifft Heiligen

Liebeskräuter und Weihwasser, Hexenfiguren und Heiligenbildchen: In einem Wallfahrtsort an Nordspaniens Atlantikküste führen christliche Religion und heidnische Anschauungen ein kurioses Nebeneinander.

Von Martin Cyris


"Wenn du ihn wiederhaben willst, dann nimm das hier!" Der Verkäufer fuchtelt mit einem Sträußchen getrockneter Kräuter herum. Die Angesprochene, eine junge Frau, etwa Anfang 30, wischt sich verunsichert mit dem Zeigefinger über die Nase und lächelt verlegen. Sie spricht leise, damit die Umstehenden möglichst wenig von ihrem Interesse an dem Liebeskraut erfahren. Ihre Begleiterin steht mit verschränkten Armen daneben und verzieht keine Miene.

Der Verkäufer erzählt ungerührt weiter: "Glaub mir, das hilft wirklich! Dein Verlobter kommt bald wieder." Die Kundin errötet ob des indiskreten Verkaufsgesprächs. Sie lenkt ihren Blick ab und lässt ihn über die Auslage schweifen: Da stehen Heiligen- neben Hexenfiguren, liegen Amulette mit keltischen Runen neben Rosenkränzen, blitzen Heilsteine neben Weihwasser, Heiligenbildchen hängen neben Zauberformeln. Und gegen ganz weltliche Nadelstiche gibt es Fingerhüte. In den Marktständen von San Andrés de Teixido führen magische und kirchliche Utensilien eine friedliche Koexistenz. Man stelle sich das mal in den Souvenirshops der Klosterkirchen von Andechs oder Altötting vor.

Die beiden Frauen zu gehören einer größeren Gemeinschaft von christlichen Pilgern aus der galicischen Großstadt Vigo. An den Wochenenden steuern viele Reisebusse und unzählige Privatautos das Küstendorf San Andrés de Teixido an. Nicht allein wegen der herrlichen Lage, umgeben von mächtigen Klippen, sondern vor allem wegen der Kirche des Heiligen Andreas. Die ist nicht selten heillos überfüllt.

Nach San Andrés - lebend oder tot

Die Kirche, von der Größe her eher ein Kirchlein, geht der Legende nach auf den Apostel Andreas zurück, der von Jesus höchst selbst an die unwirtliche Nordwestküste Spaniens befördert wurde, damit dieser dort seinen Missionsauftrag erfüllen konnte. Das Klima ist mild, aber stürmisch und oft neblig. Um den Pilgern trotz der herben Witterungsbedingungen Beine zu machen, wurde angeblich von oben die Order ausgegeben, dass jeder Galicier mindestens einmal im Leben nach San Andrés pilgern muss. "Ao San Andrés de Teixido vai de morto, o que no foi de vivo" – "Wer nicht als Lebender nach San Andrés pilgert, muss es als Toter tun" lautet eine alte galicische Redensart.

Die Warnung verfehlte ihre Wirkung nicht, San Andrés de Teixido war lange Zeit der wichtigste Wallfahrtsort auf der iberischen Halbinsel. Bis der Jakobsweg entstand und dadurch Santiago de Compostela dem kleinen Küstendorf den Rang ablief.

Galiciens keltische Vergangenheit

Anders als im stramm katholischen Santiago, das neben dem christlichen Glauben keinen so genannten Aberglauben gedeihen ließ, hat sich in San Andrés ein kurioses Nebeneinander aus Christentum und alten heidnischen Anschauungen erhalten. Bevor die Katholiken den iberischen Landstrich beseelten, beteten hier heidnische Völker, aber vor allem die Kelten Naturgötter und -geister an. Die keltische Vergangenheit Galiciens ist manch blondem Bewohner noch heute an den Haaren und aus dem Gesicht abzulesen.

Neben dem christlichen Kreuz ist auf manchem Gotteshaus daher eine sogenannte fica zu sehen, ein heidnisches Fruchtbarkeitssymbol in Pyramidenform. Es erinnert an einen Phallus. Allgegenwärtig sind Kreuz und fica auf den vielen fotogenen galicischen Getreidespeichern, die fast überall vor den Häusern stehen. Meistens auf Stelzen, um die Ernte vor Ungeziefer zu schützen.

Vor bösen Geistern, also Ungeziefer im übertragenen Sinne, sollen die Amulette, Heilsteine und Glücksbringer von Eduardo schützen. Der Händler ist einer von gut zwei Dutzend, die ihren Heils bringenden Krimskrams zwischen Pilgerparkplatz und der Wallfahrtskirche feilbieten. Seine Nachbarin verkauft süße Wallfahrtskringel, Rosquadillas und Obstbrände. Ihnen wird auch heilende Wirkung zugesprochen – zumindest gegen schnöden Weltschmerz. Jedenfalls vorübergehend.

Glaube versetzt Berge

Im Brustton der Überzeugung preist Eduardo die Wirkung seines Sortiments an. "Beten hilft ja auch", lacht er. Er erzählt von einem verwitweten Pilgerer, der jedes Jahr nach San Andrés de Teixido reist. Die Seele seiner Frau lädt er auch dazu ein – und kauft für sie sogar ein Busticket. "Ich meine, kann schon sein, dass wir von Seelen umgeben sind", sagt Eduardo, "aber für's Ticket zahlen? Das ist doch Verschwendung!"

Der Priester, der die Reise aus Vigo organisiert hat, hat für seine abergläubischen Schäfchen ein mildes Lächeln übrig: "Glaube versetzt Berge", sagt Padre Fernando. So lange sie im Glauben fest an Gott seien, hätte er kein Problem mit Amuletten und Hexenfiguren. "Ich finde die Figuren eher lustig, als gefährlich", sagt der Pater. Viel mehr würde er sich um die Kinder der Gruppe sorgen, die vor kurzem einen schmalen Pfad in Richtung der Klippen gelaufen seien. "Entschuldigen Sie mich, aber ich schau mal lieber nach dem Rechten", verabschiedet sich Padre Fernando.

Spanien: Ein Klick und Sie finden San Andrés de Teixido
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Spanien: Ein Klick und Sie finden San Andrés de Teixido

Die hohen Klippen in der Nähe von San Andrés de Teixido sind übrigens auch für naturverliebte Erwachsene ein echter Anziehungspunkt. Wenn nicht alles in Nebel eingehüllt ist, wie so häufig im milden, aber feuchten Galicien, peitschen hier oft gewaltige Wellen gegen die Felsen. In früheren Zeiten passierten hier viele Schiffsunglücke. Die Küste westlich von San Andrés de Teixido trägt nicht zu Unrecht den Namen Costa da Morte – Küste der Toten. In Erinnerung dürfte vielen Besuchern noch die Havarie des Öltankers Prestige vom November 2002 sein. 900 Kilometer galicische Küste wurden damals von einem Ölteppich verpestet.

Zumindest optisch sind die Strände wieder sauber. Und so mancher, der in San Andrés de Teixido war, hat womöglich auch wieder ein reines Gewissen. Denn er muss nicht als Toter wiederkommen.


San Andrés de Teixido liegt etwa 50 Kilometer Luftlinie nördlich von A Coruna, zwischen den Kleinstädten Cedeira und Pedra.

Allgemeine Informationen über die Region unter www.turgalicia.com

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