Spanischer Sidra Strahlemann von Villaviciosa

Der letzte Tropfen landet auf dem Boden: Das Sidra-Trinken in Asturien ist eine feuchte, süße und schuhzersetzende Angelegenheit. Doch ohne den Apfelwein sind Partys oder Familienfeste kaum denkbar - in der Sidreria La Oliva wird er nach alter Tradition eingeschenkt.

Von Martin Cyris


Ein Kopfnicken eines Gastes genügt, und Arsenio Ponga Perez weiß Bescheid: Der Wirt der Sidreria La Oliva greift in eine Kiste, schnappt sich eine der dickwandigen, grünen Sidra-Flaschen, stellt sie in die fast 50 Jahre alte Entkorkungsmaschine, kurbelt erst nach links und dann nach rechts.

Nachdem die Flasche mit dem Sidra, wie der gekelterte Apfelsaft in Spanien heißt, vom Korken befreit ist, fährt Arsenio Ponga Perez seinen rechten Arm nach oben aus. Ganz weit, so weit es irgendwie geht. In der Hand hält er dabei die Flasche. Seinen linken Arm streckt er gleichzeitig tief nach unten. Ganz tief. In dieser Position lässt Arsenio den Sidra ins Glas strömen. Zielpunkt des Strahls ist der obere Glasrand.

Keine Party ohne Sidra

Sidra-Trinken ist somit nicht nur wegen des Alkoholgenusses eine feuchte Angelegenheit. Denn selbst wenn der Wirt noch so geübt ist, ein gewisser Teil des Sidras spritzt beim Einschenken unweigerlich in alle Richtungen. Eine derbe Lederschürze gehört deshalb zur Berufskleidung des Thekenpersonals. "Alle zwei Monate brauche ich neue Schuhe" sagt Arsenio. Weil er als Wirt oft in einer Sidra-Pfütze steht, leiden seine Treter. Die Säure zerfrisst das Material. Eine Trockenübung wird das Einschenken echten asturischen Sidras dennoch nie werden – denn erst durch den Strahl entwickelt der Schoppen sein Aroma.

45 Millionen Liter Sidra werden jährlich in Asturien getrunken. Zumeist in großer Runde, denn der Apfelwein ist wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Mit dieser Sidra-Begeisterung kann in Spanien nur das Baskenland mithalten. Ohne Sidra sind Partys oder Familienfeste kaum denkbar.

Millionen von Apfelbäumen verteilen sich über ganz Asturien. Insgesamt gibt es 6500 Hektar Apfelplantagen. Die grüne, saftige und nicht selten neblige Landschaft im Norden Spaniens hat wenig mit den kargen, heißen Landstrichen des spanischen Südens gemein, wo Oliven- statt Apfelbäume die Landschaft prägen.

22 Apfelsorten werden in Asturien zu Sidra verarbeitet. Darunter befinden sich solch klangvolle Spezies wie Durona de Tresali, García Sol, Ernestina oder Rosalisa. Die Äpfel Asturiens bringen zumeist einen milden, süßlichen Sidra hervor. Kein Vergleich mit saurem Most oder Äppelwoi.

Zwei Monate Einschenk-Training

In Asturien gibt es sogar spezialisierte Sidra-Kellner, die sogenannten Escanciadores. Sie werden für besondere Anlässe engagiert und beherrschen das Einschenken nach der traditionellen Strahlmethode wie im Schlaf. Zwei Monate hat Arsenio gebraucht, bis er zum Strahlemann wurde – und ihm das richtige Einschenken in Arm und Blut übergegangen war. "Ich wollte mich ja nicht blamieren und den ganzen Laden überschwemmen", sagt Arsenio.

Dafür sorgen seine Gäste. Denn nach traditioneller Art wird der letzte Schluck auf den Boden gekippt, beziehungsweise an die Theke. In den Sidrerias von Asturien sind diese deshalb meistens gekachelt. "Der Bodensatz schmeckt nicht, deshalb machen wir das", erklärt Arsenio.

Spanien: Ein Klick - und Sie finden Villaviciosa
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Manche Sidreria streut Sägemehl auf den Boden, um die Nässe zu binden. "Aber das macht mir zu viel Dreck", sagt Arsenio. Seine Gäste teilen übrigens nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Gläser: Es ist vollkommen normal, dass sich bis zu fünf oder sechs Menschen ein Glas Sidra teilen. Da diese in der Regel 0,4-Liter fassen, kommt keiner zu kurz.

Hungrig muss im rustikalen La Oliva natürlich auch keiner bleiben. Und wen wundert’s, es wird natürlich mit Sidra gekocht. Etwa in Sidra gedünsteter Fisch oder asturische Blutwurst, die zuerst gebraten und dann mit Sidra abgelöscht wird. Spezialität des Hauses aber ist Fabada, ein Eintopf aus weißen Bohnen mit Schweinebauch und verschiedenen Wurstsorten – allerdings ohne Sidra. Der wird einfach hinterhergeschüttet. "Fabada ist die richtige Grundlage für den Sidra", grinst Arsenio. Bei 5,5 Prozent Alkohol ist der Apfelwein aus Asturien allerdings ohnehin eher ein Schwächling.

Die Gläser kreisen

Doch auch ohne turboschnelle Umdrehungen sorgt der Sidra für allabendlichen Spaß im La Oliva. Auch Miguel Noreda schaut hier ab und zu nach dem Rechten. Noreda ist Direktor der Fundación Comarca de la Sidra Turismo, einer Gesellschaft, die den Tourismus in Asturien mit Hilfe des Sidras ankurbeln will.

"Unser Sidra ist ein Stück gewachsene Kultur", sagt Noreda, "die Art und Weise, wie der Sidra hier gelebt wird, ist auch für Touristen interessant, denn es ist eine authentische Sache." In der Tat, wenn die Gläser im La Oliva oder in den anderen Sidrerias von Villaviciosa kreisen, überkommen einen Gefühle wie bei einem Initiationsritus. Ein Schluck, und du gehörst dazu.

Die Gemeinde gilt als Hauptstadt des asturischen Apfelweins. Der historische Ort, etwa 25 Kilometer östlich von Gijón gelegen, verfügt über mehr als 30 Sidrerias. Von den 114 Sidra-Abfüllanlagen Asturiens stehen allein im Raum Villaviciosa 21. Dabei hat das Städtchen gerade einmal 5000 Einwohner.

Das Wort Villaviciosa bedeutet übrigens so viel wie "verkommene Stadt". Doch das sollte der Besucher nicht zu wörtlich nehmen. Der Asturier gilt gemeinhin als aufgeschlossen und herzlich, Villaviciosa macht da keine Ausnahme.

Sollte der Sidra doch mal sauer aufstoßen oder sogar zu Kopf gestiegen sein, lohnt sich ein Abstecher an den Meeresarm von Villaviciosa. Hier liegt, in geschützter Natur, der Playa de Rodiles. Außer Meeresrauschen und dem Schnattern und dem Pfeifen seltener Wasservögel ist hier nichts zu hören. Nach überstandenem Kater inspiriert die Brandung vielleicht auch zu Träumen – etwa von einem Strahl kühlem Sidra.

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