Stadtbummel Am kulinarischen Puls von Barcelona

Wein zum Frühstück, Stierhoden am Markt und ein 30-Gänge-Menü zum Abendessen: Zum besonderen Lebensgefühl von Barcelona gehören nicht nur Jugendstilbauten, Sandstrand und Szeneläden, sondern vor allem eines: gutes Essen.


Barcelona - Zum Frühstück ein Glas Wein - warum nicht? Schließlich haben fast alle Katalanen "vino tinto" oder "vino blanco" im Glas. Der Tag in Barcelona startet mit einem Tropfen aus der nahen Penedès-Region, frisch gepresstem Orangensaft, Schinken-Toast und "Café con leche".

In Barcelona wird ein gewisser Stil gepflegt. Vor dem Fenster der Bar im Nobelviertel Eixample schlendern Geschäftsleute mit Anzug vorbei, ältere Damen in Kostüm führen frisierte Hündchen spazieren. Barcelona ist angesagt wie kaum ein anderer Ort in Europa.

Kreative und Lebenskünstler aus aller Welt ziehen hierher. Mehr als sieben Millionen Touristen bestaunen pro Jahr die Bauwerke der Metropole, gehen auf Shopping-Tour und atmen das Lebensgefühl. Zu diesem Lebensgefühl zählt vor allem eines: gutes Essen - in Gourmettempeln mit abgedrehter Molekularküche, in rustikalen Restaurants, szenigen Tapas-Bars, Markthallen oder Feinkostläden.

Gestärkt stürzt sich der Besucher ins Getümmel der Stadt des Modernisme-Architekten Antoni Gaudí. An den Jugendstil-Fassaden des Stadtteils Eixample vorbei geht es Richtung Meer. Je näher das Wasser, desto kräftiger beginnt der kulinarische Puls der Stadt zu schlagen.

An der Rambla del Mar, der Touristen- und Flaniermeile, wartet als erster Höhepunkt der Boqueria-Markt. In der schummrigen Halle sind Papayas, Pampelmusen und Dutzende andere Obstsorten fein säuberlich aufgestapelt. An den Fleischtheken warten neben Steaks, Salamis und Koteletts exotische Zutaten wie Stierhoden, Lammnieren oder Widderköpfe auf Käufer. Hummer, Haie, halbe Tunfische liegen da auf Eis, Berge von Garnelen oder Venusmuscheln, Rochen, Stockfisch, ganze Kraken - Meerestiere stehen in der Hafenstadt ganz oben auf dem Speiseplan. An jedem Stand herrscht Gedränge, Touristen staunen und knipsen, Köche und Hausfrauen laden ihre Einkaufskörbe voll.

Genuss statt Gemütlichkeit

Der Markt an den Ramblas ist der größte der Stadt, doch jedes Viertel hat seinen eigenen Hallen-Mercado. Weniger wuselig, dafür schicker und von der Auswahl her noch raffinierter ist beispielsweise der Mercat Municipal de Santa Caterina in der Altstadt. Der Neubau mit seinen geschwungenen Dächern ist auch für Architektur-begeisterte ein Leckerbissen.

Einen Mittagstisch gibt es bei Pedro in einer einfachen und typischen Speisebar nahe dem Santa-Caterina-Markt. Der Laden könnte durchaus mehr für die Gemütlichkeit tun: Neonlicht, wackelige Stühle, ein lauter Spielautomat. Doch die Qualität der Küche besticht: Jeder Tisch ist voll, Studenten, Arbeiter im Blaumann, Geschäftsmänner. Pedro hat donnerstags immer Paella im Angebot, gut und günstig, und das weiß man im Viertel. Dazu wieder ein Glas Weißwein, hinterher das Karamell-Dessert Crema Catalana, dann ein doppelter Espresso.

Seit der Sommerolympiade im Jahr 1992 erlebt Barcelona einen fast ungebremsten Wirtschaftsboom. Alte Viertel wurden restauriert, Großprojekte wie die neue Hafenmarina im Port Vell oder der futuristische Wasserturm Torre Agbar hingeklotzt. Derzeit wird das alte Arbeiter-Viertel Poble Nou mit Milliardenaufwand zum Medienstandort umgebaut. Mit dem Wohlstand hat sich auch die Ausgehkultur entwickelt: Nicht nur in den Altstadtvierteln haben reihenweise neue Bars und Restaurants eröffnet. Auch unter der Woche ist dort oft jeder Tisch besetzt.

Erst wenn am Abend die eisernen, mit Graffitis beschmierten Rollläden hochgehen, zeigen sich die Tapasbars, Weinstuben oder Fischrestaurants und verführen zum Blick auf die Speisekarte. Nur sonntags bleiben die meisten Lokale geschlossen. Das ist Familientag, die meisten der 1,6 Millionen Barceloner tafeln dann daheim mit Eltern, Onkels und Tanten.

Nach dem Espresso bei Pedro ist Siesta-Zeit. Die autofreien Gassen der Altstadt sind wie leergefegt. Jetzt bietet sich ein Nickerchen im Hotel oder Spaziergang zum Hafen und zum Strand an.

Schinken mit spezieller Tabaknote

Doch allmählich knurrt wieder der Magen. Fisch? Gourmet-Küche? Tapas? Wonach steht der Appetit? Die Auswahl fällt schwer. Urig und eine Institution ist die Bar la Plata (Carrer de Mercè). Dort stehen Senioren jenseits der 70 mit einem Rosé in der Hand, unterhalten sich angeregt und knabbern frittierte kleine Fische. Die sind die Spezialität des Ladens, der sonst nur Tomatensalat und Wurstbrötchen im Angebot hat.

Ein Besuch beim Koch-Weltstar und Erfinder der experimentellen Molekularküche, Ferran Adrià, wäre auch möglich – eignet sich allerdings nicht für den spontanen Genuss. Zwar stammt Adrià aus Barcelona, hat hier gelernt und tüftelt in seinem Hexenlabor im Herzen der Altstadt avantgardistische 30-Gänge-Menüs aus. Doch sein Restaurant "El Bulli" liegt zwei Autostunden nördlich der Stadt in Roses an der Costa Brava. Das Essvergnügen beim Drei-Sterne-Koch kostet um die 200 Euro pro Person. Dazu muss man mindestens ein Jahr im Voraus reserviert haben. Der Glanz des Starkochs hat aber durchaus auf seine Heimatstadt abgefärbt, und so bietet sich auch ein Besuch bei molekularen Nachahmern an.

Also diesmal lieber Tapas. In der Bar Palma (Carrer de la Palma de Sant Just) ist noch ein winziger Tisch am Fenster frei. Hier wird der Hauswein direkt aus großen Eichenfässern gezapft, unter der Decke hängen Würste und Schinken, die im Zigarettenqualm eine spezielle Tabaknote verpasst bekommen.

So typisch für Barcelona sind Tapas eigentlich gar nicht, sie sind - aus Zentralspanien importiert - erst seit etwa zwei Jahrzehnten in Katalonien populär. Aber jetzt wird aufgetragen: Kartoffeltortilla, Kapern und Kaninchenteile, Stockfisch, Oliven, Blutwurst, Oktopus, Garnelen, Manchegokäse, Schinken. Auf dem Tisch stapeln sich die leeren Tonschälchen, und der Wirt muss noch einmal die Karaffe füllen. So endet der Tag, wie er begonnen hat: Mit einem schönen Schluck Wein.

Jan Dube, gms



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.