Stadtschwimmen Und? Wo treibst du so?

Sie schwimmen nicht in Chlorwasser, sondern lassen sich durch Europas Flüsse, Häfen und Seen treiben. Urbane Schwimmer feiern jedoch mehr als den Sommer - sie setzen auch ein politisches Statement.

Lucía de Mosteyrín Muñoz

Von


Auch das gehört zum Alltag als Flussschwimmer: In der Mittagspause hat der Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums in Basel eben mal fix eine Touristin vor dem Ertrinken gerettet. "Ich schwimme jeden Tag im Rhein", sagt Andreas Ruby. "Und die erste Regel lautet: Geh niemals allein ins Wasser." Was gerade im Sommer in Basel zum Glück auch nur selten vorkommt: Die ganze Stadt, scheint's, treibt in diesen Monaten im Fluss.

Drei Kilometer, etwa 25 Minuten lang, floaten die Basler sich hin und her wendend stromabwärts. Unter drei Stadtbrücken hindurch, die Altstadt, das Münster im Blick, den sakralen Hall von Wasserplätschern und Sommerkichern im Ohr - bis sie sich aufmachen, die Strömung diagonal zu queren, um kurz vor der Dreirosenbrücke rechts den letzten Ausstieg zu erwischen. Triefend und halbnackt, den wasserfesten Wickelfisch mit den trockenen Klamotten dabei, laufen sie zu Fuß eine gute halbe Stunde lang wieder zurück - nur um sich erneut der Strömung hinzugeben.

Fotostrecke

10  Bilder
Die ganze Stadt im Fluss: Ziemlich cool

"Es gibt ein Davor und ein Danach", sagt Andreas Ruby über das erste Mal Flussschwimmen, "wie in der Liebe." Für ihn ist dieser Moment drei Jahre her, in jenem Sommer, als er seine neue Stelle in Basel antrat. "Man gibt sich dem Fluss hin", sagt Ruby. "Das ist eine Vertrauensgeste."

Ungewohnte Perspektive

Aus dieser Stadtschwimmerei, die in Basel zum gelebten Alltag gehört, wie auch in Zürich, Bern, Schaffhausen oder Genf, ist nun eine Ausstellung geworden: "Swim City" zeigt die Tradition in der Schweiz, die mit der Hygienebewegung Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hat, aber auch neue Schwimmbadarchitekturen der vergangenen Jahre, die ungewohnte Perspektiven auf die Stadtlandschaften erlauben: wie das Hafenbad in Aarhus, die Royal Docks in London, der Kanalpool in Brügge, das Meerbecken in Helsinki oder das Bassin de la Villette in Paris. In Berlin soll bis 2025 ein Flussbad in der Spree an der Museumsinsel fertig sein, die Seine in Paris soll nach dem Wunsch von Bürgermeisterin Anne Hidalgo bis zu den Olympischen Spielen 2024 komplett sauber und somit frei beschwimmbar sein.

Egal ob morgens im Weißen See in Berlin, im Blick Kräne, Kraniche und Flugzeuge gleichermaßen, oder in der Frauenbadi in der Limmat mitten in Zürich mit freier Sicht auf zwei Münsterturmspitzen, vorbeituckernde Fischer und die Quaibrücke: Die 360-Grad-Perspektive von unten auf die Stadt, die man aus dem Wasser hat, verändert die Haltung zum Drumrum. Es gibt kein umfassenderes In-der-Stadt-Sein. Noch dazu eines, bei dem die Stadt vorbeitreibt wie im Film. "Es ist die integrativste Form des Miteinanders", sagt Ruby über seine Schwimmerlebnisse. "Hier treffen sich alle Schichten, alle haben das Gleiche an, nichts trennt." Das Stadtschwimmen demokratisiert den öffentlichen Raum, die Strömung ist gratis für alle.

Preisabfragezeitpunkt:
09.07.2019, 15:29 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE


Swim City

Verlag:
Merian, Christoph
Seiten:
224
Preis:
EUR 38,00
Herausgeber: Andreas Ruby, Yuma Shinohara

Einen ähnlichen Effekt erhofft Ruby sich auch vom Spreebad in Berlin, dessen Entstehung er von Beginn an begleitet. Er selbst fühle sich in jenem Touristenviertel der Museumsinsel entfremdet, wie ein "Gast in der eigenen Stadt". Beim jährlichen Flussbad-Pokal, wo schon jetzt alle ins Wasser dürfen, habe er den Eindruck: "Ich bekomme meine Stadt zurück, sie ist auch meins."

"Die sinnlichste Form, öffentlichen Raum zu besetzen"

Welche Kreise die Stadtschwimmerei längst gezogen hat, weit über die Schweiz hinaus, wird spätestens sichtbar, wenn man Instagram nach einschlägigen Hashtags wie #urbanswimming oder #cityswim durchsucht: Da finden sich Fotos aus Kopenhagen, London, Paris, Oslo, New York City, Amsterdam, Rotterdam, Chicago oder Wien - oft mit auf der Hashtagliste: #publicspace.

Zwei der aktuell am dringlichsten debattierten gesellschaftspolitischen Themen finden somit in dieser Schwimmbewegung zusammen: Da ist zum einen der Kampf um öffentlichen Raum und Teilhabe, der von Radfahrern und Radfahrerinnen wie Mietern und Mieterinnen mit dem Slogan "Recht auf Stadt" gleichermaßen geführt wird. In Zeiten, in denen städtischer Raum vor allem ökonomisch betrachtet wird, entgleiten die Gewässerflächen dagegen geradezu - weil unbebaubar: "Flussschwimmen ist die sinnlichste Form, öffentlichen Raum zu besetzen", findet Ruby.

Dass das nicht alle so sehen, liegt auf der Hand. Menschen müssten nicht an den historischen Gebäuden in Mitte vorbeikraulen, um sich "mit den Häusern dort [zu] identifizieren": "Dazu brauchen wir […] keine Badeanstalt", schrieb Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Herr über die Museumsinsel im "Tagesspiegel".

Auf der anderen Seite fließt auch hier, in den Stadtgewässern, die Klimadebatte ein: Denn was als "Outdoor Swimming" und "Wild Swimming" längst mit Umweltaktivismus zusammenfließt, aber vor allem das Schwimmen in Gewässern draußen, jenseits der Städte, meint, ist nach dem vergangenen Hitzesommer auch in den Metropolen angekommen: Sich dem natürlichen Gewässer in der Stadtlandschaft ganz hedonistisch hinzugeben, die Alltagssorgen wegströmen zu lassen und dabei zu ignorieren, dass das Wasser immer wärmer und niedriger wird, sei schlicht nicht möglich: "Das Eldorado der Stadtbewohner wird nun schmerzhaft dystopisch", sagt Ruby. "Wir merken: Mist, wir entkommen den größeren Problemen nicht."

Wer möchte, kann sich urbanen Gewässer erst mal auf dem Trockenen nähern. Zum einen, um die Wasserqualität zu prüfen und sicherzugehen, dass man sich der Strömung und möglichem Schiffverkehr gewachsen fühlt. Und sich dann eine Runde treiben lassen mit dem klatschnassen 180-Grad-Blick des Schweizer Künstlers Jürg Egli, der für die Ausstellung in Basel, Genf, Bern und Zürich samt Kamera ins Wasser ging. Merke: Wer nicht krault, sieht mehr von der Stadt.

Jürg Egli
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Shiva25 10.07.2019
1. Super!
Gibt es auch in Deutschland. Eisbach München, die Schwimmer werden sogar mit der Tram wieder zum Ausgangsort gefahren. Oder Bad Waldsee - mitten in der Stadt ein See. Schnell mal auf die andere Seite schwimmen. Der gesamte Bodensee ein Paradies. Kein aufwendiger Schwimmausflug notwendig, nach der Arbeit, dem Einkauf, kurzer Halt am See und schnell in die Fluten.
jjcamera 10.07.2019
2.
Kann man auch einmal auf eine Flugreise verzichten, ohne gleich ein "politisches Statement" zu machen? Auf Likes oder Clicks kann ich auch gut verzichten.
Zappa_forever 10.07.2019
3. In Konstanz...
...gibt´s das auch. Vom Bodensee in den Rhein... Da stimmt auch die Wasserqualität. Letztere würde mich in zahllosen anderen Fällen in D davon abhalten, ins Wasser zu springen. Spree, Elbe in Hamburg oder Dresden? Lieber nicht...
noalk 10.07.2019
4. Wieder so ein städtischer Hype
Sowas haben wir auf dem Land schon vor Jahrzehnten gemacht. Da war das ganz normal. Für mich ein weiteres Zeichen, wie weit sich die urbane Zivilisation von der Natur entfernt hat und die Rückbesinnung als Sensation feiert. Irgendwie dekadent.
globaluser 10.07.2019
5. Da, wo ich lebe, habe ich nur den Strand, aber ich kenne Einige
Menschen in vielen Ländern, die so etwas betreiben, keiner verbindet damit ein politisches Statement. Ich bin in der letzten Woche noch in der alten Heimat gewesen - ein paar alte Kumpels, sagten mir, sie würden lieber in den Kanal springen, weil da nur 20 Leute sind und nicht in das Freibad mit 2.000 Menschen. Ist das jetzt Politik?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.