Stavanger Kultur aus der Konservenstadt

Norwegens Ölhauptstadt ist europäische Kulturhauptstadt 2008: Stavanger ist die Kombination von modernem Wirtschaftsleben mit historischem Kulturerbe geglückt. Jetzt sorgt die Hafenmetropole für die Zukunft vor - Kultur und Know-how statt Öl und Gas.


Stavanger - Norwegen, so sehen es die Einheimischen, besitzt vier Hauptstädte: das politische Zentrum Oslo, die ehemalige Hansestadt Bergen für Kunst und Kultur, Trondheim als historische Metropole - und Stavanger. Die mit nicht einmal 120.000 Einwohnern viertgrößte Stadt des Landes gilt als "Hauptstadt des Öls", denn hier wird die Förderung des schwarzen Goldes in der Nordsee gesteuert, die Norwegen von einer Fischerei- und Landwirtschaftsnation in einen der reichsten Staaten der Welt verwandelte. 2008 darf Stavanger sich noch mit einem weiteren Titel schmücken: Gemeinsam mit Liverpool wurde die Öl-Metropole zur "Europäischen Kulturhauptstadt" gekürt.

Zu verdanken hat Stavanger diese Ehre vermutlich einem erfolgreichen Spagat: Der Hafenstadt an der Schnittstelle zwischen den Schären und Sandstränden des Südens und dem Fjordland der Westküste ist die Kombination von historischem Kulturerbe mit modernem Wirtschaftsleben geglückt. Man kann das bereits bei der Einfahrt in den Hafen Vagen beobachten: Rechts und links säumen historische Lager- und Bootshäuser die Ufer; im Hintergrund leuchten die 173 weiß gestrichenen, ineinander verschalteten und aus dem frühen 19. Jahrhundert stammenden Holzhäuser der Altstadt im Sonnenlicht - und dann schwimmt vor dieser Kulisse plötzlich das stählerne Ungetüm einer Ölplattform, auf dem Weg hinaus aufs Meer.

Internationales Flair

Am Ende der Bucht, auf der Landenge zwischen Hafen und Breia-See, erheben sich die Bürogebäude der Neuzeit im typischen Gemenge aus Glas und Beton. Dort residieren neben dem nationalen Öl-Direktorium und dem Staatskonzern StatoilHydro auch ein Dutzend internationale Ölgesellschaften. Der mit acht Prozent im Landesvergleich recht hohe ausländische Bevölkerungsanteil prägt die Stadt. Auch und gerade in der Gastronomie: In den engen, mit Kopfstein gepflasterten Gassen des alten, des "Gamle" Stavanger, sind weniger traditionelle Fischrestaurants als Küchen aus aller Welt zu finden.

Auch so gesehen dürfte Stavanger gut gewappnet sein für den Besucheransturm im Kulturhauptstadt-Jahr. Finanziell bereitet es ohnehin kein großes Kopfzerbrechen: Auf 300 Millionen Kronen (38 Millionen Euro) belief sich das Budget für den Fünfjahresplan. Ein Drittel hat der Staat bereitgestellt, für ein knappes weiteres Drittel kamen Stadt, Nachbargemeinden und Regierungsbezirk auf, der Rest wird durch Sponsoren gedeckt. Zudem haben die fetten Jahre des Ölzeitalters dafür gesorgt, dass Stavanger ohnehin herausgeputzt dasteht und die nun verfügbaren Mittel außer zur Erweiterung der Infrastruktur vornehmlich in kulturelle Arrangements fließen können.

Entsprechend wenig umstritten war seinerzeit die Bewerbung um die Kultur-Krone. Richtig ernst genommen wurde sie aber auch nicht. "Die meisten fanden die Idee einfach nur witzig, andere haben uns für verrückt erklärt", erinnert sich Bürgermeister Leif Johan Sevland. Heute beschäftigt das Projekt "Stavanger 2008" rund 60 Mitarbeiter. Das Programm umfasst Ausstellungen, Konzerte, Musikfestivals, Shows, Theater, Kinderaktionen, Technik-Workshops und Natur-Exkursionen. Das Jahr 2008 steht unter dem Motto "Open Port" ("Offener Hafen").

Vom Seehandel zur Dosenfabrik

Stavanger und sein Umland wollen sich für die Welt öffnen, dauerhafte Kontakte knüpfen und neue Möglichkeiten erkunden. Die Stadtväter möchten weg vom einseitigen Bild Stavangers als Öl- und Gas-Metropole - denn deren Tage dürften mit den zur Neige gehenden Vorräten gezählt sein. Mit der Erschließung des Snøhvit-Ölfeldes vor Hammerfest und weiteren fossilen Energievorkommen in den Tiefen der Barentssee steht die Verlagerung des Petro-Geschäfts weiter nach Norden an. Und auch die Tatsache, dass beim Zusammenschluss von Statoil und Hydro Mitte des Jahres 2007 ein Teil der Verwaltung nach Oslo verlegt wurde, wies darauf hin, dass Stavanger seine Monopolstellung verlieren wird.

Doch Wandel ist die im Jahre 1125 gegründete Stadt gewohnt. Nicht nur, dass sie mehrfach Opfer von verheerenden Bränden wurde, auch die Wirtschaft musste sich immer wieder neu orientieren: Lebten die Menschen zunächst von Seehandel und Fischfang, so verlegte man sich mit dem Ausbleiben der Heringsschwärme in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf das Eindosen von Sprotten und später auch anderer Waren. Zeitweise existierten mehr als 50 Dosenfabriken in der Stadt und machten sie zum größten Standort der Konservenindustrie weltweit. Als damit Schluss war, kamen das Offshore-Öl-Zeitalter und mit ihm die Werften, die Zuliefererbetriebe und die Entwicklungslabors.

Man kann diese Geschichte bei einem Stadtrundgang ziemlich rasch nachempfinden: mit der Besichtigung der Domkirche aus der Gründerzeit, dem Besuch der Museen für Schifffahrt und Handel, einem Abstecher zum Konservenmuseum und schließlich der Besichtigung des erst 1999 eingeweihten Ölmuseums am Hafen. Und wer genau hinsieht, entdeckt auch im Programm für 2008 schon die Hinweise auf Stavangers Zukunft - denn es geht um Kultur und Know-how statt um Öl und Gas.

Matthias Huthmacher, dpa



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