Stockholm Inselstadt am Ende der Welt

Sie pflückte Orangen in Israel, kellnerte in London, war Statistin in Hollywood. Doch an keinem Ort der Welt ist die schwedische Bestsellerautorin Liza Marklund lieber als in Stockholm - unter anderem, weil sie nur hier passende Designerkleider findet. Eine Liebeserklärung.


Wenn ich Glück habe, wählt der Pilot eine Einflugschneise über der Stockholmer Innenstadt.

Ich lege die Hände wie ein Fernrohr um meine Augen und presse das Gesicht gegen das Flugzeugfenster, mein Herz schlägt mir ganz oben im Halse, ich atme sehr verhalten, damit die Scheibe nicht beschlägt.

Ist das da nicht die E4, die Schnellstraße nach Södertälje mit ihren Schlangen aus Spielzeugautos? Und jetzt ist eine weiße Waxholmfähre ganz klar zu erkennen, in der Badewanne von Saltsjön auf dem Weg zum Schärengürtel. Hier das königliche Schloss, die grünen Flächen von Djurgården und dort Järvafältets gigantische Betonvorstädte. Von der Luft her ist Stockholm so greifbar, so einfach und umgänglich, meine ganz eigene Stadt, mein Ort auf der Welt.

Stockholm liegt am Ende der Welt, wie ein Riegel zwischen Mälarsee und Ostsee, wie ein Herz, das vor Licht und Leben in der Polarnacht pocht. Wo immer ich auch gewesen bin, dieses Gefühl überwältigt mich, wenn ich nach Hause komme: Wie preisgegeben diese Stadt ist. Wie schön, und wie einsam und isoliert. Wie sehr sie von uns Menschen geformt worden ist, die seit einem Dreivierteljahrtausend innerhalb ihrer Mauern wohnen und leben, und wie deutlich sie ihrerseits uns geformt hat: wie wir denken, auftreten, was wir tun und was wir herstellen. Unser Design, unsere Musik, Kunst und Literatur - zwischen Stadt und menschlicher Schöpferkraft findet ein ständiges Geben und Nehmen statt.

Vor dem Fenster des Arlanda Express, des Zuges vom Flughafen zum Hauptbahnhof Centralen, rauscht die architektonische Monotonie der Vorstädte mit hässlichen Gewerbegebäuden vorbei. Betriebsunfälle, denken wir Schweden zufrieden und verschränken die Hände auf dem Bauch.

Ich lasse die Hektik des Hauptbahnhofs hinter mir. Auf den ersten Blick kann Stockholm an andere alte Städte in Europa erinnern. Die Kopfsteinpflasterstraßen im mittelalterlichen Gamla Stan. Die Springbrunnen im lauschigen Park Kungsträdgården. Die vergoldeten Statuen und die prachtvollen Säulen vor dem Königlichen Theater. Aber der Schein trügt. Hier gibt es etwas Hartes, das nicht zu stimmen scheint, etwas Schwermütiges und Ungreifbares, das Stockholm von seinen größeren Geschwistern auf dem Kontinent unterscheidet.

Vielleicht ist es das Wasser. Es ist dunkler als irgendwo anders. Ich weiß nicht, warum. Es ist niemals blau. Es ist graphitgrau, hellgelb, olivgrün, aber niemals so klarblau wie in normalen Städten. Man ist überall in Stockholm von diesem Wasser umgeben. Es braust, blubbert, wogt und wirbelt in Strömmen, der kurzen Verbindung zwischen Mälarsee und Ostsee, wie eine Schar von Schulkindern in der großen Pause, um sich dann zu beruhigen und so gemächlich dahinzufließen, wenn es sich mit Saltsjön vereinigt, geradezu würdevoll.

Das Wetter lädt selten zum Picknick

Oder es liegt am Klima. Die Winter sind dunkel, kalt und feucht. In den kurzen Stunden mitten am Tag, wenn die Sonne sich über den Horizont schleppt, ragen die kahlen Zweige der Laubbäume wie verzerrte Stangen in einen allgegenwärtigen bleigrauen Himmel. Die Erdtöne der Hausfassaden verschwimmen mit dem Hintergrund.

Die Konturen der Straßen gehen im formlosen Schneematsch verloren, und der wird aufgelöst von Salz und Straßenschmutz. Die Sommertage sind unendlich lang, aber die warmen Tage sind verschwindend wenige. Das schwedische Klima lädt selten zum Picknick.

Stockholm wurde geformt von unseren außergewöhnlich harten Lebensbedingungen. Seit Mitte des 13. Jahrhunderts steht die Stadt auf diesen Inseln hier, erstmals erwähnt wurde sie in zwei lateinischen Urkunden vom Sommer 1252. Damals war sie nur ein hölzernes Fort. Aber da man in den Gruben oben in Bergslagen Eisen und Kupfer gewann, wurde Stockholm zur Notwendigkeit. Die Menschen brauchten die Stadt als Exporthafen und Handelsort. Und die Politiker brauchten einen Hochsitz. Heute erstreckt sich Stockholm über 14 Inseln, die durch 57 Brücken verbunden sind.

Jedesmal, wenn die Stadt erweitert wurde, waren die Visionen größer als die Fähigkeiten, diese Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Die schwedische Bevölkerung, verteilt über einer kargen und ungastlichen Landschaft, deren Gesamtfläche größer ist als Deutschland, Belgien und die Niederlande zusammen, hatte keine großen Gaben, Paläste zu errichten oder Brücken zu bauen. Die Lösungen wurden von außen geholt, vor allem aus Deutschland.

Im Laufe der Jahrhunderte waren die Deutschen das Volk, das uns vor allen anderen inspiriert hat. Das Stockholmer Schloss wurde entworfen von Nicodemus Tessin d. J., geboren in Schweden von Eltern aus Stralsund. Er besuchte die deutsche Schule in Stockholm, Architektur studierte er später unten in Europa. (Ich selbst schreibe meine Romane in meinem Arbeitszimmer in der Straße Tyska Brinken, "Deutsche Anhöhe", und meine Fenster schauen auf Tyska kyrkan, die deutsche Kirche.) Die heutige steinerne Stadt, die in unseren Augen die klassische Innenstadt darstellt, wurde im 19. und 20. Jahrhundert nach dem Vorbild Berlins errichtet.

Deutschland, aber nicht ganz. Kontinentale Ambitionen, aber nicht ganz geglückt. Schweden war zu hart, zu klein, zu kalt. Stockholm wurde zu einer kargen und verschlossenen kleinen Schwester am Ende der Straße, und durch die Ambivalenz des Wollens ohne das richtige Können entstand eine ganz eigene Art von Metropole.

In Stockholm sieht man nur sehr wenige wirklich prachtvolle Häuser.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.