Süd-Toskana Klöster, Chianti und faule Eier

Vollmundiger Rotwein, Ruinen oder ein Rendezvous mit des Teufels Großmutter - In der Toskana konkurrieren malerische Weingüter mit mittelalterlichem Charme und heißen Quellen. Besucher genießen "Brunello" aus dem Holzfass und Bäder, die nach faulen Eiern stinken.

Montepulciano - Flach steht der Vollmond am Horizont, Dunst wabert über den Feldern, und gespenstisch ragt die Ruine der Klosterkirche in den Nachthimmel. Jetzt müsste nur noch der schrille Schrei einer Frau zu hören sein, und die Stimmung eines Edgar-Wallace-Romans wäre perfekt. Doch dies ist nicht England und kein Schwarz-Weiß-Film, dies ist der Süden der Toskana - und eben deshalb muss kein nächtlicher Besucher der Abtei San Galgano befürchten, hinter der nächsten Säule einem mysteriösen Mörder in Mönchskutte zu begegnen.

San Galgano als einen Geheimtipp zu bezeichnen, wäre eine bewusste Irreführung von Touristen. Der ausufernde Parkplatz mitten in der Landschaft, auf dem pro Stunde 1,50 Euro Gebühren fällig werden, zeigt deutlich an, was in der Hochsaison hier mitunter los ist. Vor und nach dem Sommer verlieren sich die wenigen Touristen auf dem Gelände - und zwar nicht nur abends, wenn die Ruine effektvoll angestrahlt wird, sondern auch tagsüber.

San Galgano war einst eine große Zisterzienserabtei. Im Jahr 1181 starb hier der Eremit Galgano Guidotti, der schon vier Jahre später heiliggesprochen wurde. Das große gotische Kirchenschiff auf dem Feld entstand ab 1218. Glücklich wurden die Mönche hier nicht lange: 1348 starben viele an der Pest, 1474 zog es sie dann fort nach Siena. Das Kirchendach wurde im 16. Jahrhundert abgetragen, der Rest stürzte ein, 1786 wurde der Turm durch Blitzschlag zerstört - und schon war die Ruine fertig, die heutige Touristen zu sehen bekommen.

Neben der großen Kirche erscheint die Kapelle auf einem nahen Hügel kaum beachtenswert - einen Blick hineinwerfen sollten Besucher aber schon. Denn Galgano war ein Ritter, der der Gewalt abgeschworen und sein Schwert wie das "Excalibur" der englischen König-Artus-Sage in einen Felsen gerammt hatte. An eben jener Stelle wurde die Kapelle gebaut - und das Schwert des Eremiten steckt dort heute immer noch.

M wie Mittelalter

Ebenfalls südlich von Siena liegen die großen "M" der Süd-Toskana: Massa Maríttima, Montalcino und Montepulciano. Sie alle verbindet ein weiteres "M": das Mittelalter, das ihnen die engen Gassen und ein gelegentlich morbid erscheinendes Stadtbild hinterlassen hat. In Montepulciano etwa ist die alte Stadtmauer völlig intakt geblieben, so dass sich der Ort als geschlossenes Ensemble präsentieren kann.

Die Kleinstadt liegt inmitten der Crete Senesi, einer Landschaft voller Lehmhügel und Weizenfelder, die fast gänzlich ohne Wälder auskommt. Auf den Hügeln stehen vereinzelt Landhäuser und Weingüter, deren Zufahrten von langen Zypressenalleen gesäumt werden. Auf der Fahrt nach Westen in Richtung Montalcino verändert sich das Landschaftsbild, die Hügel werden etwas grüner. Weinbau bestimmt das Leben vieler Menschen, hier heißt das Spitzenprodukt "Brunello". Nur auf ausgesuchten Flächen dürfen die Reben für diesen Rotwein wachsen, der dann mindestens vier Jahre ins Holzfass muss, was sich auf die Preise auswirkt. In einer Enoteca ist "Brunello" gerade im Sonderangebot zu haben: der 99er Jahrgang für 45 Euro die Flasche, während für andere Tropfen 120, 280 oder mehr Euro anzulegen sind.

Termin beim Teufel

Bei der Weiterfahrt zum Mittelmeer wandelt sich die Landschaft erneut: Von der Crete geht es in die Maremma, eine ebenfalls nur sehr dünn besiedelte, dafür aber umso grünere Gegend voller Hügel. Immer wieder heißt es auf Serpentinenstrecken einen Gang zurückzuschalten; mehr als 50 oder 60 Kilometer in der Stunde sind oft nicht drin. Einst war die Maremma das Armenhaus der Toskana, eine Region, aus der viele Menschen das Weite suchten - das wirkt noch immer nach. Viele Dörfer wirken wie ausgestorben, die meisten Fensterläden sind verschlossen.

Die Küste ist von Massa Maríttima aus nicht mehr weit, besonders beliebt ist der Badeort Castiglione della Pescaía. Beiderseits der Mündung des Flüsschens Bruna sind Strandbäder zu finden. Interessant ist aber auch ein Spaziergang durch die Altstadt, die auf einem Hügel über der Flussmündung thront. Ein Bad ganz anderer Art lässt sich in Satúrnia nehmen, knapp eine Autostunde vom Meer entfernt. Der Name klingt zwar nach himmlischen Sphären, tatsächlich aber geht es zu wie bei einem Termin mit dem Teufel: Eine 37,5 Grad heiße Schwefelquelle ergießt sich hier über einen Wasserfall in mehrere kleine Becken, über denen der Gestank von faulen Eiern liegt - was aber viele Touristen nicht davon abhält hineinzusteigen.

Wer auf eine Dusche und einen Schrank für die Kleidung Wert legt, findet zwei Kilometer entfernt die "Terme di Satúrnia", die vom gleichen Quellwasser gespeist wird. Hier gibt's den Badespaß aber nicht kostenlos, sondern nur beim Kauf einer Tageskarte für happige 22 Euro. Eines bleibt aber in jedem Fall zurück, egal wo hier gebadet wird: der Duft von Schwefel auf der Haut, gegen den kein noch so intensives Duschen hilft. Selbst spät am Abend beim Besuch der Abtei San Galgano stinkt der Körper noch wie nach einem Rendezvous mit des Teufels Großmutter.

Christian Röwekamp, dpa