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Anti-Tourismus-Proteste: Südeuropa geht auf die Barrikaden

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Protest gegen Touristen in Südeuropa "Dein Luxustrip ist mein Unglück"

Ob in Athen, Barcelona, Venedig oder Palma de Mallorca - in Südeuropa steigt der Unmut über eine zu große Zahl an Besuchern. Die Proteste werden aggressiver. Nun schlägt auch die Uno Alarm.

Sonntag, in einem auch bei Touristen beliebten Athener Viertel: Ein australischer Urlauber verlässt gerade ein Geschäft in einer Einkaufsmeile, als er von vier Vermummten vor den Augen seiner Familie angegriffen wird.

"Die Männer schlugen ohne jeden Grund auf mich ein", schildert der Mann später mit blutverschmiertem Gesicht und Oberkörper einem Reporter des griechischen TV-Senders Alpha. Die Täter hätten ihm zugerufen, er solle "nicht einkaufen". Kurz zuvor hatten Gewerkschafter in der Fußgängerzone gegen den verkaufsoffenen Sonntag protestiert, der vor allem das Geld der Touristen in die klammen Kassen griechischer Einzelhändler spülen soll.

"Da war überall Blut", erzählt die australische Ehefrau in die Kamera, "meine Tochter schrie und wurde ohnmächtig." Auch sie und ihr Kind seien geschubst worden. Sie werde nie wieder nach Griechenland kommen, sagt sie. "Wir sind doch nur Touristen. Wir sind hier hergekommen, um hier unser Geld für eure Wirtschaft auszugeben, und sie schlagen uns."

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Anti-Tourismus-Proteste: Südeuropa geht auf die Barrikaden

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Der Überfall, der sich bereits im Juli ereignet hat, ist ein Einzelfall - doch klar ist: Der Widerstand gegen den Massentourismus nimmt zu in Athen. Gerade erst demonstrierten in der griechischen Hauptstadt Mitarbeiter von Hotels und Gaststätten gegen Lohndumping: "Der Tourismus wächst auf dem Rücken der Mitarbeiter in die Höhe" war auf Transparenten zu lesen.

Ob in Athen, Barcelona, Venedig oder Palma de Mallorca - in Südeuropa steigt der Unmut über eine zu große Zahl an Besuchern. Gerade in diesem Jahr erreicht der Touristenansturm dort neue Rekordhöhen. Einer der Gründe: Einst so beliebte Urlaubsländer wie die Türkei, Ägypten und Tunesien sind vielen Nord- und Mitteleuropäern zu unsicher geworden, sie bevorzugen daher europäische Ziele.

Südeuropa geht auf die Barrikaden

Demonstrationen und vereinzelte Ausschreitungen gibt es in diesem Sommer in vielen Städten:

In Venedig demonstrierten vor wenigen Wochen 2000 Menschen gegen den "Ausverkauf der Stadt". Die Lagunenstadt dürfe nicht zu einem "Erlebnispark werden", forderten die Organisatoren. Wie in so vielen Touristenhochburgen steigen die Mieten rasant an, befeuert durch das Übernachtungsportal Airbnb. Kreuzfahrtschiffe bringen Zehntausende Menschen auf die Insel - lassen jedoch statt Einkünften für die Einheimischen nur Müll zurück. Zuletzt stimmten 98,7 Prozent der Venezianer dafür, die Zahl der anlegenden Schiffe zu begrenzen - das Referendum blieb weitgehend folgenlos.

In Spanien gingen Tourismusgegner zum Teil auch mit Gewalt vor: In Valencia besetzten linke Aktivsten ein Urlaubsapartment. In Barcelona stellten sich vier Vermummte einem Touristenbus in den Weg, zerstachen und besprühten die Windschutzscheibe mit Parolen wie "Der Tourismus tötet die Stadtviertel". "Ich habe wirklich gedacht, es sei ein Terroranschlag", sagte eines der Opfer. In einem Restaurant auf Mallorca pöbelten Protestierende Gäste an und zündeten bengalische Feuer. Hunderte von Mietwagen wurden mit Aufklebern versehen, mit Parolen wie "Dieses Auto ist zu viel".

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Urlauber-Boom: Voll, voller, Mallorca

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Zumeist demonstrieren Dutzende oder Hunderte friedlich - in Palma und anderen Städten, so etwa am Samstag in Barcelona. Meist richten sich die Demonstrationen gegen steigende Mieten, Lärm und Umweltzerstörung. Ein Aktivist der mallorquinischen Protestgruppe Ciutat per a qui l'habita sagt, er sei in seinem Haus mit seiner Familie der letzte "normal lebende" Einheimische. Schlimm seien vor allem die Ruhestörungen.

Selbst in Orten im Landesinneren Spaniens wie Logroño in La Rioja, abseits der Touristen-Hotspots, machen jetzt Bürgerinitiativen gegen die Fremden mobil. Von einer "Tourismusphobie" schreiben die Zeitungen des Landes, das in diesem Jahr mit 80 Millionen Touristen einem neuen Rekord entgegensteuert.

Auch in Teilen Portugals schlägt die Stimmung gegen Urlauber um. In Lissabon haben sich Initiativen wie "Aqui mora gente"  ("Hier wohnen Menschen") gegründet, die gegen die Vermüllung der Altstadt mobil machen.

Anti-Touristen-Proteste kein kurzfristiges Phänomen

Taleb Rifai, Generalsekretär der Welttourismusorganisation der Uno (UNWTO), sprach angesichts der Anti-Tourismus-Proteste in Südeuropa im "Guardian" von einer "sehr ernsten Situation". Gegenüber dem SPIEGEL zeigte er sich besorgt über Medienberichte, die Fotos von Bürgern zeigten, "die gegen eine 'Touristeninvasion' und die Vertreibung der Einheimischen durch die Tourismusbranche protestierten".

Die Proteste seien "kein kurzfristiges Phänomen", sagt Harald Pechlaner, Tourismusprofessor an der Uni Eichstädt. Wenn die Politiker der jeweiligen Regionen nicht weiter gegensteuerten, würden diese auch die kommenden Jahre anhalten. Oder könnte sie sogar ihre Ämter kosten. In Barcelona wählten die Menschen 2015 auch deshalb eine ehemalige Linksaktivistin als Bürgermeisterin, weil diese versprochen hatte, endlich gegen die Auswüchse des Massentourismus vorzugehen.

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Die UNWTO rät den Tourismusregionen, die Gästeströme noch besser zu verteilen. "Auch außerhalb Mallorcas oder Barcelona hat etwa Spanien viel zu bieten", sagt Pechlaner. Amsterdam oder Kopenhagen seien gute Vorbilder, wie Touristen auch für das Umland begeistert werden können.

In manchen überlaufenen Orten versucht die Politik bereits, den Urlauberstrom zu steuern: Dubrovnik hat in seiner Altstadt Kameras zur Personenzählung installiert und will den Zustrom bei Bedarf verlangsamen oder gar stoppen. Zahlreiche italienische Städte haben Benimmregeln und Restriktionen für Touristen eingeführt. Auf den Balearen trat gerade ein Gesetz in Kraft, das unter anderem die Zahl der Übernachtungsplätze auf den Inseln auf gut 623.000 beschränkt, vom kommenden Jahr an soll für die Hochsaison auch eine Höchstgrenze für die Zahl der Mietwagen festgelegt werden.

Was die Bewohner der von Urlaubern so geliebten Städte auf die Barrikaden bringt, sind aber nicht nur Müll, Rücksichtslosigkeit und die pure Masse an Besuchern. Sondern: "Vielerorts gelingt es nicht oder zu wenig, dass möglichst viele Einheimische ausreichend am Wohlstandsgewinn durch den Tourismus profitieren", sagt Pechlaner. Ihre Heimat wird zudem zerstört.

So kritisiert etwa die mallorquinische Bewegung Ciutat per a qui l'habita neben den Dumpinglöhnen vieler Restaurant- und Hotelangestellten auch Auswirkungen des Tourismus auf die Umwelt. Auf Mallorca gibt es fast keine Bahnen und nur wenig Busverbindungen, manche Straßen sind von parkenden Mietwagen komplett blockiert. Pechlaner fordert daher einen massiven Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in Touristenregionen: "Davon haben alle etwas."

"Tourist: Dein Luxustrip - mein tägliches Unglück" - so lautet ein Grafitti im Park Guell in Barcelona. "Euer Tourismus ist das Elend für unsere Jugend" ist das Motto, unter dem am Donnerstag in San Sebastian gegen die Auswüchse der Urlaubsindustrie demonstriert werden soll.

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