Südtirol Das ist der Gipfel!

80 Dreitausender, 183 bewirtschaftete Almen, schmucke Schutzhütten und herrliche Höhenwege: Südtirol bietet viel mehr als nur die Dolomiten. Das Tauferer Ahrntal zieht jeden Besucher in seinen Zauber - und bietet ein Bergleben, wie es schöner kaum vorstellbar ist.

Von Walther Lücker


Nach Südtirol? Ah – in die Dolomiten!? Nein. Nein. Und nochmals nein! Südtirol beginnt nicht mit den Dolomiten. Und es endet auch nicht dort. Sie mögen das "schönste Bauwerk der Welt" (Le Corbusier) sein, ein Teil der Südtiroler Tourismuswerbung und vielen Menschen bergsteigerische Heimat. Aber es gibt auf der Sonnenseite der Alpen auch anderes, was sich ein gutes Stück Südtirol nennen darf. Und dazu gehört eben auch das Tauferer Ahrntal.

Tief im Osten des kleinen Landes zweigt das rund 40 Kilometer lange Tal bei Bruneck nach Norden hin ab und gewinnt bis zum Hauptort Sand in Taufers kaum zwanzig Meter an Höhe. Doch man sieht bereits von weit draußen, was den interessierten Besucher erwartet. Zunächst den Großen Löffler, 3376 Meter, mit seinem mächtigen Firnschild und bald darauf den Schwarzenstein, 3368 Meter, und seinen markanten Grat. Spätestens wenn der Blick schließlich hinüber schweift zum Großen Moosstock, 3089 Meter, nimmt das Schicksal unabwendbar seinen Lauf. Denn diesem Zauber entkommt keiner mehr. So sehr kann den staunenden Menschen dies alles mitnehmen, dass sogar einem Altbürgermeister der schmucken Marktgemeinde mit ihrer trutzigen Burg angesichts dieser Postkartenkulisse einst der legendäre Satz entfuhr: "Wer einmal in Sand war, hat für immer nur noch Sand im Kopf."

Derlei Verwirrung mag etwas mit der sich zusehends steigernden Dramatik der Bergwelt zu tun zu haben, je weiter man in das Paradies vordringt, vielleicht aber auch mit der zunehmenden Enge des Tals, das sich bei Luttach nach Osten wendet und sich längs der Zillertaler Alpen bis zur Venedigergruppe hineinzieht. Danach ist Schluss mit Straße. Und das wirkliche Leben beginnt. Ein Bergleben, wie es schöner kaum vorstellbar ist.

Augen auf. Muße zum Schauen, Zeit zum Staunen. Kaum anderswo in Südtirol, vielleicht sogar im ganzen Alpenbogen, zeichnet sich das Portrait einer Landschaft und seiner Menschen noch so einfühlsam ab wie auf der sonnigen Südseite der Alpen, wo ja meist alles feiner, milder, wohliger ist. Aber auch langsamer, weniger hektisch und genügsamer. Das Tauferer Ahrntal war nie ein wirklich reiches Tal. Früher nicht und heute auch nicht.

Einst lagen die Schätze im Verborgenen. An Kupfererz waren die Menschen interessiert, an Metallen und Mineralien. Im Talschluss bei Prettau schürften, gruben, trieben und sprengten sie fünf Jahrhunderte lang tiefe Stollen in den Fels. Der Bergbau ist lange schon eingestellt. Hier und da findet einer nochmal einen schönen Kristall im Gestein und noch immer rinnt rostfarbenes Wasser aus so mancher Bergader. Heute liegen die Kostbarkeiten der Neuzeit ganz offen zu Tage. Es sind dies die wunderbaren Almen, die grünen Matten und dunklen Wälder zu Füßen der vielen hohen Berge. 84 Dreitausender – will mal einer genau gezählt haben – umgeben das Tauferer Ahrntal. Und schützen es gleichsam. Wie sich eben nur ein Juwel in den Alpen schützen kann. "Ein Kranz von Bergen, stolz und hoch erhoben, umringt die Heimat, mein Tiroler Land", heißt es in der heimlichen Südtiroler Hymne. Wenn das irgendwo zutrifft, dann im Ahrntal. Die Berge, 183 bewirtschaftete Almen, die klaren Gebirgsseen, lustig sprudelnde Bäche, 912 Bauernhöfe, nur 15000 Einwohner und immerhin 10000 Rinder, Urwüchsigkeit und Freundlichkeit der Menschen – das ist der Stoff, aus dem gemeinhin Tourismuswerbung gestrickt wird. Das taugt für Slogans und schöne Ferien. Und so, wie das mit der Hymne funktioniert, so funktioniert es auch bei all diesen wunderbaren Ressourcen.

"Is wetto mörgen? Mörgen schifft's."

All Jene, die schon immer dort leben, bemerken so viel Schönheit und unverbrauchte Tugend wahrscheinlich kaum noch. Für sie sind die Berge Lebensraum. Touristiker tun sich hart mit neuen Ideen und Konzepten. Denn was so war, soll möglichst so bleiben und gehört bewahrt. Den Gästen, vornehmlich die wandernde und bergsteigende Klientel repräsentierend, mag dies nur recht sein. Auch wenn sich den "Fremden" gegenüber nicht selten ein kantiger, hart und unbarmherzig wirkender Menschenschlag präsentiert. So sind sie halt – wie sie eben sind. Während anderswo auf die Frage nach dem Wetter am nächsten Tag mit weit ausladenden Worten der "atlantische Ausläufer", das "Genua-Tief", fallende Temperaturen und zunehmende Niederschlagsneigung zitiert werden, kann bei einem Bauern auf einem der zauberhaften Höfe die Antwort schon mal kurz und bündig lauten: "Is wetto mörgen? Mörgen schifft's."

Vielleicht haben die steilen Hänge und die trockene Krume sie so direkt und geradeheraus gemacht. Aber möglicherweise ist gerade deswegen die Gastfreundlichkeit der Menschen so unwiderstehlich entwickelt. Sie sind ein geselliges und ein interessantes Völkchen hoch droben im Norden Südtirols. Es wird jedenfalls kaum vorkommen, dass in der Stube eines altehrwürdigen Gasthofs einmal jemand allein am Tisch sitzt. Das liegt an der Offenheit, an der Aufgeschlossenheit und vielleicht auch ein wenig an der Neugier der Menschen "im Tole".

Sie sind modern und aufgeschlossen, bodenständig und konservativ – was hier kurioserweise kein Widerspruch in sich ist. In Prettau, wo der Einfluss des Fremden durch die hohe Zahl auswärtiger Bergarbeiter von je her größer war als anderswo, sagt man den "Prettnauerinnen" schelmisch nach, dass sie das Schuhwerk schon wieder in die Altkleidersammlung geben, wenn es in Rom und Mailand gerade erst in den Regalen der Geschäfte ausgestellt wird. Ja, so modern sind sie.

Von den Zillertaler Alpen zum Himalaya

Es sind dies Dinge, Kleinigkeiten des großen Gesamten, die man vielleicht wissen sollte, wenn man ins Tauferer Ahrntal reist. Vom Rest darf man sich getrost überraschen lassen. Böse Überraschungen wird es kaum einmal geben. Es sei denn, man ist ein schreckhafter Mensch. Dann kann es vorkommen, dass man zusammenzuckt, wenn sich die "Mander" beim "Kortschen" (Kartenspielen) alles an den Kopf werfen, was ein gottesfürchtiger Südtiroler eigentlich und gerade nach dem Kirchgang nicht unbedingt sagen sollte. Doch selbst das fordert nach einer gewissen Gewöhnung zur genüsslichen Beobachtung heraus.

Inmitten dieser Einzigartigkeit hat ein gewisser Hans Kammerlander laufen, bergsteigen und klettern gelernt. Selbst nach dreizehn Achttausendern hat der Extrembergsteiger aus dem Bergdörflein Ahornach, hoch über den Dächern von Sand in Taufers, nie den Bezug zu seinen heimatlichen Bergen verloren: "Die Gipfel der Zillertaler Alpen und der Rieserferner waren der Grundstock für all meine späteren Erfolge an den ganz hohen Bergen im Himalaya und dem Karakorum."

Es gibt bis heute keinen Vortrag von Kammerlander, in dem nicht irgendwo folgende Sätze eingebaut sind: "… als achtjähriger Bub stieg ich hinter zwei deutschen Gästen her auf den Moosstock. Dort bekam ich einen Apfel und nicht die erwartete Ohrfeige. Das hat mein Leben entscheidend verändert." Wer heute an einem prächtigen Sommertag den weiten Weg hinauf zum Moosstock steigt, trifft dort mit ein bisschen Glück in über dreitausend Meter Höhe im flotten Laufschritt den Mann mit den langen, zottelig-dunklen Haaren – und wird vielleicht erstaunt feststellen: Der schwitzt ja noch nicht einmal.

Nach Herzenslust austoben

Dabei sind die Berge rund um das Tauferer Ahrntal durchaus schweißtreibend. Denn vom Tauferer Boden, 850 Meter, aus gemessen erheben sich fast alle umliegenden Gipfel über zwei Kilometer hoch in den prächtig blauen Himmel. Nah ist also kaum etwas. Doch wenn man einmal Höhe gewonnen hat, wenn die Zweitausendermarke einmal überwunden ist, dann bleibt kein Wunsch mehr offen. Und weil es so leicht ist, in einer subjektiven Liebeserklärung die Liebste mit Superlativen auszustatten, darf für das Tauferer Ahrntal festgestellt werden, dass es wohl kaum anderswo in den Ostalpen eine derart beachtliche Anzahl und auch noch so einzigartig schöne Höhenwege gibt. Wer Gipfel haben will, kann sich zur Genüge austoben.

Doch wer unter den Gipfeln einfach nur staunen will, wie ein Kind angesichts der ersten Eisenbahn, wer stundenlang dahin wandern möchte, manchmal sogar ohne auch nur eine Menschenseele zu treffen, der möge sich aufmachen, auf den Lausitzer- oder den Kellerbauer-, den Hartdegen- oder den Neveser Höhenweg. Der soll – ruhig auch einmal mühsam und anstrengend – den Spuren des Johann Niederwieser, vulgo Stabeler, folgen, er ist der Erstbesteiger eines nach ihm benannten Vajoletturms im Rosengarten und Bergführer aus Sand in Taufers – auf einem Höhenweg der besonderen Art.

1988 wurden große Teile dieses herrlichen Fleckens Erde im 315 Quadratkilometer großen Naturpark Rieserferner – Ahrn unter Schutz gestellt. Vielleicht auch deshalb, weil jetzt nichts mehr geändert werden darf und alles so bleiben muss, werden die Tage auf den Höhenwegen zwischen zweitausend und zweitausendachthundert Metern im Tauferer Ahrntal so unvergesslich bleiben. Aber auch weil dieses Tal ein Kontrast zu den viel gerühmten Dolomiten ist. Und auch gerade weil dies natürlich das etwas andere Südtirol darstellt.

Die Bauchfalten jauchzen

Ein sonnendurchfluteter Herbstnachmittag auf der Kasseler Hütte unter der mächtigen Nordwand des Hochgall oder drüben auf der Alprechalm beim Lois auf dem Logenplatz gegenüber von den gleißenden Gletschern der Zillertaler Berge oder gar im Adlerhorst der Schwarzensteinhütte unter dem Gipfel des Schwarzenstein – all das sind Geschenke, die das Leben vielleicht nicht sehr oft macht. Da muss man nicht einmal wirklich verliebt sein.

Am Ende eines langen Tages sollte sich der müde Wanderer noch mit einer kulinarischen Besonderheit beschäftigen. Er ist vielleicht nicht unbedingt der Schönste im Lande – aber der Ahrntaler Graukäse ist ein besonderer Käse! So traditionsreich wie das Tal, aus dem er stammt. Er wird durch Sauermilchgerinnung und ohne Zusatz von Lab hergestellt. Er hat – die Bauchfalten werden jauchzen – nur zwei Prozent Fett und er wurde im vergangenen Jahr von der Organisation "Slow food" in den Rang eines so genannten "Presidio" erhoben. Das ist die höchste Auszeichnung, mit der ein seltenes Lebensmittel überhaupt geehrt werden kann. Welch eine Köstlichkeit.

Ha, es wäre doch gelacht, wenn man sich das Tauferer Ahrntal nicht auch noch auf eine kulinarische Weise höchst schmackhaft machen könnte.



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