Surfen vor Sylt Die perfekte Kinder-Welle

Paddeln, springen, stehen! Wellenreiten ist eine wackelige Sache, doch schon Kinder können auf Sylt an einem Surf-Wochenende den festen Stand lernen. Rettungsschwimmer helfen den Nachwuchssportlern aufs Brett - die dann gar nicht mehr aufhören wollen.

Sven Laabs

Von Kerstin Walker


Im rauen Sylter Westen sind die Strände weit, zum Hinlegen schön. An vielen Tagen frisst sich die Nordsee mit hohen Brechern in die Rantumer Küste. Wenn man aber Glück hat, schwappt das Meer in sanften Wellen bis ans Ufer. Ideal, um Wellenreiten zu lernen.

Heute ist einer jener ruhigen Glückstage mit kleinen, nahezu perfekten Nordseewellen. Skye zwängt sich in den dunklen Neoprenanzug, dann wirft sich die Neunjährige mitsamt Surfbrett ins Wasser. Diesen Start hat sie sich bei den Großen abgeschaut. Bei ihrem Vater zum Beispiel, der vor 20 Jahren zum ersten Mal auf einem Surfbrett stand. Und der wie viele jener einstigen Surferboys auch seinen Kindern die Liebe zum Board mitgeben will.

Jetzt wartet seine Tochter im Surfcamp Sylt auf den richtigen Moment, um sich endlich von einer Welle tragen zu lassen. Auf der Nordseeinsel hat es Tradition, dass die älteren Surfer ihr Wissen an die jüngere Generation weitergeben. Passend dazu lautet das Motto des zweitägigen Surfwochenendes, das jedes Jahr von der australischen Surfkleidungsfirma Billabong kostenlos für eine große Gruppe von Kindern veranstaltet wird, "Next Generation".

Auch der Insulaner, der das "Next Generation"-Camp für Kinder vor fünf Jahren erstmalig organisierte, wollte etwas vom Surfspirit weitergeben und mobilisierte eine Crew aus Ehrenamtlichen. Seitdem sind Rettungsschwimmer wie der Sylter Angelo Schmidt, Markus Mager oder der letztjährige Deutsche Meister Tim Schubert dabei. Die Gemeinde Rantum, zwei Surfmagazine und etliche andere Förderer sorgen dafür, dass das Surfwochenende seitdem jedes Jahr im August stattfindet, dieses Mal vom 14. bis 15. August.

Im Schwarm zappelnder Kinder

"Dein Take-off ist super", ruft Angelo dem neunjährigen Leon aus Rostock zu. Dessen Start nach dem Anpaddeln der Welle sieht fast perfekt aus. Der blonde Schlacks steht. Er fährt auf dem Rücken der Welle mit, so lange, bis ihn das Weißwasser sanft bis auf den Strand katapultiert. Ein Blick in seine leuchtenden Augen - und plötzlich weiß man, worum es hier geht.

"Im Surfcamp dreht sich alles um die Kinder", erklärt Angelo Schmidt. Der Sylter ist seit vielen Jahren hauptberuflich Rettungsschwimmer, die meisten Tage seines Sommers verbringt er sitzend auf dem Deck des Wachturms. Mit dem Fernglas scannt er die Wasseroberfläche, Welle für Welle und Tag für Tag. Nur heute ist alles anders, heute steht er bis zur Brust im Wasser.

Um Angelo herum paddeln 30 Kinder. Wenn eine Welle anrollt, üben sie, aufzustehen - und oben zu bleiben - auf dem kippeligen Brett. Ein zappelnder, aufgeregter Schwarm, der sich ständig bewegt. Da heißt es, aufpassen und besonders wachsam sein. Damit das gelingt, stehen ihm fünf weitere Rettungsschwimmer zur Seite. Darunter Tim Schubert und Markus Mager, wie Angelo echte Surfer-Ikonen und international bekannte Wellenreiter, die jede Saison auf der Nordseeinsel verbringen, um als Lifeguards arbeiten. Im Winter werden viele von ihnen zu Zugvögeln, die dorthin ziehen, wo der Sommer ist.

An diesem Wochenende wollen sie bloß eins: "Spaß sollen die Kinder haben", sagt Angelo, das Haar vom Salzwasser ausgeblichen, die Augen wasserblau. "Sie sollen erleben, wie viel es einem bedeuten kann, auf dem Wasser zu sein." Dem Mitinitiator des Billabong-Camps, der Surfen aus Überzeugung lebt, ist das wichtig. Er sagt: "Der Hype um den Surfsport beginnt schließlich früh genug."

Der Sylter Surfpionier

Leon, Skye und all die anderen Jugendlichen zwischen 8 und 14 Jahre lernen im Surfcamp nicht nur surfen, sondern entwickeln auch ein Bewusstsein für die Umwelt. Neben "Dünenkunde" stehen außerdem praktische Fächer wie "Erste Hilfe" auf dem Lehrplan des Camps. Surfer Sven Okke zeigt ein paar Kindern, wie sie die Mund-zu-Mund-Beatmung richtig durchführen. Okke selbst lernte sein Können von der Pike auf. Sein Vater Uwe Draht, alt eingesessener Insulaner, war vor rund 60 Jahren einer der ersten Rettungsschwimmer auf Sylt. Er leitete in Westerland die Rettungswacht und bildete ganze Generationen von Rettungsschwimmern aus.

Früher waren die Aussichtsposten der Rettungsschwimmer noch in hölzernen Karrenhäuschen untergebracht, die von den Männern jeden Morgen auf den Strand gezogen wurden. Damals, in den fünfziger Jahren, funktionierte Uwe Draht sein Rettungsbrett zum Surfbrett um: "Die Bretter der DLRG waren an der Seite aus massivem Holz, oben und unten war Sperrholz drauf." Mit seiner Entdeckung gilt der heute 82-Jährige Draht in der Szene als Surfpionier.

Angelo sensibilisiert die Kinder in seiner Lehreinheit für die riskante Seite des Sports. "Jeder, der mit einem Brett ins Wasser geht, muss auch die Gefahren kennen." Es reiche eben nicht zu wissen, dass ein Sonnenbrand gefährlich sein kann. Wer surfen will, müsse wissen, wen er vor sich hat. Gemeint ist der Blanke Hans, eine zuweilen ziemlich linke Type: "Habt ihr auf dem Wasser gemerkt, wie die Strömung an euch gezerrt hat?", fragt der Lebensretter die kleine Gruppe von Kindern, die nach der ersten Surfsession am Strand aufschlägt.

Nachdem die Surfbretter neu gewachst, unzählige Bananen verspeist und die eigene Beweglichkeit mit ein paar Yoga-Übungen wiederhergestellt ist, springen die meisten wieder ins Wasser. Skye schnappt sich "Mimi Mali Bu", wie ihre zweijährige Schwester ihr pinkfarbenes Surfbrett taufte. Ein Minimalibu ist im Surferjargon die Bezeichnung für ein wendiges Anfängerbrett. In der Welle aber wird Mimi zur perfekten Gefährtin. Heute zum Beispiel, wenn die Nordseewogen langsam rollen und schön glasig sind - so dass die Sonnenstrahlen hindurchschimmern.

Surfcamp ist auch Elternzeit

Klar, Sylt hat nicht Hawaiis heiße Temperaturen. Auch ist die Insel rau und an manchen Tagen wild und stürmisch. Doch Sylt ist Deutschlands bester Spot, für all diejenigen, die surfbare Wellen suchen. Im Sommer, wenn das Licht auf den Wellen tanzt, und die Marienkäfer den Strand bunt färben, ist die Insel nicht bloß für die Surfer ein Traum. Rund 40 Kilometer Strand säumen die Nordseeinsel, bewacht von Deutschlands einzigen professionellen Rettungsschwimmern. Die 80 jungen Kerle müssen Jahr für Jahr beweisen, dass sie ihrer Aufgabe gewachsen sind. Zum Beispiel mit einer Brandungsprüfung, bei der unter Windstärke sieben ein vermeintlich Ertrinkender gerettet werden muss.

Während des Surfcamps verstreichen die Tage glücklicherweise ohne Zwischenfälle. Und die Atmosphäre zwischen Kindern und Lehrern ist entspannt. Sicher liegt das auch daran, dass die Kinder im Camp ohne ihre Eltern sind. Später am Tag werden aus den Surfern Abenteurer, die ihre Stockbetten in der Rantumer Jugendherberge Gerd-Lausen-Haus entern.

Am darauf folgenden Nachmittag wird es Zeit, die kleinen Nachwuchssurfer wieder einzusammeln. Ermattet, aber glücklich, sitzt Skye im Wagen, den nassen Neoprenanzug hütet sie wie einen Schatz in einer Tüte zu ihren Füßen. "Mama, nach dem Wellenreiten haben wir T-Shirts gebatikt. Und alte Surffilme auf einer großen Leinwand angesehen," erzählt sie beseelt von dem Abend in der Jugendherberge. Klingt gut, gebe ich neidlos zu. Und wäre selbst zu gerne noch einmal neun Jahre alt.

Dann kommt es voller Überzeugung aus ihrem Mund: "Nur damit ihr's wisst, ich werde weiter surfen üben. Am besten, Papa, schon am nächsten Wochenende." Mein Mann grinst bloß. Und mir wird klar: Das ist erst der Anfang, wenn man vom Surfvirus befallen wird.

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insgesamt 3 Beiträge
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dayo, 26.07.2010
1. sorry, aber ist mir aufgefallen
warum plötzlich so viele artikel über sylt. hat spon und die kurverwaltung einen deal? und wenn, warum erst jetzt und nicht früher, als sylt noch niveau hatte?
emmahundsport 26.07.2010
2. sorry, ebenfalls
da kann ich dayo nur zustimmen. Anscheinend werden auch die Bilder von der Sylt-Lobby einfach übernommen. Das erste Bild in der Bildergalerie zeigt das L.A. Sylt am Oststrand von List. Die Überschrift beschreibt aber ein Ereignis in Rantum. Wenn schon so belanglose Beiträge auf der Homepage auftauchen, sollten auch die Details stimmen.
jboese2, 26.07.2010
3. Skandal
Zitat von sysopPaddeln, springen, stehen! Wellenreiten ist eine wackelige Sache, doch schon Kinder können auf Sylt an einem Surf-Wochenende den festen Stand lernen. Rettungsschwimmer helfen den Nachwuchssportlern aufs Brett - die dann gar nicht mehr aufhören wollen. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,707846,00.html
Ogottogottogott, die armen Kinder! Die können ja dabei ertrinken! Da muss sofort das Jugendamt einschreiten, am besten entzieht man den verantwortungslosen Eltern sofort das Sorgerecht! Ein Skandal ist sowas!!!!
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