Neue Hotline Bitte legen Sie nicht auf, ich muss mit Ihnen Schweden

Schweden-Fans brauchen künftig keinen Reiseführer mehr, sie können einfach eine Hotline anrufen: Tausende Einheimische beantworten Fragen am Telefon - kostenlos. Ein Anruf.
Foto: Corbis

Ich werde nun wohl mein Leben lang an Richard denken. Zumindest immer dann, wenn ich bei Ikea an den Werbeschildern mit den Hackbällchen in brauner Soße vorbeigehe. Richard hat mir gerade beigebracht, wie ein Schwede das Wort Köttbullar ausspricht. "Schöttbüllar." Hört sich gleich viel besser an. Ohne Kött. Klang auch immer etwas unappetitlich.

Richard hat mir noch mehr über Schweden verraten, als wir heute Mittag telefonierten. Wir sprachen über angesagte Stadtviertel und schöne Strände in Stockholm, über Stereotype und über seine Pläne für den Sommer. Richard, 31, ist kein ausgewiesener Schweden-Experte, er arbeitet nicht als Touristenführer, sondern als Angestellter in einem Finanzinstitut. Aber wer ihn fragt, was er an seiner Heimat mag, bekommt ein paar nützliche Tipps. Als würde man einen Freund fragen, den man übers Wochenende besucht.

Das ist auch die Idee hinter der neuen Marketingkampagne des skandinavischen Landes. Das Fremdenverkehrsamt hat am Mittwoch eine Telefonnummer freigeschaltet, über die jederzeit Leute wie Richard zu sprechen sind. "The Swedish Number"  soll die Welt mit Schweden verbinden. "Wir wollen Menschen neugierig machen - auf unsere Kultur, Natur und Lebenseinstellung", heißt es auf Anfrage bei der Swedish Tourist Association. "Dabei helfen soll uns das schwedische Volk."

Tausende Botschafter am Telefon

3000 Menschen hätten sich bereits als "Botschafter Schwedens" registriert, und seit die Nummer öffentlich ist, würden sich pro Stunde Hunderte Interessierte eine App herunterladen, die nötig ist, um an dem Telefondienst teilzunehmen.

Richard hat sich Donnerstag um 21 Uhr angemeldet. "Weil's lustig ist." Weil er dadurch mit Fremden quatschen und ihnen ein paar Minuten lang von Schweden vorschwärmen kann. Per Zufallsprinzip werden ihm Anrufer durchgestellt - ich bin die sechste, die er mit einem herzlichen "Welcome, hello!" begrüßt.

Die Anrufer hätten bisher eigentlich nur sagen wollen, dass sie die Aktion originell fänden, sagt Richard. Sie wollten wissen, ob sie wirklich einen Schweden an die Strippe kriegen. "Ja, du sprichst mit Schweden", sagt Richard am Telefon, "ich lebe in Stockholm." Aber so einfach kommt er mir nicht davon. Ich will wissen, was das Beste ist an Schweden, diesem Land, das für viele Deutsche zu den schönsten Urlaubszielen überhaupt zählt.

SPIEGEL ONLINE: Ein regnerisches Wochenende steht Stockholm bevor. Was tun, wenn man ausgerechnet jetzt einen Flug gebucht hat?

Richard: Nicht verzagen und sich drinnen vergnügen. Es gibt eine tolle Ausstellung im Fotografiska Museum of Photography, die nur noch bis zum Wochenende läuft. Das Museum ist bis um elf Uhr nachts geöffnet, es gibt ein tolles Restaurant, in dem man abends essen kann.

SPIEGEL ONLINE: Und wo ist Schweden am schönsten, wenn die Sonne scheint?

Richard: Im Südosten, in Skåne. Österlen mit seinen Fischerdörfern ist hübsch. Aber auch das Archipel vor Stockholm ist phantastisch. Wir haben 30.000 Inseln direkt vor der Haustür, sie sind mit dem Boot aus dem Stadtzentrum zu erreichen - und viele sind absolut einsam und verlassen. Man kann dort campen und in der Natur entspannen! Wir Schweden lieben das!

SPIEGEL ONLINE: Dein Lieblingsrestaurant in Stockholm?

Richard: Ich war gerade mit Freunden im Farang  essen - dort gibt es Thai-Food und vietnamesische Gerichte. Ich bestelle mir auch gerne mal einen Burger bei Flippin' Burgers .

SPIEGEL ONLINE: Was ist das am besten gehütete Geheimnis Schwedens?

Richard: Die Inlandsbanan  - ein Zug, der Schweden von Süden nach Norden durchquert. Ich hab mir für den Sommer ein Ticket gekauft, mit dem ich zwei Wochen lang ein- und aussteigen kann, so oft ich will.

SPIEGEL ONLINE: Was reizt dich an dieser Reise?

Richard: Die Polarlichter im Winter kenne ich schon. Aber ich habe noch nie eine Mittsommernacht erlebt, in der die Sonne einfach nicht untergeht. Das muss wundervoll sein.

SPIEGEL ONLINE: Sommersonnenwende, Inselidylle, das freundliche Gemüt der Schweden. Was ist dran an den Klischees? Seid ihr wirklich alle so nett?

Richard: Die Leute hier sind tatsächlich offene Typen. Aber nur weil jemand freundlich ist, heißt es nicht, dass man hier schnell Freunde findet. Viele Schweden sind anfangs sehr verschlossen und lange nicht so geschwätzig wie zum Beispiel die meisten US-Amerikaner.

Stockholm

Stockholm

Foto: Corbis

Am ersten Tag der Telefonaktion haben bereits Tausende Menschen auf der ganzen Welt die +46 771 793 336 gewählt. Die meisten Anrufe kommen derzeit aus der Türkei, kann man auf der Website der "Swedish Number" nachlesen. Ein Balkendiagramm zeigt die fünf Länder, aus denen am häufigsten angerufen wird. Auf Platz zwei sind die USA, dann folgen mit einigem Abstand Großbritannien, Deutschland und Australien.

"Nachts mache ich mein Handy aus", sagt Richard. "Sonst klingeln mich wohlmöglich bald Menschen aus Asien aus dem Bett." "Ich muss jetzt Schluss machen", sagt Richard, als wir bereits 17 Minuten sprechen. "Mein Mittagessen, das ich mir bestellt habe, kommt gerade."

SPIEGEL ONLINE: Was gibt's denn?

Richard: Es wäre sicherlich schöner, wenn ich jetzt Köttbullar sagen würde. Aber ich hatte Appetit auf Lasagne.

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