Tadschikistan Sagenhaftes Pompeji Zentralasiens

Tadschikistans wichtigster Sehenswürdigkeit ist nur noch kurze Zeit vergönnt: Die Ruinen von Pendschikent werden Sonne und Wind nicht lange standhalten können. Die wieder entdeckte Handelsstadt an der Seidenstraße prunkt mit reichen Wandmalereien und einer Zitadelle.


Pendschikent - Ein Besuch in der alten Stadt Pendschikent in Tadschikistan erfordert viel Phantasie. Vor 1000 Jahren lag hier am Sarafschan-Fluss in Zentralasien eine lebendige Handelsstadt, das Zentrum der sogdischen Kultur. Karawanen brachten Schätze aus allen Richtungen der Seidenstraße. Der Reichtum der Stadt zeigte sich in ihren Tempeln und bunten Fresken in allen Häusern. Im 8. Jahrhundert vernichteten die vordringenden Araber die Stadt. Pendschikent verschwand unter Erdhügeln und wurde erst im 20. Jahrhundert von Archäologen wieder entdeckt.

Das alte Pendschikent: Die Ausgrabungsstätte wird von Ismatullo Rachmotullojew geleitet
GMS

Das alte Pendschikent: Die Ausgrabungsstätte wird von Ismatullo Rachmotullojew geleitet

Zwischen den Ruinen weiden heute Ziegen. Jungen aus der modernen Stadt nebenan jagen mit Fahrrädern durch die antike Stätte. Ismatullo Rachmotullojew hilft, sich im alten Pendschikent zurechtzufinden. "Das ist ein Teil der Stadtmauer, die acht Meter dick war", erläutert der Direktor der Ausgrabungsstätte. "Und dies hier war ein städtisches Getreidelager", sagt er ein paar Schritte weiter. Er zeigt auf die Reste eines ausgeklügelten Systems von Luftröhren, mit denen das Korn trocken gehalten wurde.

Wie es zu einer sagenhaften Stadt gehört, ist Pendschikent schwer zu erreichen. In Tadschikistan gilt das "Pompeji Zentralasiens" als wichtigste Sehenswürdigkeit. Doch der Weg von der 250 Kilometer entfernten Hauptstadt Duschanbe führt über den 3373 Meter hohen Ansob-Pass. Dann geht die Fahrt hinab ins enge Sarafschan-Tal. Die schmale Straße verläuft in schwindelerregender Höhe über dem Fluss.

Nur noch eine Hand voll Touristen

Studienreisen durch Zentralasien bieten oft Pendschikent als Tagesausflug von der nur 70 Kilometer entfernten usbekischen Stadt Samarkand aus an, dem Schauplatz von "Tausendundeine Nacht". Doch seit dem Zerfall der Sowjetunion trennt eine Grenze die beiden Städte, und im Polizeistaat Usbekistan wird das Reisen in jüngster Zeit immer unangenehmer. Zu sowjetischen Zeiten seien jeden Tag 300 Besucher nach Pendschikent gekommen, sagt Rachmotullojew. Jetzt verliere sich täglich nur noch eine Hand voll Touristen hierher.

Bevor die Araber ihren Ruf "Es gibt keinen Gott außer Allah" an den Sarafschan trugen, mischten sich in der Götterwelt von Pendschikent Einflüsse aus vielen Teilen Asiens. Buddhismus verband sich hier mit Zoroastrismus und der Lichtreligion der Manichäer. Für die Zoroastrier war das Leben ein ständiger Kampf zwischen Gut und Böse. Davon zeugen auch die Fresken aus Pendschikent. Gute Helden kämpfen im Tigerfell gegen Drachen und Dämonen. "So wird gezeigt, dass der Mensch Gutes tun und das Böse besiegen soll", erläutert Rachmotullojew. Die aus den Ruinen geborgenen Bilder erinnern an buddhistische Malerei. In Pendschikent werden nur Kopien gezeigt, die Originale sind in Duschanbe oder St. Petersburg zu sehen.

Medresen in Samarkand

Von den Hügeln des alten Pendschikent fällt der Blick hinab in die neue Stadt. Der Gebetsruf eines Muezzin schallt herauf. Der Islam zerstörte nicht nur eine Kultur, er schuf in Zentralasien auch seine eigene. Deren schönste Bauwerke, die Medresen genannten Koranschulen mit ihren türkis gekachelten Fassaden, stehen im nahen Samarkand.

Pendschikent ist nur für einen historisch kurzen Moment wieder aufgetaucht. Die Archäologen legen die aus Lehmziegeln gebauten Häuser frei, retten erhaltene Wandgemälde, Münzen und andere Gegenstände. Der Aufwand sei zu groß, um die Häuser zu konservieren, sagt Rachmotullojew. So zerfallen die Ruinen in Sonne und Wind, und bald wird Pendschikent wieder verschwunden sein - diesmal auf ewig.



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