Tauchen in Schottland Des Kaisers versunkene Flotte

Abtauchen in die Vergangenheit: Vor den schottischen Orkney-Inseln liegen noch immer Überreste der kaiserlichen Hochseeflotte auf dem Meeresgrund. Die eisigen Gewässer von Scapa Flow sind ein Eldorado für Wracktaucher – Tiefe, Kälte und Dunkelheit sind jedoch nichts für Anfänger.

Von Linus Geschke


Sperrige Doppel-Tauchflaschen, auftriebsstarke Jackets, Sauerstoffflaschen zur Dekompression - und die auf Bügeln hängenden Trockentauchanzüge: Das Deck des Motorschiffes "Loyal Mediator" ist vollständig durch das Equipment der Wracktaucher belegt. "Tauchgänge in Scapa Flow sind nichts für Anfänger", meint Horst Dederichs. "Die Kriegsschiffe liegen zum Teil recht tief, das Wasser ist nur neun Grad warm, und am Rande der Bucht kann es zu gefährlichen Strömungen kommen."

Der 39-jährige Historiker und Tauchlehrer zählt zu Europas führenden Wrackexperten. Als erstem Deutschen gelang Dederichs in der Irischen See der Abstieg zum in 93 Meter Tiefe gelegenen Wrack der "Lusitania". Für den Autoren mehrere Fachbücher ist Scapa Flow "Europas interessantestes Wracktauchgebiet". Nirgendwo sonst liegen so viele Schiffe auf so engem Raum.

Ziel des heutigen Tauchganges ist die "SMS Markgraf", ein 175,40 Meter langes Schlachtschiff der König-Klasse, das in 45 Metern Tiefe kopfüber auf dem Grund liegt. Langsam lässt sich Dederichs an der zuvor verlegten Leine tiefer in das dunkelgrüne Wasser sinken. Auf seinem Rücken trägt er ein Doppelpaket Tauchflaschen, gefüllt mit Trimix, einem speziellem Gasgemisch aus Sauerstoff, Stickstoff und Helium.

Beide Flaschen sind durch eine Brücke verbunden, an der sich zwei Atemregler befinden, - eine Sicherheitsmaßnahme beim Tauchen in kalten Gewässern: Trotz modernster Technik kann ein Atemregler vereisen und das Atemgas aus der Flasche abblasen. In einem solchen Fall kann Dederichs die Brücke sperren und auf den anderen Lungenautomaten umsteigen.

In knapp 25 Metern Tiefe schälen sich die ersten Umrisse des stählernen Riesen aus dem diffusen Grün, kurz danach hat Dederichs den Kiel erreicht. Mehr als 1100 Männer gehörten einst zur Besatzung. Heute leben auf ihr zumeist Seespinnen, größer als ein Tennisball, die im Licht der Unterwasserlampen davonhuschen.

"Wie Ameisen auf einem schlafenden Wal"

"Kriegsschiffe liegen aufgrund der schweren Aufbauten meist kopfüber oder auf der Seite", hat der TDI (Technical Diving International)-Tauchlehrer erzählt. "Wenn man als Taucher auf dem mächtigen Rumpf landet, fühlt man sich wie eine Ameise, die einen schlafenden Wal erkundet." Dederichs gleitet den Rumpf entlang und sucht nach geeigneten Öffnungen für ein späteres Eindringen.

Scapa Flow: Ruheort der kaiserlichen Flotte
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Scapa Flow: Ruheort der kaiserlichen Flotte

Im Licht der starken Lampen lösen sich Funkantennen aus dem Dunkel, das Krähennest ist zu sehen und eines der zahlreichen Bordgeschütze, in dessen Rohr ein schreckhafter Krebs verschwindet. Ansonsten fällt das maritime Leben hier eher spärlich aus – wer in Scapa Flow tauchen geht, will keine Fische oder Korallen sehen, der ist lediglich am Altmetall einer untergegangenen Epoche interessiert.

Plötzlich tut sich vor dem Wracktaucher ein Loch ins Schiffsinnere auf. Ein großer Dorsch flieht vor dem eindringenden Taucher. Der Leuchtfinger von Dederichs Lampe entreißt der Dunkelheit weitere Details: rostbraune Wände, verbogene Leitungen und kleine Handräder, an denen kein Mechaniker mehr drehen wird. Und dazwischen - ein Stiefel.

Die Sicht reicht nur noch wenige Meter weit, ein falscher Flossenschlag kann verhängnisvoll sein – wenn das über dem ganzen Schiff liegende feinstaubige Sediment einmal aufgewirbelt wird, sinkt die Sicht schlagartig auf null. Es kann Stunden dauern, bis sich das Sediment dann wieder gesetzt hat. Zeit, die ein Taucher in dieser Tiefe nicht hat.

Zur Sicherheit hat Dederichs vom Eingang aus eine Leine verlegt, die ihm im Notfall den Weg zurück ans Licht weist. Zu viele Wracktaucher ließen bei ihrem Hobby schon ihr Leben – wer im verwinkelten Inneren eines stählernen Giganten die Orientierung verliert, ist meist verloren.

Am 21. Juni 1919, formell noch unter deutschem Kommando stehend, gehörte die "SMS Markgraf" zur wilhelminischen Hochseeflotte, die mit 73 anderen Schiffen und von den Briten bewacht in Scapa Flow festgesetzt war. An diesem Tag zeichnete sich bei den Friedensverhandlungen in Versailles ab, dass die Briten nicht bereit waren, die Flotte wieder freizugeben. Damit die schwer bewaffneten Kolosse den Engländern nicht in die Hände fielen, ordnete Konteradmiral Ludwig von Reuter die Selbstversenkung an.

59 Kampfschiffe versanken auf sein Kommando hin vor den Orkney-Inseln, ein Großteil von ihnen konnte später geborgen und verschrottet werden. Auch die "Markgraf" kam nicht ungeschoren davon: Riesige Stahlplatten wurden aus dem Rumpf geschnitten und ihre Maschinen geborgen. Das Wrack erinnert heute in vielen Abschnitten an einen Schweizer Käse – ideale Bedingungen für professionelle Wracktaucher wie Dederichs.

In der Dunkelheit lauert die Panik

"Das tiefe Eindringen in große Wracks hat mit normalem Sporttauchen nur noch wenig zu tun", erklärt Dederichs. "Solche Tauchgänge sind oftmals Materialschlachten, die bei den Tauchern enorme Erfahrung und eine dementsprechende Ausbildung voraussetzen. Tiefe, Kälte, Dunkelheit und die geschlossene Umgebung erzeugen bei unerfahrenen Tauchern schnell eine psychische Beklemmung, die dann häufig zur Panik anwächst." Verspürt er jemals Angst bei seinen Tauchgängen? "Unten funktionierst du wie eine Maschine. Respekt ja, aber Angst solltest du keine haben."

Mit der Erfahrung mehrerer tausend Tauchgänge dringt Dederichs immer tiefer in den Bauch des Schiffes vor. Es ist nahezu unmöglich, sich in diesem Monstrum exakt zu orientieren, erzählt er später. Langsam gleitet der technische Taucher weiter in Richtung Heck vor, vorbei an stählernen Regalen, die von Rost und Seeanemonen besetzt sind.

Während er aufmerksam die Details studiert, läuft in seinem Kopf ein Film ab: Was könnte sich hier abgespielt haben? Welchen Zweck hatten die Schalter an der Wand? Wer mag auf dem umgestürzten Stuhl einst gesessen haben, welche Aufgabe hatte er an Bord? Wracktauchgänge sind immer auch Abstiege in die Vergangenheit, der Versuch, den Schleier der Zeit zu lüften und eine Zeitreise in eine Epoche anzutreten, die lange vergangen ist.

Eine Frage lässt dem Historiker keine Ruhe: Wie hat es die reduzierte deutsche Besatzung vor 89 Jahren unter den wachsamen Augen der Briten geschafft, die Versenkung so generalstabsmäßig vorzubereiten? Eine befriedigende Antwort darauf hat er nicht gefunden. Noch nicht.



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