Hotelresort in Playa de las Américas
Hotelresort in Playa de las Américas
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Philipp Laage

Entspannungsurlaub auf Teneriffa Auf der Suche nach der Formel fürs Nichtstun

Teneriffas Süden ist eine der wenigen Regionen Europas, wo auch im Winter fast immer die Sonne scheint. Reicht das für einen Urlaub, in dem man einfach mal nichts tut? Unser Autor hat es versucht.
Von Philipp Laage, Teneriffa

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Es gibt Orte, die sind bei Regen wunderschön. Playa de las Américas im Süden Teneriffas gehört nicht dazu.

Zum Glück regnet es dort praktisch nie, außer am Tag meiner Ankunft. Doch der Wetterbericht verspricht, dass die Sonne schon am nächsten Tag wieder alles mit Licht fluten wird: die staubgrauen Hänge, die karg zum Meer hin abfallen, die tristen Häuserfassaden der Apartmentkomplexe, die Lokale und Trinkbuden.

Reiseveranstalter bewerben Teneriffa als Topdestination im Segment »Sun and Beach«, insbesondere während des deutschen Winters, aber auch für das hier oft noch kühle Frühjahr. Sonne und Strand in knapp fünf Stunden Flugzeit, das bekommt man bis weit in den April hinein höchstens noch in Ägypten.

Der Tourismus boomt gerade im trockenen Süden Teneriffas, weil das Gebirge im Inneren der Insel die meisten Wolken abfängt. Deshalb ist der Norden viel grüner, aber regnerischer. Und, wie Freunde mir gesagt haben, auch interessanter. Überhaupt, ich müsse mir ein Auto mieten und auf jeden Fall die Insel erkunden. Ich müsse zum Wandern nach Masca und natürlich auf den Teide. Aber klar, habe ich geantwortet. Und still für mich gedacht: Gar nichts muss ich.

Ich möchte mich vielmehr dem Tatendrang entziehen. War Urlaub nicht einst genau dafür da, bevor es zunehmend darum ging, die Freizeit einer publikumswirksamen Jagd nach aufregenden Erlebnissen zu opfern?

Ich fliege bewusst in den Süden der Insel. Ich will eine Woche nichts tun und schauen, ob das funktioniert. Das entspricht dem Gemütszustand der Nation, die sich laut jüngster FUR-Reiseanalyse unter anderem nach »Entspannung« und »Abstand zum Alltag« sehnt.

Tristesse des Massentourismus

An Tag zwei bestätigt sich, was hier jeder sagt: Auf Regen folgt Sonne. So wünscht man sich das im Leben, hier scheint es ein Naturgesetz zu sein. Angenehm.

Strandpromenade in Los Cristianos

Strandpromenade in Los Cristianos

Foto: Philipp Laage

Ich trete in die 20 Grad warme Luft eines nicht mehr ganz frühen Morgen, um mich von den Qualitäten dieses Reiseziels zu überzeugen. Keine Aktivität im touristischen Sinne, eher lockere Ortsbegehung – ein erster Versuch des Nichtstuns. Ich spaziere an der Promenade entlang in Richtung Süden, vorbei an den Stränden: Playa de El Bobo, de Troya, de las Américas, del Camisón, de Las Vistas, de los Cristianos, schließlich die Playa de los Tarajales. Die Ferienorte entlang dieses südwestlichen Küstenabschnitts gehen unbemerkt ineinander über, sind zu einer einzigen, gewaltigen Agglomeration aus Hotels, Apartmentsiedlungen, Geschäften, Boutiquen, Restaurants und Bars zusammengewachsen.

Das Nichtstun verlagert sich an die dafür vorgesehenen Orte: Die ersten Urlauberinnen und Urlauber haben die Liegen am Strand bezogen, deutlich mehr aber jene rund um die Hotelpools. Um die Mittagszeit füllen sich die Cafés und Bars am Wasser, gern wird das erste Pils oder ein Caipirinha bestellt. Viele Lokale leihen sich die Namen berühmter Orte, sie heißen »Miami Beach«, »Bora Bora« oder »Monte Carlo«. Doch der Glamour, scheint mir, färbt nicht so recht ab. An vielen Tischen starren die Menschen schweigsam zur Loungemusik in ihre Handys.

Ich möchte nicht die ganze Zeit herumlaufen, will auch einfach in der Sonne sitzen und den Tag ein wenig vorbeiziehen lassen. Der Tintenfisch im Strandrestaurant schmeckt leider nach nichts, die Pommes kommen ohne alles. Macht 15,60 Euro. Das Essen ist für einen Urlaubsort nicht teuer, aber für die Qualität auch nicht preiswert. Cola light statt Bier. Ein Fehler? Vielleicht.

Nach dem Essen überfällt mich plötzlich der Tatendrang. Am Ende der Bucht, da war doch so ein steiler Trampelpfad, der auf die Klippen führt. Ich habe mir eine Pause vom Nichtstun verdient, finde ich. Das bisschen Kraxeln ist noch kein Aktivurlaub. Anders sähe es aus, wenn ich wie die Surferinnen und Surfer in den Wellen liegen würde, etwas entrückt von den Massen am Strand. Das würde für einen Anfänger wie mich dann doch zu viel Aufwand bedeuten – und gegen meinen Vorsatz verstoßen.

Auf dem Rückweg fällt mir auf, wie zweckmäßig die Architektur ist. Manche der Riesenhotels mit ihren Balkonfassaden sehen aus wie brutalistische Bienenstöcke. Zugegeben, in Los Cristianos finden sich auch charmante Ferienhäuschen. Aber alles hat seinen Preis. Wer glaubt, das Meer zu sehen, sei kein echtes Bedürfnis, der muss sich die Zimmerpreise anschauen. Die A-Lagen hinter der Promenade kosten am meisten, der direkte Blick aufs Meer schlägt kräftig zu Buche. Im Hinterland wird es günstiger, aber nirgendwo billig. Eine schlichte Ein-Zimmer-Ferienwohnung mit einem Interieur, das sichtlich in die Jahre gekommen ist, kostet schon mal 100 Euro pro Nacht. Auch die Flugpreise sind deftig. Ich habe 300 Euro ohne Aufgabegepäck gezahlt. Flüge am Samstag hätten bei 500 Euro gelegen.

Ich wollte eigentlich nichts als Wärme. Und jetzt soll ich Speisekarten auf Deutsch studieren und Hähnchenbrust mit Pilzsoße bestellen? Ich weiß nicht, ob ich das traurig, rührend oder einfach folgerichtig finden soll. Vielleicht muss ich mit Leuten sprechen, die schon eine halbe Ewigkeit hier sind. Vielleicht können sie mir die Anziehungskraft dieses Ortes erklären – und warum die Dauer-Siesta hier für viele so gut funktioniert.

»Besseres Wetter als in der Karibik«

Kim Lory lebt seit 35 Jahren auf der Insel, in diesem Jahr wird sie 60. Die Britin arbeitet für den Tour-Operator Tenerife First Excursions. Sie kümmert sich also um Touristinnen und Touristen, die Abwechslung vom Nichtstun brauchen. In vortouristischen Zeiten hätten die britischen Aristokraten den kühleren Norden bevorzugt, erzählt sie, denn dort habe sich in Garachico der alte Hafen befunden – bis ein Ausbruch des Teide diesen im Jahr 1706 zerstörte. Die Entdeckung des Südens ließ auf sich warten.

Blick von den Klippen über Los Cristianos

Blick von den Klippen über Los Cristianos

Foto: Philipp Laage

Der Touristenboom habe ungefähr Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre eingesetzt, sagt Lory. Zuvor gab es auf dieser Seite der Insel praktisch nur Fischerdörfer. »Als ich hier ankam, lag zwischen Las Americas und Los Cristianos nur eine Wüste.« Gerade weil die Landschaft so karg und sonnenverwöhnt ist, wurde sie zugebaut. Fast jedes Haus, das man hier sehe, beherberge Ferienunterkünfte. Und jetzt, wo Corona das Reisen nicht mehr verhindert, kommen die Urlauber zurück.

Warum eigentlich? »Wir haben das beste Klima der Welt«, antwortet Lory. »Wir schlagen sogar die Karibik, weil wir nicht diese Hochs und Tiefs haben, auch keine tropischen Stürme.« Deutsche Reiseveranstalter sagen Sonnengarantie dazu. Alles andere scheint relativ egal zu sein, etwa das Essen. »Die guten Restaurants sind nicht hier in der Gegend, weil die Leute sie nicht zu schätzen wissen.« Wobei die Küste zunehmend mehr Klasse habe, je weiter man nördlich komme, in die Region, die irgendwann unter dem Namen Costa Adeje vermarktet worden sei. »Der südlichere Teil hatte ein schlechtes Image wegen all der Saufköpfe«, sagt Lory. Sie meint: Playa de las Américas, vor allem die Gegend direkt bei der Troya-Schlucht.

Briten in Hemden

Ralf Gothan, 67, ist ein Urgestein der deutschen Community auf Teneriffa. Ich treffe den gelernten Hotel- und Gaststättenkaufmann in der »Bar Berlin meets Sylt«. Gothans Mutter hatte den Vorläufer 1974 eröffnet, 1982 kam Sohn Ralf mit Frau und Tochter nach. Damals gab es hier nur wenige Herbergen, doch es wurden rasch mehr. »Es war einfach karg, aber es war tolles Wetter«, erinnert sich Gothan. »Und die Leute sind hier eingefallen wie die Ameisen.«

Ralf Gothan in seiner »Bar Berlin meets Sylt«

Ralf Gothan in seiner »Bar Berlin meets Sylt«

Foto: Philipp Laage

Gothan erzählt von seinem Leben auf der Insel. Seine erste Frau ging, er lernte eine neue kennen. Der Schwiegervater lieh ihm Geld, mit dem er die Bar kaufte. Die Neunzigerjahre seien die Boomjahre gewesen, mit neuer Kundschaft nach dem Mauerfall: »Da kamen die von drüben alle rüber.« Hätten gefragt, was Seezunge sei. »Ich sagte, die kann man essen.« Er habe sich dann aber auf Fleisch spezialisiert. »Die Leute gingen nicht in die Bar Berlin, sondern zum Ralf, ein Steak essen.« Die Briten habe er geliebt. Die seien in Hemden gekommen und nicht in kurzen Hosen, hätten deutsches Bier getrunken.

Irgendwann, nach 25 Jahren, habe er den Laden verkauft und erst einmal drei Jahre Urlaub gemacht, erzählt Gothan. Ralf Gothan ist noch Inhaber der Bar, hat sich aber aus dem Tagesgeschäft herausgezogen.

Im Grunde kann Gothan nicht recht erklären, was das Leben an diesem Ort für ihn ausmacht. Aber dass das Leben es hier alles in allem gut mit ihm gemeint hat, merkt man ihm an. »Es ist ein Traum, zehn Meter zum Meer, wo hast du denn das?« Und: »Man kennt sich, man hilft sich. Das hast du in Deutschland nicht.« Deutsche Urlauber locke natürlich auch, dass so viele andere Deutsche hier seien.

Ich frage Gothan, wie er es mit dem Nichtstun hält. Kann er das überhaupt? »Nein, kann ich gar nicht«, antwortet der Norddeutsche. Wenn überhaupt, setze er sich auf seiner Terrasse in die Sonne und lese ein Buch. Aber Bräunen am Strand? Vertane Zeit. »Ich habe so viel zu tun.« Ich kann ihn gut verstehen. Und bin beruhigt, dass selbst ein Teneriffa-Veteran offensichtlich noch keine Formel für das Nichtstun gefunden hat.

In den vergangenen Tagen war ich häufiger im Supermarkt, wegen des leckeren Fischs, der Langustinos und Calamares. Ich habe auf der Dachterrasse meiner Ferienwohnung in der Sonne gesessen, jeweils maximal eine halbe Stunde. Ich habe gelesen und war sogar einmal am Strand. Ich bin viel spazieren gegangen und habe in den Läden gestöbert. Aber jetzt reicht es mir. Am letzten Tag will ich etwas tun, das übers Kraxeln an ein paar Klippen hinausgeht.

Ich will von Masca aus durch eine Schlucht zum Meer wandern, eine angeblich spektakuläre Tour. Allerdings muss ich drei verschiedene Busse nehmen, um in das Bergdorf zu kommen, laut Google dauert das drei Stunden. Ein Mietwagen ist wie überall derzeit ziemlich teuer. Ich wäge den Aufwand ab. Und lasse es bleiben. Also doch noch einen Tag lang nichts tun. Vielleicht ist es ein Fortschritt, dass mich dieser Umstand nicht ärgert. Außerdem scheint die Sonne.

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