Theaterwandern in den Alpen Der Berg als Bühne

Neue Szene, neuer Schauplatz - und das Ganze vor Bergkulissen: Das ist das Prinzip von geführten Theaterwanderungen. Zuschauer ziehen die Boots an und erleben Kultur und Natur im Doppelpack.

Montafon Tourismus/ Stefan Kothner/ SRT

Von Christian Haas


Jazz in den Dolomiten, Tanzspektakel in den Gasteiner Bergen, Fluchtdrama im Montafon: Alpine Regionen entdecken das Theaterwandern. Bei den Veranstaltungen bleiben die Zuschauer mal nicht auf ihren Plätzen sitzen, sondern folgen den Schauspielern über Almen und in Scheunen und begleiten sie entlang alter Wasserfallwege.

Ensembles in Österreich und in Norditalien bereiten sich derzeit auf ihre diesjährigen Produktionen vor: ob Rossini-Oper, interaktives Fluchtdrama oder Schauspiel mit Tänzern, Kälbern und Hühnern. Hier sind einige Tipps für den Sommer 2019:

Klingende Dolomiten: Konzert für Wanderer
Foto Val di Fassa/ Marisa Montibeller/ SRT

Klingende Dolomiten: Konzert für Wanderer

Fassatal, Italien: "I Suoni delle Dolomiti"

Ein Musikfestival im Trentino lässt dieses Jahr zum 25. Mal die Dolomiten erklingen. In der Nähe von Schutzhütten, Almen und Festungen treten international anerkannte Musiker und Künstler auf, das Spektrum reicht von Jazz über Chor- und Volksgesänge bis hin zu zeitgenössischer Musik. Die Konzerte beginnen teils bei Sonnenaufgang und dauern mitunter bis in die Nacht. An zwei Terminen ziehen sich die Vorführungen (und Wanderungen) gar über drei Tage.

Ein Höhepunkt in diesem Jahr ist die Aufführung einer Rossini-Oper auf mehr als 2000 Meter Höhe. Die Orte sind über gut markierte Wanderwege zu erreichen.

Termine und Dauer: Zahlreiche Einzelevents an verschiedenen Orten zwischen 28. Juni und 15. September, Drei-Tage-Musik-Trekkings vom 28. bis 30. Juni (insgesamt 1900 Höhenmeter, Gehzeit 10,5 Stunden) und vom 1. bis 3. September (insgesamt 1500 Höhenmeter, Gehzeit 14 Stunden), genaue Startzeiten erst bei Anmeldung,
Preise: variieren, die Trekkings kosten mit Übernachtung und Verpflegung 420 beziehungsweise 390 Euro
Weitere Informationen: www.isuonidelledolomiti.it/de

Caldaro al lago, Italien: "Kaltern Pop Festival"

Noch nicht ganz so lang wie das "I Suoni delle Dolomiti" ist das Kaltern Pop Festival in Südtirol am Start. Seit 2015 gibt es das kleine, aber feine Event. Kuratiert wird es vom Haldern Pop Festival in Deutschland. Es spricht bewusst Liebhaber der Entschleunigung an, wirbt mit Fotos in Sepia-Optik, ruhigen Plätzen, gutem Wetter, dem See und kulinarischen Genüssen. Man muss sich auch nicht so sehr anstrengen, um zu den verschiedenen Schauplätzen zu gelangen. Die Veranstaltungen in dem alten Weindorf finden in freier Natur oder zum Beispiel im Innenhof des Ansitz Windegg oder der ehrwürdigen Franziskanerkirche statt. Es gastieren coole Newcomer, der Mainstream muss draußen bleiben.

Termine und Dauer: 24.-26. Oktober 2019
Preise: variieren zwischen 30 Euro für Kinder von 6 bis 13 Jahre an allen drei Tagen, 89 Euro für Erwachsene (Samstag und Sonntag) und 99 Euro für Erwachsene (alle drei Tage).
Weitere Informationen: https://kalternpop.de/line-up-2019/

Fotostrecke

16  Bilder
Theaterwandern: Schritt für Schritt zur nächsten Szene

Montafon, Österreich: "Auf der Flucht"

Das interaktive Stück nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Bei der geführten Wanderung von Gargellen aus in Richtung Sarotlajoch spüren sie gemeinsam mit dem wandertheatererfahrenen Ensemble "teatro caprile" an wechselnden Bergspielorten dem Schicksal jener Menschen nach, die die Schrecken des Zweiten Weltkriegs am eigenen Leib erfahren mussten.

"Auf der Flucht" basiert auf Zeitzeugenberichten, historischen Dokumenten und literarischen Texten von Franz Werfel, Jura Soyfer und anderen Schriftstellern, die aus Nazi-Deutschland fliehen mussten.

Termine: 12. bis 14. Juli, 23. bis 25. August und 30. August bis 1. September, Beginn: 9 Uhr bei der Kirche in Gargellen
Dauer: ca. 5,5 bis 6 Stunden (500 Höhenmeter, Gehzeit circa 3 Stunden),
Preis: 34 Euro
Weitere Informationen: www.montafon.at/theaterwanderung

Szene aus "Friedl mit der leeren Tasche": Roadmovie im Ötztal
Ötztal Tourismus/ Ernst Lorenzi/ SRT

Szene aus "Friedl mit der leeren Tasche": Roadmovie im Ötztal

Ötztal, Österreich: "Friedl mit der leeren Tasche"

Ein Roadmovie zum Anfassen und Spüren, zum Mitatmen und Erstauntsein: So werben die Macher von "Friedl mit der leeren Tasche". Die berührende Freilichtinszenierung der Flucht von Herzog Friedrich IV. von Tirol 1416 durch das Ötztal wird im Sommer in einer Fassung von dem Künstlernetzwerk Lawine Torrèn gezeigt.

Das Künstlernetzwerk unter Leitung von Hubert Lepka zeichnet auch für das berühmte Schnee-und-Eis-Schauspiel "Hannibal" verantwortlich und kann daher auf viel Erfahrung mit außergewöhnlichen Spielorten und -arten zurückgreifen. Die braucht es auch, wenn die Darsteller in ihrem historischen Gewand den Zuschauern einmal fern und dann wieder ganz nah sind. Verständnisprobleme müssen Wanderer nicht fürchten, sie erleben die Tonebene über Funk. Die Dialoge kommen vom Mikroport direkt ins Ohr und sind im freien Gelände auch aus großen Distanzen vernehmbar.

Termine: 5. bis 8. und 12. bis 15. September, Beginn jeweils um 8.45 Uhr im Weiler Vent
Dauer: circa 7 Stunden (660 Höhenmeter, Gehzeit 2,5 Stunden)
Preis: 36 Euro,
Weitere Informationen: www.wandertheater-friedl.oetztal.com

Almenspiel in Gastein: Wandertheater mit Geiß und Kitz
Magdalena Lepka/ Bernhard Müller/ SRT

Almenspiel in Gastein: Wandertheater mit Geiß und Kitz

Gastein, Österreich: "Herde und Stall"

Der Wandertheater-Newcomer des Jahres, inszeniert von den Routiniers Hubert Lepka und Lawine Torrèn. Worum geht es? Geplant ist eine ganztägige, aus zwei Teilen bestehende Veranstaltung in den Gasteiner Bergen.

In Teil eins, dem "Almschauspiel", können die vorab auf die Gadaunerer Hochalm heraufgewanderten (oder geshuttelten) Zuschauer eine Handvoll Tänzer und Schauspieler im Zusammenspiel mit einer Handvoll Geißen, Kitzen, Kälbern und Hühnern erleben. Tiere und Menschen haben dabei ihren eigenen Kopf.

Nach einiger Zeit bekommt das Thema "Sesshaftwerdung" eine religiöse Komponente in Gestalt der Alten Testamentsgeschichte von Abraham. Zur Erinnerung: Abraham bekommt in einem vertraulichen Gespräch die Aufforderung, seinen Sohn Isaak zu opfern. Er ist entsetzt, denkt sich aber, es wird wohl eine Prüfung seiner Loyalität sein, und willigt ein. Abraham und Isaak nehmen ein paar Tiere mit und gehen auf den Berg zur Opferstätte.

Man ahnt es: In Teil zwei der Aufführung gehen die Wanderer mit - und kommen via Funk-Ohrknöpfen wieder in den Genuss von Musik und Dialogen. Selbst wenn die Schauspieler etwas entfernt im Gelände agieren.

Termine: 26., 27. und 28. Juli, Beginn: wird noch bekannt gegeben
Dauer: ganztägig (Anstieg circa 850 Höhenmeter - wobei es einen Shuttleservice zur Hochalm gibt, Gehzeit circa 3 bis 4 Stunden),
Preis: 34 Euro
Weitere Informationen: www.gastein.com

Theaterwanderung im Krimmler Achental: "Ins gelobte Land"
Gottfried Perz/ SRT

Theaterwanderung im Krimmler Achental: "Ins gelobte Land"

Krimmler Achental, Österreich: "Ins gelobte Land"

Seit 2016 spüren die Schauspieler des "teatro caprile" mit einer Theaterwanderung dem Marsch von 5000 jüdischen Flüchtlingen über den Krimmler Tauern im Jahre 1947 nach. Die Zuschauer wandern zusammen mit den Akteuren entlang des alten Wasserfallweges zum Krimmler Tauernhaus und weiter zur Windbach-Alm. An Originalschauplätzen wird ein Stück weitgehend in Vergessenheit geratener Lokal- und Weltgeschichte in Erinnerung gerufen.

Da von Szene zu Szene zusehends Vergangenheit und Gegenwart sowie Spiel und Wirklichkeit verschmelzen, erleben die Theaterwanderer eine mitunter sehr berührende und nachdenklich stimmende Veranstaltung.

Termine: 21., 22., 23., 28. und 30. Juni, Beginn: 8.45 Uhr am Tourismusbüro Krimml Dauer: circa 6 Stunden (rund 600 Höhenmeter, Gehzeit 3,5 Stunden, Teilstrecken in Kleinbussen)
Preis: 35 Euro
Weitere Informationen: www.zillertalarena.com

srt



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Shiva25 21.06.2019
1. Gute Sache - Bravo!
Kunst und Natur zusammen haben großes Entspannungs- und Heilpotential. Deshalb haben ja Outdoor-Aufführungen so ein besonderes Flair. Wusste man schon früher, Goethe und auch Richard Wagner schwärmten von den Outdoorkonzerten im Leipziger Rosenthal. Die Antike verlagerte Theater ins Freie. Langsam sollten wir wieder vom teuren Event hin zur unmittelbaren Kunst kommen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.