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12. November 2013, 06:37 Uhr

Tischvergabe in Pariser Cafés

Nur die Schönen sitzen am Fenster

Sehen und gesehen werden, das dürfen in zwei Pariser Cafés angeblich nur schöne Menschen. Unattraktive bekommen laut ehemaligen Mitarbeiterinnen keinen Platz am Fenster oder auf der Terrasse. Der Betreiber wiegelt ab.

Schöne Gäste sind gut fürs Image - so denken angeblich die Chefs zweier Pariser Top-Cafés. Wie zwei ehemalige Mitarbeiterinnen vergangene Woche der französischen Zeitschrift "Le Canard Enchaîné" erzählten, gebe es im Georges und im Café Marly klare Regeln, welcher Gast wo sitzen darf. Entscheidend sei das Aussehen. Ihrem Bericht zufolge waren sie angewiesen, nur besonders schöne Menschen vorn im Lokal zu platzieren. Dort, wo Passanten sie sehen können und wo sie das Gesamtbild des Lokals aufhübschen.

Diese diskriminierenden Gepflogenheiten erregen in Frankreich zurzeit viel Aufmerksamkeit. Zeitungen wie "Le Figaro" und "Le Parisien" sowie das Wochenmagazin "Le Point" haben die Meldung aufgegriffen, auch bei Twitter macht sie die Runde.

Die Ex-Mitarbeiterinnen des Georges erzählten der französischen Nachrichtenagentur AFP, sie seien angewiesen worden, Gäste in zwei Gruppen aufzuteilen: in schöne und nicht so schöne Menschen. Wer dem Ideal nicht entspreche, würde hinten ins Restaurant geführt.

Das Georges liegt in der sechsten Etage des Centre Pompidou im Zentrum der französischen Hauptstadt. Wer das Kunst- und Kulturzentrum besucht, blickt durch Glaswände ins Restaurant und auf die vorderen Reihen der Gäste. Sei eine unattraktive Person darunter, müsse es sich schon um eine Berühmtheit handeln, hieß es. Wer am Fenster sitzt, speist mit Blick auf die Basilika Sacré Coeur oder den Eiffelturm.

Im Café Marly am Museum Louvre gelte die Terrasse explizit als "hässlichenfreie Zone". Wer anriefe, um einen Platz zu reservieren, höre erst mal Unverbindliches: "Wir tun unser Bestes, um Ihnen einen Tisch draußen zu geben. Aber wir können nichts versprechen." Ob der Gast auf die Terrasse dürfe, entscheide das Personal erst per Inaugenscheinnahme.

"Wie das Fenster einer Luxusboutique"

Das Georges zählt wie das Café Marly zur Gruppe Beaumarly, die diverse angesagte Top-Cafés und Restaurants in Paris führt. Beaumarly gehört den Brüdern Thierry und Gilbert Costes. Letzterer komme selbst ins Georges, um Angestellte zu instruieren: "Er ist sehr stolz auf diese Prinzipien, weil er sie selbst erfunden hat", erklärte eine der jungen Frauen. Mitarbeiter, die sich nicht an die Regeln hielten, würden heftige Rügen kassieren.

Die Beaumarly-Gruppe war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Gegenüber der Boulevardzeitung "Le Parisien" erklärte sie bereits: "Das ist eine verbreitete Kritik, die nicht die Platzierungspolitik der Costes-Lokale wiedergibt. Es bringt nichts, diese Affäre hochzuspielen."

Leserkommentare bei "Le Point" reichen von Zustimmung ("Wo ist das Problem?") bis zur Polemik: "Die Fenster des Restaurants L'Avenue an der Avenue Montaigne, das auch den Costes' gehört, gleichen den Schaufenstern der umliegenden Luxusboutiquen (…) - nur die Mannequins sind nicht aus Wachs."

bon/AFP

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