Tourismus in Trier Kasse machen mit Karl Marx

Trier ist eine Pilgerstätte für chinesische Touristen. Weil die Gäste aus Fernost als äußerst kaufkräftig gelten, lernen Triers Kaufleute jetzt Chinesisch.

Von Marc Hasse


Es ist ein großer Moment für Li Qing De, 60, Neurochirurg aus Shanghai. Sein Blick flackert, die linke Hand schwenkt hektisch eine Videokamera. Er steht vor dem Haus mit der Nummer 10, ein unauffälliger Bau mit grünen Fensterläden, eingezwängt zwischen Klaus Müllers "Hairschool" und dem "Rachid Grill". Am 5. Mai 1818 wurde hier Karl Marx geboren, der geistige Vater des Kommunismus. "Es ist sehr bewegend", sagt Herr Li, "Marx war ein großer Mann."

Um ihn herum schwirren die 37 anderen Mitglieder der chinesischen Reisegruppe. In den Tagen zuvor waren sie in Frankfurt, Köln, Amsterdam, Brüssel und Paris. Jetzt also Trier. Vom römischen Stadttor Porta Nigra aus sind sie im Eilschritt an Musikanten, Würstchenbuden und Boutiquen vorbeimarschiert. Halt am Dom: zwei Minuten. Halt am Drei-Königen-Haus: eine halbe Minute. Erst beim Marx-Haus steigt die Aufenthaltsdauer auf 13 Minuten.

In Trier ist man dankbar für das Marxsche Geburtshaus, schließlich hat die Pilgerstädte der Stadt einen Rekord beschert: 28.700 Chinesen haben 2004 in Deutschlands ältester Stadt übernachtet - 40 Prozent mehr als 2003. Nur wenige Großstädte wie Frankfurt, München und Hamburg sind noch häufiger Ziel der Gäste aus Fernost. An und für sich also ein toller Erfolg für Trier, nur das "die Chinesen bisher im Laufschritt zu Marx geeilt sind, ohne nach links und rechts zu gucken", sagt Patricia Ellendt von der Tourist-Information.

Nicht nur die Boutiquen, auch Restaurants und Weinstuben würden kaum beachtet. Weil "der Chinese nur seine Küche gewöhnt ist", gehe er lieber auf Nummer sicher und speise beim Chinesen, statt auch mal heimische Spezialitäten zu kosten, wie das in Riesling-Marinade eingelegte, über Rebholz gegrillte Winzersteak.

Dabei gelten die Gäste aus Fernost als äußerst kaufkräftig. Seit 1999 hat sich der Einkaufsumsatz durch chinesische Touristen in Deutschland fast vervierfacht. Deshalb haben Triers Kaufleute und Gastronomen jetzt eine groß angelegte China-Offensive gestartet. Erste Maßnahme: ein Chinesisch-Kurs. In zehn Doppelstunden sollen Augenoptiker, Juweliere und Kellner lernen, wie man die Chinesen richtig begrüßt und ihnen die Preise nennt.

Nach Geschäftsschluss werden in Raum 108 der Volkshochschule Sätze wie dieser geübt: Māma mà mă. Das bedeutet "Die Mutter beschimpft das Pferd". Nicht, dass dieser Satz häufig gebraucht würde in China, doch für die Chinesisch-Anfänger eignet er sich bestens, um eine Besonderheit der Sprache zu üben - "die vier Töne".

Auch Besonderheiten der noch fremden Kultur stehen auf dem Lehrplan. Aus dem Regelwerk: Man soll den Gästen nicht die Hand schütteln und sich in ihrer Gegenwart nicht die Nase schnäuzen. Visitenkarten sind mit beiden Händen zu überreichen. Und: Vorsicht bitte mit bestimmten Zahlen! "Vier" (sì) hört sich für Chinesen nämlich so ähnlich an wie "sterben" (sĭ). Was werden die Chinesen wohl kaufen in Trier, wenn sie eine Vier auf den Preisschildern finden?

Anspruchsvolle Konversation wird nach zehn Doppelstunden eher nicht möglich sein. Dass Ganze habe mehr symbolische Bedeutung, sagt Lehrerin Chang Tsun-Hwa: "Gastfreundlichkeit spielt eine große Rolle für Chinesen. Wenn die Deutschen ihre Sprache sprechen, fühlen Chinesen sich geehrt."

Initiiert hat den Sprachkurs die City-Initiative-Trier, ein Zusammenschluss von 170 Geschäften und Gastrobetrieben. Der Vorsitzende Hans Schlechtriemen bekommt glänzende Augen, wenn er über die Zukunft sinniert: "70 bis 80 Millionen Chinesen" würden nach Prognosen in den nächsten Jahren ins Ausland reisen, Trier sei in China wegen Marx "die bekannteste deutsche Stadt", ein weiterer Anstieg der Besucherzahlen sei deshalb zu erwarten.

Mit dem Sprachkurs allein sei es aber nicht getan, um die Touristen in die Geschäfte zu locken. Deshalb sollen die Chinesen demnächst schon bei ihrer Ankunft im Bus einen Einkaufsführer vorfinden, der auf 32 Seiten Geschäfte und Restaurants in Trier anpreist. Damit die Shopping-Tempel nicht übersehen werden, kleben bereits jetzt an 80 Ladentüren leuchtend rote Aufkleber mit goldener Schrift. Auf Chinesisch steht da: "Herzlich willkommen. Viel Spaß bei Ihrem Einkauf."

Mancher Kaufmann ist skeptisch, ob all diese Maßnahmen die Chinesen zu verstärkten Einkäufen anregen. "Die Chinesen sind inzwischen sehr preisbewusst, die versuchen sogar zu handeln", hat Michael Müller, Inhaber von Triers größtem Herrenaustatter "Zur Blauen Hand", beobachtet. Die Käufe der Chinesen hielten sich bei ihnen noch "in einem sehr überschaubaren Rahmen". Doch Müller sagt auch: "Wenn die etwas kaufen, zum Beispiel Polohemden, dann aber direkt 20 Stück."

Li Qing De ist mit seiner Reisegruppe nach Heidelberg weitergedüst. Vorher haben alle noch schnell eingekauft. Die Bilanz: ein Sakko (80 Euro), eine Jeans (60 Euro), eine Swatch (200 Euro), außerdem Parfum (30 Euro), Schokolade (5 Euro) und zwei Regenschirme (20 Euro) - macht zusammen 395 Euro. Marx würde sich im Grabe umdrehen.



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