Tourismus-Krise in Griechenland "Das ist demütigend!"

Straßenschlachten in Athen, Imageschaden durch den Staatsbankrott: Die Wirtschaftskrise könnte in Griechenland auch für den Tourismus zur Katastrophe werden. Denn obwohl die Preise derzeit günstig wie schon lange nicht sind, schreckt die Situation im Land Urlauber ab.

AP

Athen - Ausschreitungen mit Toten, brennende Banken und wütende Proteste von Gewerkschaftern auf der Akropolis: Die Demonstrationen gegen das Sparpaket der griechischen Regierung in Athen eskalieren. Touristen dürften die Hauptstadt derzeit meiden - wenn sie Griechenland angesichts weiterer Generalstreiks überhaupt erreichen. Diese Situation macht den Tourismusverantwortlichen in dem hoch verschuldeten südosteuropäischen Land Sorgen, denn sie hatten nach dem Wirtschaftskrisen-Jahr 2009 für diesen Sommer auf eine Erholung gehofft.

"Erst der Streik im Hafen von Piräus, jetzt die kommunistische Demonstration in der Akropolis. Die Griechen sind dabei, sich selbst zu geißeln", sagt der Vorsitzende des Verbandes der griechischen Tourismusunternehmen, Giorgos Drakopoulos, noch vor den ersten Nachrichten über Tote bei den Protesten am Mittwoch in Athen. Er habe nicht einmal Zeit, sich über die Buchungszahlen Gedanken zu machen: "Ich bin zu sehr beschäftigt, mich darum zu kümmern, dass das Bild des Landes nicht in den Dreck gezogen wird."

Die Buchungszahlen aus wichtigen Herkunftsländern der Griechenland-Touristen - darunter auch Deutschland - bis Ende der Sommersaison im Oktober liegen zur Zeit vier bis acht Prozent unter dem Vorjahr, wie der Vorsitzende des griechischen Reiseverbandes, Jannis Evangelou, sagt. Und dabei liefen die Geschäfte 2009 aufgrund der Wirtschaftskrise bereits vergleichsweise schlecht, die Zahl der Griechenland-Touristen sank deutlich um 6,4 Prozent. Weitere gewaltsame Ausschreitungen könnten die Zahlen jedoch nun noch weiter sinken lassen.

Proteste verängstigen Reisende

Immerhin kämen dieses Jahr mehr Besucher aus Russland und den USA nach Griechenland, sagt Evangelou. Doch auch der Reiseverbandschef gibt zu bedenken, "das Land in die Pleite gehen zu sehen und die wiederholten Proteste in der Hauptstadt - das ermutigt die Urlauber nicht gerade". Zum Beweis verweist er auf die Buchungszahlen deutscher Touristen in der Türkei, traditionell politischer wie touristischer Rivale seines Landes: Dort stiegen die Buchungen aus Deutschland deutlich um zwölf Prozent an.

Dem Reiseveranstalter TUI zufolge zieht es dieses Jahr vor allem Familien weniger nach Griechenland, dafür würden aber mehr junge Menschen in das Land reisen. Auch der Deutsche Reiseverband (DRV) sieht bislang "keine Anzeichen, dass die Deutschen dieses Jahr Griechenland meiden wollen", wie eine Sprecherin sagte. Das Land gehöre weiterhin zu den Top-Ten-Zielen der Deutschen.

Nach Ansicht eines Experten dürfen Reisende nach Athen derzeit ihren Reisevertrag kostenlos kündigen. Wegen der "bürgerkriegsähnlichen Zustände" in der griechischen Hauptstadt am Mittwoch bestehe für solche Urlauber momentan ein außerordentliches Kündigungsrecht, erklärte der Reiserechtler Paul Degott aus Hannover am Donnerstag. Dies gelte allerdings nur für Touren, die über Reiseveranstalter gebucht wurden, ausschließlich in den Großraum Athen führen und in Kürze beginnen. Sobald sich die Lage wieder beruhigt hat, entfalle auch die außerordentliche Kündigungsmöglichkeit wieder, erläuterte Degott.

Die derzeitige Situation in Athen sei vergleichbar mit den Unruhen vor einigen Tagen in Bangkok, erklärte der Experte. Für Reiseziele außerhalb der griechischen Hauptstadt bestehe damit kein Recht auf einen Rücktritt vom Reisevertrag. Außerdem seien Individualreisende mit einer Athen-Buchung in einer schlechteren Situation als die Veranstaltergäste: Sie müssten beim Versuch eines Stornos darauf hoffen, dass sich zum Beispiel der Hotelier kulant verhält.

Das Auswärtige Amt in Berlin rät in seinem aktualisierten Sicherheitshinweis zu Griechenland, "sich in den Medien sowie bei ihren Gastgebern über die aktuelle Lage zu unterrichten und Demonstrationen weiträumig zu meiden". Die Mehrzahl der deutschen Griechenland-Urlauber plant jedoch sowieso keinen längeren Aufenthalt in Athen, wie Daten des DRV belegen. "Von den Demonstrationen, die sich vor allem auf die Großstädte konzentrieren, bekommen deutsche Urlauber daher oft gar nichts mit. Die griechischen Urlaubsreiseziele sind davon nicht betroffen", sagte DRV-Präsident Klaus Laepple.

Alljährlich reisen rund 2,3 Millionen Bundesbürger - vor allem im Sommer - nach Griechenland. "Würden die Deutschen jetzt auf ihren Griechenland-Urlaub verzichten, hätte das fatale Auswirkungen auf einen der zentralen Wirtschaftszweige Griechenlands und könnte viele im Tourismus Beschäftigte ihren Job kosten. Damit wäre keinem geholfen", sagte Laepple.

Viele Arbeitsplätze im Tourismus

Tatsächlich könnte ein Wegbleiben der Touristen gravierende Folgen für den südosteuropäischen Staat haben. Denn in Griechenland steht der Tourismus-Sektor für über 17 Prozent der Wirtschaftsleistung, fast ein Viertel der Arbeitsplätze hängt direkt oder indirekt von der Branche ab, wie aus Zahlen der Stiftung für Wirtschafts- und Industrieforschung (IOBE) hervorgeht. Etwa 850.000 Griechen arbeiten im Tourismus. Die Sparmaßnahmen der Regierung lassen zudem befürchten, dass die Griechen selbst ihr Urlaubsbudget zusammenstreichen - dabei stehen sie für fast ein Viertel der gebuchten Hotelübernachtungen im eigenen Land.

Die Regierung allerdings zeigt sich bislang offiziell gelassen: "Griechenland ist immer noch genauso schön und gastlich", gibt das Tourismusministerium in Athen als Parole aus. Zudem werde Griechenland angesichts der Sparmaßnahmen und der damit voraussichtlich sogar sinkenden Lebenshaltungskosten als Urlaubsziel sogar günstiger.

Gerade das aber stößt den Betroffenen auf: "Das ist demütigend", sagt Reiseverbandschef Evangelou. "Gerade in dem Moment, wo wir damit begannen, Reisende eher mit der Qualität unserer Leistungen als mit dem günstigen Preis anzuziehen, müssen wir wieder alles tun, um unsere Zimmer zu füllen."

Francesco Fontemaggi, AFP/dpa



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Seite 1
kdshp 04.05.2010
1.
Zitat von sysopNach der Krise ist vor der Krise: In ganz Europa hat die Debatte darüber begonnen, wie die Eurozone künftige Staatspleiten effektiver bekämpfen kann. Muss Europa sich ändern?
Hallo, wir brauchen endlich eine EU regierung die auch macht hat. Gleichzeitig sollten wir die nationalen regierungen abbauen.
grauer kater 04.05.2010
2.
Zitat von sysopNach der Krise ist vor der Krise: In ganz Europa hat die Debatte darüber begonnen, wie die Eurozone künftige Staatspleiten effektiver bekämpfen kann. Muss Europa sich ändern?
Wir brauchen die politische Union Europa mit einheitlicher Wirtschafts-, Finanz-, Steuer- und Abgabenpolitik, mit proportionaler Standortverteilung der Produktion auf die jeweils geeigneten Standorte mit den besten Produktionsbedingungen, soziale Anpassungen und einheitlicher Außenpolitik. Wir brauchen ein energisches Handeln der EZB zur Geldwertstabilität! Die EU braucht einen Regierungschef mit demokratischer Legitimation, eine gewählte Regierung und ein Parlament, das die Souveränität der Mitgliedsstaaten und Europas insgesamt ausübt! Der Lissabon-Vertrag wird den Anforderungen der Zeit an die weitere Integration Europas in keiner Weise gerecht! Europa muss seine Interessen geschlossen vertreten und durchsetzen!
rhawik 04.05.2010
3.
Das Thema Griechenland-Krise, Euro und Europäische Union ist viel zu komplex. Was für eine Frage, ob Europa sich ändern muss ? Selbstverständlich. Alle und jeder muss sich ändern ! Die Pleite-Serien in Europa werden sich fortsetzen. Portugal, Irland und Spanien werden wohl folgen. Ungarn war doch kürzlich auch Pleite. Von Ungarn spricht im Moment kein Mensch mehr.
grauer kater 04.05.2010
4.
Zitat von sysopNach der Krise ist vor der Krise: In ganz Europa hat die Debatte darüber begonnen, wie die Eurozone künftige Staatspleiten effektiver bekämpfen kann. Muss Europa sich ändern?
Wir brauchen die politische Union Europa mit einheitlicher Wirtschafts-, Finanz-, Steuer- und Abgabenpolitik, mit proportionaler Standortverteilung der Produktion auf die jeweils geeigneten Standorte mit den besten Produktionsbedingungen, soziale Anpassungen und einheitlicher Außenpolitik. Wir brauchen ein energisches Handeln der EZB zur Geldwertstabilität! Die EU braucht einen Regierungschef mit demokratischer Legitimation, eine gewählte Regierung und ein Parlament, das die Souveränität der Mitgliedsstaaten und Europas insgesamt ausübt! Der Lissabon-Vertrag wird den Anforderungen der Zeit an die weitere Integration Europas in keiner Weise gerecht! Europa muss seine Interessen geschlossen vertreten und durchsetzen!
Monsieur Rainer 04.05.2010
5. Besser hätte ich es auch nicht schreiben können !
Zitat von grauer katerWir brauchen die politische Union Europa mit einheitlicher Wirtschafts-, Finanz-, Steuer- und Abgabenpolitik, mit proportionaler Standortverteilung der Produktion auf die jeweils geeigneten Standorte mit den besten Produktionsbedingungen, soziale Anpassungen und einheitlicher Außenpolitik. Wir brauchen ein energisches Handeln der EZB zur Geldwertstabilität! Die EU braucht einen Regierungschef mit demokratischer Legitimation, eine gewählte Regierung und ein Parlament, das die Souveränität der Mitgliedsstaaten und Europas insgesamt ausübt! Der Lissabon-Vertrag wird den Anforderungen der Zeit an die weitere Integration Europas in keiner Weise gerecht! Europa muss seine Interessen geschlossen vertreten und durchsetzen!
Verehrter Forist, Sie haben all das ausgedrückt, was mir gerade aus auf der Zunge lag. Wir brauchen die Vereinigten Staaten von Europa mit nationalen Gouverneuren und einer demoktaisch legitimierten Europa-Regierung. Der Präsident der EU muss vom Volk gewählt werden, die Kommissare sind von ihm zu bestellen und vom EU - Parlament bestätigt werden. Die EU-Abgeordneten werden vom Volk im Direktmandat gewählt und zwar ohne Listenplätze der Parteien. Den Rest haben Sie schon beschrieben, denn das ist dann die Conclusio!
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