Trysil in Norwegen Wolf an der Loipe

Ola Matsson / skistar.com

Von Johanna Stöckl


Weniger ist oft mehr. Trysil, das größte Skigebiet Norwegens, hat nur 32 Lifte - dafür aber viel Platz auf den Pisten. Die SPIEGEL-ONLINE-Pisten-Bloggerin gerät ins Schwärmen.


Ich fahre Ski wie eine Wahnsinnige.
Rauf, runter, rauf, runter.
Es ist mehr als ein Vergnügen. Das ist ein Rausch auf Ski!

Wie es mich nach Trysil, zwei knappe Autostunden nordöstlich von Oslo in der Provinz Hedmark, verschlagen konnte? Ganz profan war es das Wappen der Gemeinde, auf dem sich vor blauem Hintergrund zwei weiße Skistöcke abheben. Das Fleckchen Erde im Grenzgebiet zu Schweden hatte mit dieser Botschaft mein ganzes Interesse geweckt. Zwei Skistöcke als Logo - da musste ich hin!

Und ich, die ich in einem Alpen-Skigebiet geboren wurde und jedes Jahr wochenlang auf Ski stehe, lernte hier hoch im Norden vieles schätzen. Den Schnee! Die Leere auf den Pisten! Das Essen!

Gleich am Abend des Ankunftstags zum Beispiel wird mir im Hotel vor dem gegrillten Lachs eine kleine Pizza serviert. Sie ist mit hauchdünn geschnittenem Elchfleisch, Tomaten, Ziegenkäse und reichlich Rucola belegt. Dieses Menü macht mich glücklich, muss ich mich doch in Skigebieten oft mit Spaghetti Bolognese, Wiener Schnitzel oder sogar mit Grillwürstchen und Pommes zufrieden geben.

Am nächsten Morgen zeigt ein Blick aus dem Fenster: Es stürmt und schneit. Was den Schneenachschub betrifft, ist Norwegen gesegnet: Zwischen den Fjorden der Westküste und dem Landesinneren bauen sich in den Wintermonaten permanente Fronten auf, die sich mit reichlich Niederschlag an den Wetterscheiden entladen.

Im Lift lerne ich Runa Eggen kennen. Sie strahlt mich an, als würde gerade die Sonne scheinen. Die 44-jährige Norwegerin hat heute schon 30 Kilometer auf Langlaufski abgespult. Jetzt fährt sie zwei, drei Stunden Ski, denn heute ist ihr freier Tag. Wie viele Norweger ist sie als Friluftsliv-Fanatiker bei Wind und Wetter draußen. Mir hingegen ist gerade kalt. Mein aus den Alpen komfortverwöhnter Hintern hat in beheizten Sesselbahnen wohl schon vergessen, wie sich eine Fahrt in einem langen Schlepper anfühlt.

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Skilaufen in Trysil: Norwegen, ich mag dich

32 Lifte gibt es in Trysil, dem immerhin größten Skigebiet Norwegens. Im Vergleich zu großen Skischaukeln in den Alpen ist das nicht viel. Meine Interpretation von Schneevergnügen aber hat sich längst gewandelt - ein genialer Skitag misst sich nicht an möglichen Pistenkilometern. Hier erfahre ich einmal mehr, was freie Fahrt bedeutet: an den Liften ebenso wie auf der Piste.

Auf dem 1132 Meter hohen Trysilfjellet, der von drei Seiten aus erschlossen ist, erlauben mir menschenleere Pisten ein rasantes Tempo. Wie oft stehe ich in den Alpen in einer Warteschlange oder werde später auf der Abfahrt ausgebremst? Wie großartig es sich dagegen fühlt, so viel Platz zu haben! Und da beginnt mein Rausch.

Apropos Rausch - Après Ski und Schirmbar-Rambazamba sind mir ja suspekt. Einer Party in schweren Skischuhen kann ich nichts abgewinnen. Betrunkene Skifahrer auf der Piste? Da hört die Gaudi bei mir auf. In Norwegen jedoch wird Alkohol auf Hütten gar nicht erst ausgeschenkt. Und wenn zufällig doch, ist Hochprozentiges dann derart teuer, dass man es zwangläufig bei einem Glas belassen muss.

Trysil punktet also schon mal in punkto Pistenleere und Abstinenz - doch auch mit der Qualität seines Schnees, der hier noch in seiner Urform vom Himmel rieselt und nicht aus Schneekanonen gepustet wird. So ein organisch gewachsener Schneeteppich ist eine feine Sache. Darauf fährt es sich einfach leichter, mit weniger Kantendruck, entspannter.

Wie es sich für Skandinavien gehört, klingen meine Skitage klassisch in der Sauna aus. Im Ortzentrum fällt mir die Bronzestatue von "Trysil Knut" auf. Gestützt auf einen Stock trägt er Ski auf seinem Rücken. Eben dieser Knut soll der Legende nach 1780 das Skifahren hier "erfunden" haben, erzählt mir später der Historiker Roar Vingelsgaard im Skimuseum. Trysil versteht und vermarktet sich daher heute als Wiege des Skisports. Verstehe: Daher also die zwei Skistöcke im Wappen.

Einmal tausche ich Piste gegen Loipe und lasse mich von Anita Moen in Langlauftechnik schulen. Die dreifache olympische Silbermedaillengewinnerin betreibt in Trysil eine Skischule. Um der 49-Jährigen folgen zu können, muss ich alles geben. Während wir im Affenzahn durch den Wald skaten, erzählt Anita von tierischen Begegnungen auf der Loipe. Regelmäßig trifft sie dort auf Elche, Luchse, Füchse oder Rentiere. Kürzlich hätte sie am frühen Morgen sogar einen Wolf gesichtet.

Ein Wolf an der Loipe? Ach, Norwegen, ich mag dich.

Zur Person
  • privat
    Johanna Stöckl, 51, ist in Leogang, einem Skigebiet im Salzburger Land, mehr oder weniger auf zwei Brettern geboren. Die Helden ihrer Kindheit: Franz Klammer, Ingemar Stenmark und Alberto Tomba. Heute würde die freie Autorin für einen Skitag mit Aksel Lund Svindal oder Kjetil Jansrud alles stehen und liegen lassen. Beruflich hat es die gebürtige Österreicherin nach München verschlagen.

    Im Pisten-Blog erzählt Stöckl von dem Genuss der frühen Abfahrt, philosophiert über den Charme von Mikroskigebieten und testet Produktneuheiten.
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12 Leserkommentare
tom_schulze-helmke 23.12.2016
SMCQ 23.12.2016
caroline.weysenhoff 23.12.2016
Celegorm 23.12.2016
dweik01 23.12.2016
Celegorm 23.12.2016
indepen 24.12.2016
k70-ingo 24.12.2016
himmit1 24.12.2016
adal_ 24.12.2016
dibbi 24.12.2016
mazzmazz 26.12.2016

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