Tübingen Selber stochern im Neckar

Sie haben noch kein Stocherkahndiplom? In Tübingen wird Ihnen geholfen. Touristen können hier für 26,50 Euro lernen, die gutmütigen Holzkähne mit langen Stangen über den Neckar zu bugsieren.


Hölderlintum: Der Dichter Friedrich Hölderlin lebte hier 36 Jahre und starb 1843
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Tübingen - Zu hören ist er nicht: kein Gurgeln, kein Rauschen, kein Plätschern. Der Neckar ist ein Flüsschen von ruhiger Beschaulichkeit, und das passt auch gut zu Tübingen, durch das er fließt. Die schwäbische Universitätsstadt mit wenig mehr als 80.000 Einwohnern steht nicht im Verdacht, sich jemals zur hektischen Großstadt entwickeln zu wollen. Trotzdem oder gerade deswegen kommen Touristen aus aller Welt. Von den ausländischen Besuchern sind es vor allem US-Amerikaner, die sich für Tübingen begeistern, "aber auch Franzosen, Italiener, Niederländer und Japaner", erzählt Barbara Honner vom örtlichen Verkehrsverein.

Die Altstadt sieht ein bisschen so aus, als sei sie eigens für Touristen konzipiert worden: Die Sehenswürdigkeiten liegen nah beieinander, und die Kombination aus Neckarbrücke, Schloss und Hölderlinturm ist genau das, was nicht nur Japaner als romantisch empfinden. "Das meist fotografierte Motiv der Stadt ist die Neckarfront", sagt Honner und meint damit die alten, hübschen Häuser entlang des Zwingel, wie der kleine Pfad unmittelbar über dem Ufer des Flusses genannt wird.

Die meisten Besucher zieht es von der Neckarbrücke gleich in die Altstadt. Meeresgott Neptun thront auf dem Marktplatz, den Dreizack in den Himmel reckend, auf dem Brunnen vor dem Rathaus. Davon völlig unbeeindruckt sitzen an den Tischen des Cafés in seinem Rücken fast immer Tübinger und Besucher der Stadt bei Cappuccino, Weinschorle und Bier - mit Blick auf die Bürgerhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die den Markplatz einschließen.

Tübinger Rathaus: 2,5 Millionen Tagesbesucher zählt die Stadt jährlich
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Für die ultimative Art, sich Tübingen anzunähern, müssen Besucher aber wieder zum Neckar zurück: Nicht weit vom Hölderlinturm entfernt liegt am Ufer ein halbes Dutzend Kähne nebeneinander, Wasserfahrzeuge urtümlicher Bauart, flach, ohne Kiel und nicht leicht zu handhaben. Das liegt schon daran, dass sie nicht gepaddelt oder gerudert werden wie vergleichbare Boote andernorts, sondern gestochert. Im Heck stehend, stakt der Stocherkahnfahrer stehend wie ein Gondoliere mit einem Stab auf den Neckargrund und treibt das Boot damit vorwärts.

Gerade am Wochenende ist an der Anlegestelle einiges los: Manchmal klettern ganze Gruppen gesetzter, wenn nicht sogar beleibter Männer mit bunten Bändern und modisch etwas antiquiert wirkenden Mützen in die Kähne - "alte Herren" studentischer Verbindungen krönen ihr "Stiftungsfest" gern mit einer Kahnfahrt. Das Stochern ist traditionell mit dem Verbindungswesen verbunden. Lange Zeit war es sogar ein Privileg der "Farben tragenden" Studenten.

Mittlerweile lassen sich die Kahnfahrten beim Verkehrsverein an der Neckarbrücke buchen. Und wer möchte, kann sogar selbst stochern lernen und ein "Stocherkahndiplom" erwerben, das zugegebenermaßen außerhalb von Tübingen kaum von Nutzen sein dürfte.

Stochern ist schwieriger, als es aussieht: "Manche lernen's nie", sagt Matthias Leyk. Im T-Shirt und mit kurzen Hosen steht er im Heck des Kahns und hält die Holzstange fest in den Händen. Kräftig stößt Leyk ab, und schon bewegt sich der Kahn in Richtung Flussmitte. Nur Augenblicke später gleitet er - nur hin und wieder schaukelnd - an der rund einen Kilometer langen Neckarinsel entlang übers Wasser.

"Bei der Stange bleiben" hat für Stocherer eine ganz buchstäbliche Bedeutung: Wer sie loslässt, muss ihr ins Wasser hinterher springen. So leicht passiert das nicht, aber bei gutem Wetter kann es auf dem Neckar schon einmal eng werden. "Am schlimmsten sind die Ruderboote", klagt Leyk. "Da kracht es dann schon mal."

Es "krachen zu lassen", ist beim jährlichen Stocherkahnrennen im Juni wenn nicht erwünscht, so doch zumindest erlaubt. Rund 10.000 Fans des Rennens kommen dann, wenn die gut 40 Teams um die Ehre kämpfen, als schnellste gestochert zu haben - und das zählt in Tübingen so viel wie für andere ein Grand-Prix-Sieg in der Formel 1.

Stocherkahnfahren vor der Neckarfront: Schwieriger, als es aussieht
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Leyk ist regelmäßig mit von der Partie. Üblicherweise aber fährt er mit seinen Passagieren gemächlich um die Neckarinsel herum, vorbei an Verbindungshäusern, dem Seufzerwäldchen und der "schlauen Meile" an der Uhlandstraße mit drei Gymnasien in unmittelbarer Nähe. Tübingen legt Wert auf Bildung: Die Universität ist eine der ältesten Deutschlands, an den 15 Fakultäten mit mehr als 80 Studiengängen sind gut 20.000 Studenten eingeschrieben. Matthias Leyk hat das Stochern in seiner Uni-Zeit gelernt und kann daher einiges über Studenten, Burschenschaften und Stocherkahnfahrer erzählen. Seine Passagiere brauchen derweil nichts zu tun, als sich entspannt zurückzulehnen.

Von Andreas Heimann, gms



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