Türkische Skigebiete Heizen auf dem Heiligen Berg

Der Sessellift surrt, orientalische Klänge untermalen die Geräuschkulisse: Die Türkei will in Sachen Skitourismus den alpinen Regionen Konkurrenz machen. Bisher bleiben die türkischen Wintersportler am Uludag und in Kartalkaya eher unter sich.


Der blendend weiße Schnee knirscht verheißungsvoll unter den Brettern. Vertraut surrt der Sessellift. Aus der Höhe schweift der Blick über verschneite Gipfel und Pisten, auf denen Skiläufer und Snowboarder ihre Kurven ziehen. Gleich daneben liegen ein verschneiter Wald und Hütten. Diese Szene aus dem winterlichen Nationalpark Uludag im Westen der Türkei unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht sehr von den Alpen - wenn der Bergwind nicht orientalische Musik aus einem Lautsprecher herübertragen würde. Und statt Jagertee gibt es hier Cay und Raki.

Trotz der Schönheit der winterlichen Bergwelt zieht es nur ganz wenige ausländische Touristen in die türkischen Wintersportgebiete. Russen und einige Niederländer haben den Weg auf den Uludag gefunden. Drei Stunden Autofahrt und eine kurze Fährpassage liegen hinter den Gästen, die aus dem etwa 190 Kilometer entfernten Istanbul anreisen. Nur etwa zehn Prozent der Touristen kommen aus dem Ausland, sagen Hotelbesitzer. Auf dem Uludag steigen vor allem Türken aus Istanbul für Wochenendtouren auf die Bretter.

In modernen Geländewagen oder mit Schneeketten haben sie die kurvige Bergstraße erklommen, die von einer festgefahrenen Schneedecke bedeckt ist. Alle paar Kilometer haben Bauern ihre Traktoren in Stellung gebracht, um Ausflügler nach Unfällen aus dem Straßengraben zu ziehen. Noch lieber aber verkaufen sie in Haltebuchten einen Satz Schneeketten. Gestikulierend bieten sie die dringend benötigte Winterausrüstung an.

Der 2500 Meter hohe Uludag ("Heiliger Berg") ist ein erloschener Vulkan. In der griechischen Mythologie ist er als Olympos Misios bekannt. Die Skisaison beginnt hier im Dezember und geht bis zum April, wenn nicht frühes Tauwetter einsetzt. 16 Lifte bringen die Gäste bis auf 2200 Meter Höhe. "Uludag steht ganz oben auf der Liste der türkischen Skigebiete", sagt Serdar Özger, der 33-jährige Trainer der türkischen Snowboard-Nationalmannschaft und den Wintersportfans seines Landes besser bekannt unter seinem Spitznamen "Carlos".

Hoteleigene Lifte

In den Jahren 1998, 1999 und 2000 war Serdar Özger selbst nationaler Champion. Sein Land müsse in der Infrastruktur noch viel investieren, um auf internationales Niveau zu kommen, sagt er. Vor allem die Liftanlagen sind ein Problem. In der Türkei gehören sie traditionell zu einem Hotel und werden vor allem den eigenen Gästen zur Verfügung gestellt. Andere Skifahrer müssen sich jeweils für einzelne Lifte Karten besorgen, was bei Preisen von rund 25 Euro schnell ein teurer Spaß werden kann - für den man nicht überall mit Kreditkarte bezahlen kann. Einige Hotels nehmen nur Bargeld.

Streng genommen gibt es in der Türkei keine Wintersportorte, sondern Ski-Hotels mit eigener Infrastruktur. "Seit zehn Jahren versuchen wir, ein System für einen gemeinsamen Skipass zu schaffen, mit dem im ganzen Gebiet gefahren werden kann. Aber es läuft den Interessen einiger Hotelchefs zuwider", sagt Kutlu Yurtsever, Juniorchef eines Hotels auf dem Uludag. Außerdem habe die Türkei international noch kein Image für den Wintersport: "Vor zwölf Jahren ging ich nach England. Da wurde ich noch gefragt, ob ich wohl ein Kamel habe. Die Menschen denken bei der Türkei nicht an Schnee."

Dabei sind die meisten türkischen Gebiete schneesicher. Eine Schneekanone ist auf dem Uludag vorhanden, aber seit vier Jahren nicht mehr benutzt worden. "Das Skigebiet Uludag ist zehnmal größer als das von Innsbruck. Aber wir nutzen hier nur fünf Prozent", sagt Yurtsever. "Dabei könnten wir hier eine acht Kilometer lange Piste erschließen."

Deutsche Touristen sind Exoten

Ein anderes Skigebiet ist Kartalkaya. Etwa vier Stunden Fahrzeit sind es von Istanbul aus, eine Stunde weniger aus der Hauptstadt Ankara. Fast 30 Kilometer schlängelt sich am Ende die Bergstraße durch verschneite Nadelwälder. Die Straße passiert einige Weiler und Gasthöfe. Auf dem Berg erwarten den Touristen in 2000 Metern Höhe drei Hotels, die mit "Skilaufen ohne Schlangestehen" werben.

Zumindest während der Woche können die Hotels dieses Versprechen auch einlösen, denn auch hier reisen vor allem Türken aus den großen Städten für das Wochenende an. Die Pisten sind nicht besonders anspruchsvoll. Ambitionierte Skifahrer könnten bald gelangweilt sein. Für Familien, die ohne viel Gedränge abfahren möchten, sind sie aber optimal. Touristen aus Deutschland sind auf dem Berg Exoten. "Deutsche kommen nur ganz selten her. Und dann sind es meist Leute, die Familienbeziehungen in die Türkei haben", sagt ein Skilehrer.

Obwohl die Geografie auch herrliche Langlaufloipen möglich machen würde, ist die nordische Wintersportart in der Türkei nicht verbreitet. Auch Rodler werden auf den Pisten schnell verscheucht. "Der türkische Skiläufer will bequem auf den Berg und rasant runter", sagt der Skilehrer und lacht. "Für alles andere ist er zu faul."

Von Carsten Hoffmann, dpa



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