Tuifl-Lauf im Stubaital Jagd der Höllenfürsten

Das Stubaital hat die Nacht der Teufel gefeiert. Beim Tuifl-Lauf versammeln sich schaurig maskierte Krampusse und treiben ihr Unwesen in den Dörfern. Und wenn etwas zu Bruch geht? Dann ist das schuldige Monster über eine moderne Plakette im Fell zu identifizieren.

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Im Stubaital tragen die Teufel handgeschnitzte Masken aus Linden- oder Zirbenholz - und sind im Auftrag des Nikolaus unterwegs. Statt Schuhe mit Süßigkeiten zu füllen, verbreiten sie am Abend des 5. Dezember Angst und Schrecken bei Jung und Alt.

Zentrum dieses wilden Brauchtums sind die ansonsten idyllischen Dörfer Fulpmes, Mieders, Neustift, Telfes und Schönberg. Dort versammeln sich bereits seit Generationen die schaurig maskierten Krampusse, die sogenannten Tuifl (Teufel) und ziehen durch die düsteren Gassen. Verziert sind ihre Masken mit Hörnern vom Widder, Ziegen- oder Steinbock. Sogar Hörner von afrikanischen Oryx- oder Kudu-Antilopen werden verwendet.

Diese "Larven" werden noch mal dämonisiert: Raubtierzähne, Moose und Flechten, Theaterblut und Glasaugen machen aus den Schnitzereien horrorfilmtaugliche Fratzen. Ein Anblick, bei dem es nicht nur Kindern eiskalt den Rücken hinunterläuft. Dazu tragen die Höllenfürsten zottelige Kostüme aus Schafspelzen oder Ziegenfellen. Riesige Kuhglocken baumeln an dicken Lederriemen und sorgen schrecklich lärmend für zusätzliche Gänsehaut.

Für die Einheimischen ist es Ehrensache, als Tuifl mitzulaufen. Auch wenn die Sache nicht ganz billig ist. Michael Span, der stellvertretende Obmann der Neustifter Tuifl, sagt: "Ein maßgeschneiderter Fellanzug ist nicht unter 700 Euro zu bekommen, und bei den Masken geht es auch erst um die 500 Euro los." Tuifl-Sein ist also kein günstiger Spaß. "Trotzdem haben wir keine Nachwuchssorgen. Wir haben sogar eine Mini-Tuifl-Truppe mit Fünf- bis Siebenjährigen und eine Jungtuifl-Mannschaft."

Vertreiben der bösen Wintergeister

Natürlich darf auch eine Rute nicht fehlen. "Die Krampusrute ist ein Fruchtbarkeitssymbol", sagt der Innsbrucker Uni-Rektor Karlheinz Töchterle. Ursprünglich wurde sie aus Birkenzweigen hergestellt und mit einem roten Schnürband gebunden. So symbolisiert die Birke das wieder beginnende Leben - Birken tragen schon in den Wintermonaten Knospen. Und das rote Band steht für das Blut, das ein Streif mit der Rute durchaus spritzen lassen kann. Gelobt sei also, was hart macht.

Ursprünglich war das Krampus-Brauchtum im gesamten Habsburger Reich beheimatet. Eine Zäsur erfuhr das herbe Treiben allerdings zu Zeiten der Inquisition. Kein Lebender sollte sich als leibhaftiger Teufel verkleiden. Und obwohl darauf die Todesstrafe stand, zelebrierten die Burschen in den entlegenen Dörfern weiter ihr Krampusritual, das Brauchtum überdauerte auch diese finstere Epoche.

Heute findet sich das Krampuslaufen im gesamten Alpenraum. Im Salzburgerland und im Stubaital ist es zu Haus, aber auch in Ost- und Südtirol, dort gelten das Pustertal und Gröden als Hochburgen. Ursprünglich sollten das wilde Gebaren und die schaurigen Masken auch die bösen Wintergeister vertreiben. Oder esoterisch formuliert: schlechte Schwingungen und negative Energien vom Tal bannen.

Brennende Heuballen und Explosionen

Früher zogen die Tuifl in dieser "Freinacht" meist unorganisiert durch die Dörfer. Wer sich bei ihrem Anblick nicht schnell genug aus dem Staub machte, der bekam schon mal eine Abreibung. Fremdes Eigentum ging häufig zu Bruch. Mitunter floss auch Blut. Heute wird jeder Tuifl polizeilich registriert und muss eine nummerierte Metallplakette auf dem Fell tragen. Das Tuifl-Nummernschild ist nicht zuletzt da, um im Zweifelsfall eindeutig identifiziert werden zu können. Denn auch heute noch fließt der Alkohol, und natürlich hat jeder Tuifl seine speziellen Freunde oder Widersacher im Dorf.

Vielfach sind die Tuifl-Läufe schon hollywoodreif choreografiert. Es gibt auch größere Treffen, wo bis zu 30 Tuifl-Gruppen mit bis zu tausend Krampussen den dörflichen Alltag völlig auf den Kopf stellen. Da rollen brennende Heuballen auf den Kirchplatz, es gibt jede Menge Explosionen und Feuerzauber. Die meisten Zuschauer bleiben da lieber brav hinter den Absperrungen und verfolgen die wilde Performance aus sicherer Distanz. Meist wagen sich nur die Einheimischen in das Getümmel.

Nach dem infernalischen Reigen sind auch die Tuifl völlig erledigt. Immerhin sind die Kostüme mit den riesigen Glocken bis zu 40 Kilogramm schwer. Zudem wird es unter den dicken Pelzen angesichts ekstatischer Tänze kochend heiß. Somit gerät der Tuifl-Lauf auch für die Krampusse selbst zur Läuterung.

Norbert Eisele-Hein/srt/abl

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