Tyler Brûlé in Kopenhagen Hohe Steuern, schönes Leben!

Schicke Hafenbecken und ein sexy Genpool: Kopenhagen hat es Tyler Brûlé angetan. Die dänische Metropole landet bei seiner Top 25 der Städte mit der höchsten Lebensqualität auf den vorderen Rängen. Auch drei deutsche Ortschaften schaffen es auf die Liste.

dapd

Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen, vielleicht auch nicht: Ich befinde mich seit zehn Tagen im Urlaub! Auf eine Woche im Gesundheitsressort Chiva Som (Hua Hin, Thailand) mit Laufen, Boxen, Pilates und Lesen sowie zwei kurze Zwischenstopps in Bangkok und Tokio folgte Kopenhagen.

Zunächst war ich gelinde gesagt skeptisch ob der siebentägigen verordneten Kalorienarmut, aber am Ende verließ ich das Chiva Som um ein paar Kilo leichter und mindestens 0,725 Zentimeter größer. Ich habe mich bemüht, nicht zu sündigen. Am Dienstag den Pommes im Oak Door in Tokio zu widerstehen, überstieg aber fast meine Kräfte - fast noch schwerer war es allerdings, am Mittwoch die Cocktail-Karte im Ruby's in Kopenhagen zu ignorieren.

Sowohl Tokio als auch Kopenhagen bieten zum Glück nur wenig Ausreden, die Jogging-Runde auszulassen, und dementsprechend munter trabten meine Laufschuhe am Donnerstag am Königspalast vorbei in Richtung Binnenhafen. Die Morgensonne tauchte die Stadt in warmes Licht, und als ich so am Wasser entlanglief, wurde ich regelrecht neidisch auf die Kopenhagener. Mal abgesehen davon, dass die Einwohner offensichtlich auf einen äußerst attraktiven Genpool zählen können, wurde ihr Hafen durch kluge Planung und Umweltschutzmaßnahmen zu einem architektonisch hochinteressanten Ort, der sogar zum Schwimmen einlädt.

Als ich an anderen Joggern und Fahrradfahrern auf dem Weg zur Arbeit vorbeikam, bemerkte ich die zusammengerollten Handtüchern in den Fahrradkörben. Wie großartig muss es sein, mittags das Büro zu verlassen, die Badehosen überzuziehen und schnell mal unterzutauchen.

Kein kunterbuntes Alphabet in Sicht

Viele Einstiegsleitern ermöglichen das Schwimmen im gesamten Hafenbecken. Der wahre Höhepunkt sind jedoch die gut designten Pools, in denen man in aller Ruhe seine Bahnen ziehen, tauchen und herumplantschen kann. Die schmale Konstruktionen aus Holz wurden in den vergangenen Jahren an verschiedenen Punkten entlang des Wassers errichtet, um den Leuten die Möglichkeit zu bieten, sich abzukühlen und loszuschwimmen, ohne auf den Verkehr im Hafen achten zu müssen.

Auf dem Rückweg zum Hotel träumte ich schon davon, mich in der dänischen Hauptstadt niederzulassen. Als ich die niedrige Bebauung musterte und dabei überlegte, mit welchen Möbeln von Rud Rasmussen ich meine Phantasie-Wohnung einrichten würde, fiel mir auf, dass die neueren Bürohäuser meist die Namen einheimischer Konzerne trugen - mit wenigen internationalen Logos dazwischen. Wo war das kunterbunte Alphabet von Google? Oder die klotzige Corporate Identity von HSBC?

Ich blickte zurück auf die breiten Fahrradwege, auf denen es nun von Pendlern wimmelte, dazu wettergegerbte Oldies, die ihre Bademützen für ihr morgendliches Sportprogramm aufsetzten, und Eltern, die Kinderwagen vor sich herschoben. Ein Schnappschuss, der alle Vor- und Nachteile Kopenhagens und Dänemarks enthielt. An der Oberfläche findet man all die Insignien einer fortschrittlichen, innovativen und liberalen Demokratie: eine Infrastruktur, die es Zehntausenden erlaubt, eher mit dem Rad zur Arbeit zu fahren als mit dem Auto, viel Geld für öffentliche Initiativen und noch mehr Geld für Programme, die Eltern eine lange Auszeit zugestehen, um ihre Kinder großzuziehen.

Das Fehlen internationaler Markenlogos hoch oben an den Gebäuden sollte all die Mamas und Papas auf den Straßen jedoch beunruhigen. Zu einer Zeit, in der die meisten Länder sich um internationale Talente und Investitionen reißen, würde man eigentlich erwarten, dass Unternehmer nichts lieber täten, als eine einfache Fahrkarte nach Kopenhagen zu buchen. Nur um dort in diesen tiefenentspannten Lebensrhythmus hineinzugleiten, in dem die alltägliche Plackerei ein Fremdwort und die Zahl der Urlaubstage hoch ist, mit einem straff gespannten Sicherheitsnetz, um die Unwägbarkeiten des Lebens abzufedern.

Einer der höchsten Steuersätze weltweit

Doch dagegen spricht einer der weltweit höchsten Steuersätze. Kein Wunder, dass es großen Firmen schwerfällt, einen Geschäftsführer davon zu überzeugen, seinen Wohnsitz von Singapur nach Kopenhagen zu verlagern, oder einen aufstrebenden Jungunternehmer zu überreden, sein Haus im grünen Melbourne zu Gunsten eines Pendants im ebenfalls grünen Hellerup aufzugeben. Aus diesen und ein paar weiteren Gründen lassen sich so wenige internationale Firmen von Bedeutung in Kopenhagen nieder und deshalb laufen die Räder all der Kinderwagen in den dänischen Straßen Gefahr, irgendwann abzufallen - dito in Schweden und Norwegen.

An diesem Wochenende erscheint die Juli/August-Ausgabe von "Monocle" mit unserer alljährlichen Rangliste der Städte mit der höchsten Lebensqualität. Die Gewinner sind erneut keine Überraschung, da sie alle Anforderungen vom Verkehrs- und Gesundheitswesen über die Bildung bis zu einer vernünftigen Stadtplanung mit relativer Leichtigkeit erfüllen.

Trotz Kopenhagens aktueller Probleme erreicht die dänische Hauptstadt dank der jahrelangen großen Investitionen eine hohe Platzierung (Rang drei). Sie sollte jedoch, wie viele andere Städte auch, überlegen, ob den Steuerzahlern wirklich Entsprechendes für das Geld geboten wird. Vielleicht stört es ja die Bürger, wenn sie zur Arbeit fahren, Krankenhäuser aufsuchen oder eine Runde Fußball im Park spielen, dass ihre Lebensqualität genauso hoch wie ihr Steuersatz ist?

Falls Sie neugierig sind, hier die Rangliste:
1.) Zürich
2.) Helsinki
3.) Kopenhagen
4.) Wien
5.) München
6.) Melbourne
7.) Tokio
8.) Sydney
9.) Auckland
10.) Stockholm
11.) Kyoto
12.) Fukuoka
13.) Hongkong
14.) Paris
15.) Singapur
16.) Hamburg
17.) Honolulu
18.) Berlin
19.) Vancouver
20.) Madrid
21.) Barcelona
22.) Portland
23.) San Francisco
24.) Montreal
25.) Genf



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