Tyler Brûlé fordert Arbeitsurlaub für alle!

Schluss mit dem Faulenzen in den Ferien: Wenn es nach Tyler Brûlé geht, dann sollten Familien im Sommerurlaub gefälligst arbeiten gehen. Schließlich gibt es noch viel zu lernen - und wer rastet, der rostet.

Einfach nur entspannen im Urlaub? Für Kolumnist Tyler Brûlé geht das überhaupt nicht
dapd

Einfach nur entspannen im Urlaub? Für Kolumnist Tyler Brûlé geht das überhaupt nicht


Auf der nördlichen Erdhalbkugel hat der Sommer offiziell begonnen: Millionen von Norwegern, Schweden und Finnen haben die Abwesenheitsnotizen ihrer E-Mail-Programme eingestellt, ihre Schreibtische aufgeräumt, die Familien eingesammelt und sind in die heiß ersehnten Ferien aufgebrochen.

Woanders werden die Urlaube nicht ganz so minutiös geplant - in Großbritannien bricht eher eine Art nationaler Wettkampf aus, wenn es ums Wegfahren geht. Die Schweiz wiederum beteiligt sich nicht an der allgemeinen Arbeitsniederlegung im August, so wie sie von Frankreich und Italien zelebriert wird. Viele Nordamerikaner müssen mit ein paar längeren Wochenenden auskommen statt mit Wochen voller Sonne und Spaß.

Ich finde, dass in den Ferien nicht alle in ihre Wochenendhäuschen, an einsame Strandbuchten und in ihre Alpenruhesitze rennen sollten. Meiner Meinung nach sollte man Familien dazu ermutigen, vielleicht sogar zwingen, im Urlaub einer Arbeit nachzugehen.

In der vergangenen Zeit bin ich vielen Führungskräften begegnet, die von ihren Unternehmen für einige Wochen in die Business Schools von Stanford oder Harvard geschickt wurden. Auch wenn mir bewusst ist, dass dort sicherlich viele nützliche Kontakte geknüpft und Methoden zur Kostenreduzierung gelehrt werden, habe ich Zweifel, dass die Beziehung zum Kunden dort zu den Schwerpunkten gehört - oder auch die Kunst, mit unberechenbaren Mitarbeitern umzugehen, Zusammenbrüche in Vertriebsketten zu kompensieren oder echte PR-Krisen zu lösen.

Nie wieder Gurus und Rollenspiele

Statt also etliche Millionen für Fortbildungen auszugeben, für Vorlesungen von Gurus und Rollenspiele für die Chefs, wäre es viel sinnvoller, sie in die Wildnis der kleinen Betriebe zu schicken und sie dort ein bis zwei Monate lang nach eigenem Gutdünken schalten und walten zu lassen.

In Gesellschaften, in denen der Unternehmergeist eine eher geringe Rolle spielt, sollten größere Firmen kleine Läden kaufen und sie in die Obhut ihrer Angestellten geben. Die Mitarbeiter könnten dort ein paar betriebswirtschaftliche Grundlagen erlernen.

In fortgeschritteneren Ökonomien sollte man das Geld, das bislang für Fortbildungen ausgegeben wird, in einen Fond umleiten. Dieser wäre perfekt für aufstrebende Vorstandsmitglieder, die damit dann Unternehmen aufkaufen, diese auf Spur und vielleicht sogar zum Wachsen bringen. Und um die Partner und den Nachwuchs bei Laune zu halten, wäre das Ganze ein Projekt für die gesamte Familie - jeder stünde jedem bei dieser Arbeitsferienzeit zur Seite.

Um den häuslichen Frieden zu wahren, wären die Ferienfirmen in einer attraktiven Umgebung angesiedelt, so dass die Freitzeit nach Strich und Faden genossen werden kann. Außerdem wären die Teilnehmer in gemütlichen Wohnungen in der Nähe untergebracht, es würde also nicht viel Zeit durch mühsames Pendeln verlorengehen.

Perfekte Mitarbeiterbindung

In der vergangenen Woche habe ich mich dafür eingesetzt, dass Studenten in den Semesterferien richtige Jobs annehmen, statt Mama und Papa dazu zu bringen, Bekannte mit Wünschen für bequeme Praktika zu nerven. Mit meinem neuen Plan könnten nun kontaktferne Manager ihre Kinder in ein "Familienunternehmen" einbringen. Sommerlager und -kurse gehörten dann der Vergangenheit an.

Da viele Leute davon träumen, mit Mitte 40 (nachdem sie zu viele Jahre im Büro gesessen haben) ihren eigenen Laden, ein Café oder Hotel aufzumachen, würde solch eine Initiative auch ein guter Beitrag zur Mitarbeiterbindung sein. Schließlich erlaubt sie es desillusionierten 47-Jährigen, sich einmal im Jahr den Wunsch nach einer Unternehmensgründung zu erfüllen, während sie die restlichen 50 Wochen weiterhin alle Vorteile einer Festanstellung genießen.

Die Unternehmen würden gleichzeitig von Managern profitieren, die mit frischen Ideen und besseren Kundenkontakten zurückkehren. Diese würden wiederum erkennen, wie herausfordernd es ist, seinen eigenen Laden zu schmeißen - und zwar ohne das gewohnte Sicherheitsnetz, das sie aus ihrer Firma kennen.

Ein Nachteil könnte sein, dass einige Manager vielleicht merken, wie sehr sie die Freiheit schätzen, ihr eigenes Geschäft zu führen und beschließen ihren Job zu kündigen - aber auch dies wäre eine Chance. Nicht nur könnte eine Firma in das Start-up eines ehemaligen Mitarbeiters investieren, es wäre auch für die Ökonomie im Ganzen besser, eine Kultur der Neugründungen zu fördern, statt das Bildungssystem mit Programmen zu belasten, die zu viel Theorie und zu wenig Praxis bieten.

Schickt sie alle nach Italien!

Wo soll man anfangen? Während meiner Ferien letzte Woche in Süditalien fielen mir mindestens ein Dutzend Unternehmen auf, die von ein wenig liebevoller Zuwendung durch erfahrene Geschäftsleute oder vielleicht Mitarbeiter mit internationaler Präsenz profitieren könnten.

Trotz der düsteren Wolken über Italien waren die Hotels so gut wie eh und je gebucht (laut der Manager und Eigentümer, mit denen ich sprach), in den Läden und Restaurants drängten sich Besucher aus Texas und Melbourne, und es war schwierig, noch ein ordentliches Boot zu chartern, da Inder, Brasilianer und Schweizer für die gesamte Saison vorbestellt hatten.

Von kleinen Einzelhandelsunternehmen auf Capri über die Gasthausbewirtung rund um Neapel bis zum Agrotourismus auf dem Land: Ich habe viel Zeit in der Sonne damit verbracht, über Firmen nachzudenken, die übernommen oder gegründet werden könnten.

Mit seinen sinkenden Immobilienpreisen, den Yachten in den Händen von Konkursverwaltern und den zum Verkauf stehenden Geschäften ist Italien für große Unternehmen der perfekte Ort. Hier sollten sie nach sonnigen Dörfern Ausschau halten, in die sie ihre klügsten Manager schicken können, um auf diese Art geschickt in die Mitarbeiterloyalität zu investieren und eine bessere Management-Kultur zu entwickeln.



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